Brownian Movement (Berlinale)

Der Trend geht zur Fick-Maschine (siehe Seeßlen in der aktuellen Spex), aber Charlotte (Sandra Hüller) interessiert sich nicht für sauberen, oberflächlichen, ergebnisorientierten Sex. Wenn sie fremd geht, sucht sie sich Männer aus, die alle nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen: sie sind besonders behaart, stark übergewichtig, besonders alt oder einfach hässlich.Und es sind diese Details, die sie beim Sex und danach wahrnimmt, die Härchen, die Speckrollen, die Glatze. Der Film nimmt dabei nicht ihre Perspektive auf, sondern verdoppelt sie. Wie auf einem Seziertisch werden die Protagonisten gefilmt – und einsam wirken sie in den CinemaScope-Bildern. Man sieht von Charlottes Männern auch nur Ausschnitte. Beinahe jede Winstellung thematisiert die Versuchsanordnung, den sezierenden Blick: lange Gänge führen ins Hintere des Bildes, Rahmungen verdeutlichen die Begrenzung, Möbel und Mauern unterteilen das Bild in Vorder- und Hintergrund. Der erste Teil des Films spielt in dem Raum, in dem sie die Männer empfängt, der zweite bei der Psychaterin, zu der sie mit ihrem Mann muss, nachdem ihr Tun aufgeflogen ist. Und auch die Psychaterin verbleibt die meiste Zeit im Off. In langen Großaufnahmen scheint Charlotte langsam eins zu werden mit dem unscharfen Hintergrund. Erst im dritten Teil gibt es eine Auf- und Erlösung. Da sie ihre Männer nicht auf der Straße rekrutierte sondern unter ihren Patienten auswählte, kann sie nicht länger als Ärztin arbeiten. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern fahren sie nach Indien, wo er ein Bauprojekt betreut. Charlotte verlässt morgens das Haus, um sich in einem verlassenen Rohbau zu verlieren. Im Chaos der Stadt ist es nicht mehr der Zuschauer, der ihr folgt, sondern ihr Mann. Und das Ende ist eine lange Fahrt über die Steppe, keine Begrenzungen des Blicks mehr, weder durch das Fenster noch durch Architektur.

Sandra Hüller macht die Brigitte Bardot

Brownian Movement
Niederlande, Deutschland, Belgien, 2010, 102 min
Englisch, Französisch
Regie: Nanouk Leopold
Darsteller: Sandra Hüller, Dragan Bakema, Sabine Timoteo
Sektion: Forum (Berlinale)

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