Burning Birds

Sanjeewa Pushpakumaras zweiter Langfilm Burning Birds erzählt eine klassische Leidensgeschichte der Witwe Kusum (Samanalee Fonseka), die nach der Ermordung ihres Mannes durch die Hände einer paramilitärischen Gruppe die acht Kinder starke Familie mit allen Mitteln über die Runde bringen muss. Vielleicht ist die Narrative dabei zu klassisch – zu rund erzählt, um nicht aus der Feder eines Autors zu stammen. Handlungselemente binden die Handvoll Charaktere zusammen, den Peinigern trifft man in alltäglichen Szenarios wieder und natürlich erfährt der Verantwortliche für den Mord des Mannes am Ende seine wohlverdiente Rache. Anstatt aber ein Manko zu sein, entpuppt sich diese Tatsache zusammen mit der Filmästhetik als wohlüberlegte Strategie, die parallel zum Handlungsgeschehen eingefädelt wird.

Gefangen zwischen Armut und Hilflosigkeit begibt sich die Protagonistin und Witwe auf den steinigen Weg zum Erhalt der Lebensgrundlagen für ihre Großfamilie. Ein Knochenjob folgt dem nächsten bis die Fährte im Licht der Alternativlosigkeit in der Prostitution endet. Dabei muss sie nicht nur die hiesigen patriarchialen Strukturen ertragen, die sie zum Mensch zweiter Klasse machen, sondern auch die erbarmungslose körperliche und seelische Härte von Steinbruch, Schlachterei und Sexarbeit durchleben. Als auch die letzte Verdienstmöglichkeit über die Finalität einer polizeiliche Razzia zum erliegen kommt und ihr Weg sie ins Gefängnis führt, bleibt für ihre Familie nur die Flucht in ein neues Leben und für sie die baldige Rache.

Während Kusum aber ihren Leidensweg beschreitet, geschieht in einer medienkritischen Wendung etwas ganz anderes. Neben der klassischen Erzählstruktur, welche zusammen mit den ästhetischen Entscheidungen als entlarvendes Indiz der Doppelbödigkeit des Films erscheint, werden wir Zeug*innen von Innenräumen, die geradezu bühnenhaft aufgebaut sind. Das bewohnte Haus bietet der Familie wie den Rezipierenden eine kahle Kulisse mit kaum mehr als den Elementen, die motiviert durch die Handlung unbedingt benötigt werden. Eintönige Wände oder gar abstrakt wirkende Hintergründe sowie die minimalistischen Kulissen degradieren das auf der Oberfläche mit so viel Härte, Brutalität und Empathie vorgetragene Schicksal zur irrealen Theaterbühne. In plakativster Weise zeigt dies ein Selbstmord durch Erhängen zu Ende des Filmes.  Ästhetisch und minimalistisch in Szene gesetzt, aber in der Logik der Welt eine Unmöglichkeit. Das Seil ist so hoch, der Raum so leer, so glatt, dass sich nicht erklären lässt wie jemand sich dort hätte erhängen können. Hier kommt am deutlichsten die Bühne zum Vorschein, die auf pure Ästhetik heruntergebrochen ist –  auf Kosten der immanenten Logik der Welt. Ambivalent wird dieser Eindruck hingegen, wenn Kusum die privaten Räume verlässt und auf dem Arbeitsplatz oder in der Stadt mit detailliert in Szene gesetzten Lebenswelten konfrontiert wird.

Es ist eben beides: Ein zu Teilen unerträglich intensives Portrait einer Elendsgeschichte und die gleichzeitige Reflektion auf das dadurch heraufbeschworene Bild über Sri Lanka und das Frausein in diesem Land, ohne dass eine Seite die andere negieren würde. Einerseits den Blick auf unrepräsentiertes Leid und ungezeigte systematisch repressive Gewalt zu öffnen und andererseits das Scheinwerferlicht auf das im Westen so bekannte Schauspiel der weit entfernten Opferfigur Frau zu werfen, das vermutlich öfter als allgemein angenommen den Blick für andere Selbstpositionierungen in uns weitgehend fremden Ländern verstellt.

32. Filmfest Braunschweig, Sektion: Beyond: NO SURRENDER.

Burning Birds, Sri Lanka 2016, 84 Min.

Regie & Buch: Sanjeewa Pushpakumara

Kamera: Kalinga Deshapriya

Schauspieler*innen: Anoma Janadari, Samanalee Fonseka, Mahendra Perera

Verleih & Bildrechte: Film Republic

Weitere Vorführungen:

09.11.2018, 21:00 Uhr, LOT-Theater Braunschweig
10.11.2018, 23:30 Uhr, C1 Cinema Braunschweig

 

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