Das Leben gehört uns


Juliette und Roméo lernen sich auf einer Party kennen und alles schreit nach Liebe auf den ersten Blick – nicht zuletzt wegen der symbolträchtigen Namen. Sie prognostizieren schon bei der ersten Begegnung spielerisch, sie würde wohl ein schreckliches Schicksal erwarten und ahnen noch nicht, wie sehr dies der Wahrheit entsprechen wird. Der Zuschauer weiß es schon, denn die erste Szene des Films zeigt Juliette mit einem 8-jährigen Jungen bei einer MRT. Man weiß, dass sich diese Szene zeitlich einige Jahre später abspielt als die des Kennenlernens. Und man weiß auch, dass das Kind das harte Schicksal durchstehen wird. Mit der Krankheit soll keine künstliche Spannung erzeugt werden, es geht nicht darum, sich permanent zu fragen “Wird er es schaffen oder nicht?”. Es geht vielmehr um eine Erkundung des Umgangs mit diesem Schicksal und zwar auf Seiten der jungen Eltern. Das ist die Stärke des Films, aber gleichzeitig auch ein Punkt, in dem er nicht ganz überzeugen kann.

Nach dem Kennenlernen folgen Szenen, die Juliette und Roméo im Liebesrausch zeigen. Sie rennen quasi durch ganz Paris und verbringen die Zeit mit romantische, verspielten, schönen Dingen. Innerhalb weniger Minuten wird das alles abgearbeitet und man hetzt durch den Beginn einer Beziehung bis mit dem Schrei eines Babys der nächste Schritt eingeleitet wird. Diese Hetzjagd ist natürlich absichtlich so gemacht, aber es fehlt einfach etwas. Zu viele Bilder, zu viel oberflächliche Harmonie, zu wenig Charakter. Alles schreit nach Klischee und man wünscht sich eigentlich, etwas mehr über die beiden Hauptfiguren zu erfahren. Enttäuscht wird man, sobald klar ist, dass sich der Rausch fast durch den ganzen Film ziehen wird und man am Ende auch nicht viel mehr über Juliette und Roméo und ihre Beziehung wissen wird. Alles kommt Schlag auf Schlag und keine Emotion wird wirklich zu Ende erzählt. Adam, der Sohn der beiden, erkrankt an einem Hirntumor, woraufhin seine Eltern beschließen stark zu sein, die Krankheit nicht siegen zu lassen und dem Krebs den Krieg zu erklären – La guerre est déclarée heißt der Film treffend im Original (wie es immer wieder zu dermaßen unpassenden und bescheuerten deutschen Titeln kommt, werde ich wohl nie verstehen).

Es stimmt also nicht ganz, dass man nichts über die Charaktere der Hauptfiguren erfährt, immerhin sieht man die Liebe für Adam und füreinander ganz deutlich und man weiß auch, dass sie stark sind und sich gegenseitig Kraft geben. Allerdings wird so viel in den Film gepackt, dass es irgendwo Abstriche geben muss. Deshalb drängt sich das Gefühl auf, man sieht nur, was Juliette und Roméo erleben und nicht wirklich wie sie es schaffen, damit umzugehen. Man sieht auch die Konflikte, die Probleme, aber alles bleibt auf einer leichten, immer lebensbejahenden Ebene. Momente der Verzweiflung und Hilflosigkeit sind, wenn überhaupt vorhanden, kurz und schmerzlos und sie erholen sich schnell, auch aufgrund der Unterstützung von Familie und Freunden. Das gezeichnete Bild ist positiv, der Film will Hoffnung geben und das soll hier auch gar nicht verurteilt werden. Problematisch ist nur, dass er deswegen manchmal zu sehr in die Leichtigkeit abdriftet. Schwere Schicksalsschläge mit Hoffnung und Humor zu verbinden ist im Film keineswegs verboten – es ist nur eine enorme Herausforderung, die richtige Zusammensetzung zu finden. Vielleicht ist es auch der filmische Stilmix, der wahrscheinlich abwechslungsreich wirken soll, aber letztendlich einen Eindruck von Unentschlossenheit hinterlässt. Zu Irisblenden, einem ungewöhnlichen Musikmix, Gesangseinlagen und Bildern von grell-bunt bis grau kommt ein immer wiederkehrendes Voice-over. Letzteres fasst an verschiedenen Stellen der Erzählung die Geschehnisse zusammen oder füllt Lücken, die filmisch nicht gezeigt werden. Das ist schade, weil genau diese Ereignisse vielleicht mehr über die Figuren selbst preisgeben könnten. Das Voice-over ist wohl das einfachste Mittel, um so viel Geschichte in so wenig Zeit zu pressen, allerdings wirkt es wie ein Fremdkörper, der dem Zuschauer ein Stück der Geschichte wegnimmt, anstatt etwas hinzuzufügen.

Valérie Donzelli, die auch Regie führte, hat das Drehbuch gemeinsam mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten Jérémie Elkaïm geschrieben. Die beiden spielen die Rollen von Juliette und Roméo selbst. Ihre Geschichte ist stark autobiografisch geprägt, da beide etwas Ähnliches erlebten, als ihr Sohn schwer erkrankte. Auch wenn nicht klar ist, inwieweit sich tatsächlich Erlebtes mit Fiktion vermischt, wird doch deutlich, dass eine gewisse Energiegeladenheit im Film steckt, weil das Ganze auch im wirklichen Leben so empfunden wurde. Man kann darüber streiten, wie das Ergebnis als Film wirkt, ob das nicht doch alles ein bisschen zu viel ist, ein bisschen zu nervig, ein bisschen zu aufgeregt. Vielleicht ist diese Übertreibung aber auch essenziell für den Charakter einer Kriegserklärung.

La guerre est déclarée, Frankreich 2011, 100′
Regie: Valérie Donzelli
Buch: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm
Kamera: Sébastien Buchmann
Besetzung: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm
Verleih: Prokino
Kinostart: 26.04.2012

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>