Creepy

Sektion: Berlinale Special Gala (warum?!) / R: Kiyoshi Kurosawa / J 2016 / 130′114733.jpg-c_640_360_x-f_jpg-q_x-xxyxxEs mag floskelig klingen, aber es muss einfach raus: Creepy ist ein hochspannender, formal mehr als nur beachtlich konstruierter Thriller. Regisseur Kiyoshi Kurosawa weiß gekonnt hermetisch dichte Suspense-Loops zu schnüren und wagt die für ihn typischen Übergriffe ins Horror-Genre, ohne, dass er dabei die Konzentration verliert und diegetisch ins Schlingern gerät. Eine gewisse Hin- und Hergerissenheit lastet stattdessen auf den Schultern des Mordermittlers Takakura, der fast von einem seiner Berufs-Subjekte umgebracht wird und aus diesem Grund in den sicheren, aber langweiligen Schoß einer Universität flüchtet. Als Dozent für Kriminalpsychologie kann er seine Begeisterung für das who-done-it-Spiel aber nicht abstreifen und nimmt sich einem seit Jahren ungeklärten Mordfall an, der ihm und seiner Frau bald ziemlich drastisch auf den Leib rückt.

Horrorfilme setzen bekanntlich einen Wissensvorsprung der Zuschauer gegenüber den Filmprotagonisten voraus, um zu wirken. Dieser Wissensvorsprung entsteht nicht nur, ganz klassisch nach Hitchcock, wenn wir wissen, wer der Mörder ist, weil wir ihm beim Morden zugesehen haben, die Personen im Film hingegen nicht. Vorsprünge entstehen auch durch Einsatz und Zuspitzung unheilvoller Musik und Sounds, die unsichtbare Bedrohungen für den Zuschauer hörbar machen und durch ein aktiviertes kulturelles Gedächtnis, das Tropen wiedererkennt und Effekte dekonstruiert. Ein bedächtiger Zoom auf ein Haus bei gleichzeitigem Aufkommen von Wind ist ein unmissverständlicher Code für „es ist etwas fischig hier“.

Eine gewisse Selbstreferentialität wird von Horrorfilmen heutzutage erwartet, weil, well, der Drops scheinbar längst gelutscht ist. Im Zentrum steht dann eher das Wie, als das Was. Das Was, in Creepy ein eumeliger Nachbar mit Wahnsinn im Blick, einige Morde und schauderhaftes Interieur, all das in ein Verhältnis gebracht, kennt man aus anderen Filmen, das Wie, jedoch, trennt die Spreu (die gefühlt hunderttausendste Umheimliches-Mädchen-mit-langen-schwarzen-Haaren-im-Gesicht-Direct-to-DVD-Schauermär-Schoße) vom Weizen (Creepy und auch toll und aktuell, aber ganz anders: David Robert Mitchells It Follows). Das Jonglieren mit Horrorfilm-Versatzstücken gelingt Kurosawa insofern, als dass er die Annäherungsprozeduren der Unbescholtenen an die Bedrohung in das Wesen eines Hundes schreibt.

Max, der Hund, fungiert als Medium, das zwischen den Polen Angezogen- und Abgestoßenheit kommutiert. Die canine Naivität des Tieres und dessen Neugier treibt ihn zwischen Orten und Akteuren (Protagonist – Antagonist) umher, sein Instinkt, der ihn ab und an warnt aber auch betrügt, wenn er dem Bösen das Händchen leckt, entfaltet eine eigene kleine Geschichte. Max ist Herr seiner Intradiegese in einer filmischen Parabel auf Menschen im Film, die nicht wissen, dass Sie die Hauptrolle in einem Horrorthriller spielen. Das Schöne daran: Creepy fühlt sich nicht an wie ein Metafilm, die gerne mal ihr Spannungskontinuum durch überstrapaziertes Selbsterkennen sabotieren. Der Film balanciert primär auf dem roten Faden seiner exzellent inszenierten und an den Nerven zupfenden Narration, in der einen selbst wunderschöne Brüche wie eine expressionistisch angehauchte Autofahrt nicht wachrütteln.

Und was wird in diesem Film eingedrungen: Takakura zu tief in die cerebralen Strukturen von Psychopathen, seine Frau wiederholt in die Comfort-Zone der Nachbarn, Drogencocktails in Venen, Absaugstutzen in überdimensionierte Frischhaltebeutel, die schnörkellos geführte Kamera in zwischenmenschliche Dilemmata und ein Ermittler in eine Fallgrube, in ein materialisiertes Logikloch, ohne das selbst ein herausragender Film wie Creepy nicht funktionieren würde. Für Horrorfilme mag gelten, dass allzu viel Räson jene zum Stillstand zwingt.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>