Cemetery of Splendor

Draußen wird gebaggert: in Apichatpong Weerasethakuls neuem Film geht es ums Freilegen und um das Verhandeln von Sichtbarem und Unsichtbarem. Drinnen, da befinden sich Soldaten, die von einer merkwürdigen Schlafkrankheit befallen sind. Reglos liegen sie in einem großen Gemeinschaftssaal und werden ab und an von ihren Familien besucht. Zwei Frauen halten sich regelmäßig bei den Schlafenden auf: Jenjira (die seit 2002 immer wieder bei Weerasethakul auftauchende Schauspielerin Jenjira Pongbas) hat die Patenschaft für den alleinstehenden Soldaten Itt (Banlop Lomnoi, der bereits in Weerasethakuls Tropical Malady von 2004 einen Soldaten spielte) übernommen, wäscht ihn, tupft ihm den Schweiß von der Stirn und spricht mit ihm. Und Keng (so hieß der Soldat in Tropical Malady, hier wird Keng aber von Jarinpattra Rueangram gespielt): ein Medium, das mit den Schlafenden Kontakt aufnehmen kann und sich so etwas Geld dazu verdient, wenn die Angehörigen sie darum bitten, herauszufinden, ob er eine Geliebte habe oder welche Farbe die renovierte Küche haben soll.
Angeblich sollen die Soldaten in Schlaf gefallen sein, weil an der selben Stelle, an der sich nun ihre Kaserne befindet, vor 2000 Jahren ein Kampf stattgefunden hat und die Kräfte von einst immer noch am Kämpfen sind und dafür die Energie der Soldaten anzapfen müssen.

Natürlich gibt es keine Bebilderung der Geschichte oder der Träume, von denen Keng erzählt, wir müssen den verschiedenen Erzählungen glauben oder nicht. Es ist vielmehr so, dass das Unsichtbare Auswirkungen hat auf die sichtbare Realität, beispielsweise wenn einer der Schlafenden plötzlich eine Erektion bekommt, was die beiden Frauen lachend kommentieren.
Damit die Träume angenehm bleiben, schafft das Krankenhaus Maschinen an, die die Träume der Soldaten beeinflussen sollen. Wie große Infusionsständer stehen sie neben den Betten und leuchten lavalampenähnlich; sie sollen bereits bei amerikanischen Afghanistanveteranen zu Einsatz gekommen sein.
Plötzlich wacht Itt auf, und es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihm und Jenjira. Eine Freundschaft jedoch, die bedroht ist von dem immer wiederkehrenden plötzlichen Schlafanfällen, die ihn jederzeit, beispielsweise beim Essen in der Kantine heimsuchen können. Trotzdem wagen sie einen Ausflug ins Einkaufszentrum der Stadt und gehen auch ins Kino. Nach Ende des Films schläft Itt wieder ein und muss zurückgebracht werden. Aber die Kamera geht noch ein bisschen durch die Stadt und zeigt die nächtlichen Plätze, die allesamt von einer farbigen, nicht im Bild sichtbaren Lichtquelle erleuchtet werden. Es ist das Licht der Lavalampe, das sich hier über diese Bilder legt und sie somit auch als die Bilder der Schlafenden markiert.

Das Medium rät Jenjira zum Aufwachen die Augen ganz weit aufzumachen, und am Ende des Films schaut sie deswegen mit weit geöffneten Augen. Eyes Wide Shut – wie bei Kubrick ist es am Schluss aber schon zu spät, um noch beurteilen zu können, was welcher Realitätsstufe zugeordnet werden kann.
Zuvor gibt es jedoch in der längsten und schönsten Sequenz des Films noch eine weitere Variation über das sichtbare Unsichtbare. Jenjira geht mit dem Medium durch den ans Krankenhaus angrenzenden Wald. Da sie in den Träumen gesehen hat, wie das Areal vor 2000 Jahren ausgesehen hat, kann sie genau beschreiben, wo man sich nun befindet: hier ist ein Gang des Palastes, hier die Gemächer der Prinzessin, Vorsicht, hier ist eine Stufe. Jenjira hingegen beschreibt, was anhand von Markierungen an den Bäumen abzulesen ist: wie hoch hier das Wasser bei der letzten Flut stand, das sich mit dunklen Strichen an der hellen Rinde eingeschrieben und so ebenfalls Spuren hinterlassen hat. Bei Cemetery of Splendor ist der Raum ein Zeitspeicher, der verschiedene Realitäten beinhaltet und miteinander in Beziehung bringt. Der Friedhof der Herrlichkeit ist das Kino selbst.

Rak ti Khon Kaen, Thailand/UK/F/D/Malaysia/Südkorea/MEX/USA/Norwegen 2015, 122’
R+B: Apichatpong Weerasethakul
K: Diego Garcia
mit Jenjira Pongpas, Banlop Lomnoi, Jarinpattra Rueangram
im Verleih von REM, Bundesstart am 14.1.2016

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