Chi-Raq

(USA 2016, Regie: Spike Lee) (Wettbewerb, außer Konkurrenz)

von Lasse Kohlmeyer

Ein Rapsong treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weiß auch nicht, was los ist. Vielleicht sind das einfach nur Ermüdungserscheinungen. Drei Filme am Tag und das zehn Tage am Stück. Ich weiß auch noch nicht, was mich diesmal erwartet. Die Zusammenfassungen zu den vielen verschiedenen Filmen lese ich schon längst nicht mehr. Beim Intro fühle ich mich an andere erschütternde Filme der letzten Tage erinnert; ich fühle mich ein bisschen so, als hätte ich 24 Stunden lang immer neue und immer schlimmere Nachrichten geschaut. Jetzt also Chi-Raq mit einem Intro, das Afghanistan und den Irak thematisiert, das per Einblendung vor drei Flaggen – Aghanistan, Irak, Chicago – mitteilt, dass allein in Chicago im Zeitraum 2001 bis 2015 mehr US-Amerikaner gestorben sind als im gleichen Zeitraum in beiden Kriegen zusammen. Seit ich National Bird gesehen habe, den Dokumentarfilm über den Drohnenkrieg im Panorama, weiß ich ja auch, weshalb es nur so wenige sind.

Samuel L. Jackson erzählt etwas von Griechen und von Versmaßen, die Verbindung zum Rap

ergibt sich in meinem Kopf. „Aha, rappende Griechen und griechischer Rap!“, denke ich. Tatsächlich sind fast alle Dialoge in Chi-Raq gereimt. Das mutet ein bisschen an wie eine Gutenacht-Geschichte (trotz der vielen Schimpfwörter) oder wie eine zum Glück noch nicht existierende, aber denkbare Episode der Serie Better Call Saul, die, um etwas ganz besonders zu machen, durchgehend in gereimten Dialogen gesprochen wird. Ich gewöhne mich daran.

Samuel L. Jackson tritt immer wieder auf und kommentiert, die vierte Wand durchbrechend, die Handlung. Er spielt eine althergebrachte Erzählerfigur, hat aber auch etwas von einem Moderator und lässt das Gesehene grotesk werden, bevor es später allein aus der Handlung heraus absurd wird. Diese spielt sich um zwei verfeindete Gangs herum ab, die Trojaner und die Spartaner, die einen in Violett, die anderen in Orange. Ihre Feindschaft führt zu einer Gewalt, die auch unbeteiligte Opfer fordert. Um die Gewalt zu beenden, vereinen sich zunächst die Frauen beider Gangs, schließlich die Frauen der gesamten Welt, in einem Sexstreik. Bei den Auswirkungen dieses Streiks driftet Chi-Raq ins Spekulative ab; vergleichbare Streiks in diesem Ausmaß gab es wahrscheinlich noch nicht. In Chi-Raq verlieren die Männer durch den Streik teilweise ihren Verstand.

Ich denke, dass der Film sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Das ist ein großes Glück oder gelungenes Kalkül, denn sonst müsste er sich wahrscheinlich Sexismus-Vorwürfen stellen. Wenn Frauen als einzige Möglichkeit der Einflussnahme bleibt, ihren Männern den Sex vorzuenthalten, dann muss man das natürlich kritisch hinterfragen. Mir hat dieser absurde und groteske Film vor allem eines gezeigt: Auch in so ernste Themen wie sinnlose Gang-Gewalt kann Leichtigkeit gebracht werden. Die Tränen sind schon längst nicht mehr in meinen Augen. Auch wenn Chi-Raq kein feelgood-Film ist, hilft seine Leichtigkeit, Distanz zu den schrecklichen Themen zu gewinnen, von denen viele Berlinale-Beiträgen erzählen.

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