Daumenkino special: LEVIATHAN

10 Meter hohe Wellen, Arbeiten bis zur Erschöpfung und abgetrennte Fischköpfe; aber auch ein Regen aus Seesternen und Flüge mit den Möwen: die beiden AnthropologenLucien Castaing-Taylor und Verena Paravel haben einen Dokumentarfilm über den gefährlichsten Arbeitsplatz der Welt gedreht, über die Hochseefischerei. Aber ihr Film Leviathan ist weit davon entfernt, ein gewöhnlicher Dokumentarfilm zu sein. Dank moderner, kleiner Digitalkameras konnten sie Bilder einfangen, von denen man nicht einmal ahnte, dass es sie geben könnte. Wir zeigen dieses außergewöhnliche Kinoereignis noch vor dem offiziellen Bundesstart am 21.5. im C1.

Auf ihrer ersten Tour mit dem Fischereiboot in den Gewässern New Englands (wo auch Kapitän Ahabs Tour begann) hatten die Filmemacher noch eine konventionelle Ausrüstung dabei. Und sie merkten ziemlich schnell, dass sie damit nicht weit kamen. Denn erstens muss jede/r auf einem Boot der Hochseefischerei mit anpacken; Fischer hier – Filmer dort, das gibt es da nicht. Und zweitens ging die komplette Ausrüstung sowieso beim ersten hohen Wellengang über Bord. Castaing-Taylor und Paravel unternahmen daraufhin einen neuen Versuch, diesmal mit einem Duzend sogenannter GoPros, das sind sehr kleine aber robuste Kameras, die Bilder in Full HD aufnehmen können und standardmäßig mit einem Gehäuse geliefert werden, mit dem die Kamera bis zu 60 Meter Tiefe wasserfest ist. Und diese Technik prägt ganz entscheidend diesen Film: die Kameras schwimmen auf dem Deck neben den Fischkadavern umher, sind an Wände montiert, gegen die Netze klatschen, werden durch das Wasser gezogen, befinden sich unter dem Schiff, in den Helmen der Fischer, werden in Netze gewoben oder fliegen mit den Möwen. Der Film hat keinen erklärenden Kommentar, er verwebt die einzelnen Aufnahmen zu einer Symphonie des Meeres, als Zuschauer wird man direkt in den Strudel gerissen. Der Ton wurde ebenfalls ausschließlich auf den jeweils zwei Wochen dauernden Touren aufgenommen, anschließend aber von Jacob Ribicoff, der sonst für größere und kleinere Filme in Hollywood im Sounddepartment tätig ist, nachbearbeitet. Dadurch wird bedient, was man sonst nur aus den Weltuntergangsfilmen kennt: es knallt, rumpelt, quietscht und schlürft: eine Symphonie des Grauens. Aber Leviathan ist nicht bloß ein Überwältigungsfilm. Es ist ein Film über Oberflächen und Texturen (aus diesem Grund läuft er auch im Zusammenhang des medienwissenschaftlichen Seminars “Ver-Ortungen. Die Oberflächen des Films zwischen Leinwand und Display”): Schuppen, Haut, Netze, Haare, Federn, Tattoos, Wasser und Stahl. Da die Kameras nur noch in Ausnahmen von Menschen gehalten werden, nehmen sie den Untergrund mit auf, auf dem sie befestigt wurden. Und wenn dann doch Menschen Menschen filmen, konzentrieren sich die Regisseure auf die Haut, die Härchen und die Tattoos. Leviathan ist kein Film, in dem man über die Hochseefischerei und die industrielle Ausbeutung der Meere belehrt wird, indem der Kommentar ergänzt, was in den Bildern nur angedeutet werden kann. In Leviathan werden die Oberflächen parallel gesetzt, das ästhetische Programm des Films ist zugleich auch seine Aussage: der Mensch auf der einen und die Natur (als Opfer, als Bedrohung) auf der anderen Seite, dieses sichere Rückzugsgebiet existiert in Castaing-Taylors und Paravels Bilderstrom nicht mehr.

Im Anschluss, ebenfalls im Rahmen des Seminars, gibt es dann noch ganz andere filmische Oberflächen zu sehen. Um 22:30 Uhr zeigen wir das Remake von Total Recall in der extended version & OmU (Len Wiseman, 2012). Der Film besticht vor allem durch seinen ornamentalen Einsatz von Lens flares. Lens flares (zu deutsch: Blendenflecken) sind Lichtreflexionen, die innerhalb der Linse stattfinden. Auf den Bildern sind sie als eckige Flecken oder Horizontale Streifen zu sehen. Sie betonen somit, was sonst transparent bleibt: die Oberfläche der Linse. Obwohl man diese Lens flares inzwischen digital erzeugen kann, haben Wiseman und sein Kameramann Paul Cameron während der Aufnahmen mit Taschenlampen in die Linsen geleuchtet, um so möglichst viele dieser Effekte zu erzeugen. Herausgekommen ist so ein ziemlich flotter Actionfilm, den man sich problemlos aber auch als ornamental verzierten Experimentalfilm ansehen kann.

Total Recall

Leviathan, F/UK/USA 2012
Regie, Produktion, Buch, Kamera, Schnitt, Ton: Lucien Castaing-Taylor & Verena Paravel
Verleih: arsenal distribution

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