Dämonen und Wunder

Dheepan ist als Flüchtling aus Sri Lanka nach Frankreich gekommen. Zusammen mit Yalini und der kleinen Illayaal haben sie sich mit falschen Pässen eine Scheinidentität als Familie aufgebaut, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Das Projekt scheint zu funktionieren und Dheepan bekommt einen Job als Hausmeister in einem heruntergekommenen Sozialbau, der abseits liegt und von Drogendealern kontrolliert wird. So wie Dheepan sie mustert, ist schnell klar, dass es hier nicht zu friedlicher Koexistenz kommen wird, schließlich war er auch im Krieg. Und es ist natürlich die Pointe des Films, dass das Schlachtfeld in Frankreich nicht aufhört, die kriegerischen Auseinandersetzungen aber nicht auf Ausländer reduziert, sondern hier von französischen Jugendlichen verantwortet werden.

Die größte Leistung des Films ist es, die trostlosen Sozialwohnungen und -bauten nicht bloß als deprimierend anklagende Kulisse zu filmen, sondern als interessanten Hintergrund, den man nach soundsovielen Sozialdramen ausgelaugt glaubte. Zudem hat Audiard darauf geachtet, dass das Universum des Films, das zum großen Teil eben in diesen merkwürdigen, wie isoliert in der Welt stehenden zwei Hochhäusern spielt, recht klischeefrei gefilmt wurde. Die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft, die sich dort findet und bekriegt, kann somit nicht auf Hautfarbe, Geschlecht oder Alter reduziert werden. Audiard bezeugt glaubhaft sein Interesse am Schicksal der Protagonisten und weicht nicht auf leicht zu formulierenden Sozialkitsch aus.

Das Problem, das der Film dennoch hat, liegt tiefer und ist eng verbunden mit Audiards Filmen selbst und seinem Interesse am Archaischen. Un prophète (2009) zeigte die eigenen Gesetze und Lebensformen in einem französischen Gefängnis und De rouille et d’os (2012) brachte körperliche Behinderung und der Brutalität von Straßenkämpfen zusammen. Audiard geht es darum, ein positives Menschenbild in einer brutalen, körperbetonten und rücksichtslosen Gesellschaft herauszuarbeiten. Dieser Gestus des Kräftigen und Direkten verstellt viel in den sonst immer interessanten Geschichten und Settings, die Audiard auswählt. Es sind Filme über das Letzte, das Ursprüngliche, nicht aber über Zwischentöne und Details. Und so wird Dheepan letztendlich reduziert auf seine Herkunft als Krieger, wenn er im finalen Kampf mit der Machete gegen die Drogendealer loszieht. Schön, dass wir keinen weiteren Film über den schwachen und ausgebeuteten Flüchtling sehen müssen, schade, dass aber auch hier Herkunft in Exotismus und Konfrontation resultieren. Um Dheepan (so der Film im französischen Original) etwas abzugewinnen, muss man die Perspektive ändern. Audiard hat keinen Film über Flüchtlinge gedreht, sondern einen über sein eigenes Land, über Frankreich. Denn es wird deutlich, dass Frankreich hier weder Ziel noch Paradies ist, sondern im Grunde selbst gefährliches Kampfgebiet. Diese Perspektive kippt mit dem Schluss schon fast ins Parodistische, wenn Dheepan und seine “Familie” in England angekommen sind, das nun in hellen, warmen Farben erstrahlt und aussieht, als würde man hier nicht die letzten Minuten eines Dramas sondern den Beginn einer Heile-Welt-Soap aus den 80ern sehen.

Dheepan, F 2015, 109’
R: Jacques Audiard
B: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Noé Debré
K: Éponine Momenceau
mit Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Sirinivasan
im Verleih von Weltkino, Bundesstart: 10.12.2015

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