Boy Erased

Filme mit LGTB-Charakteren in tragenden Rollen nehmen inzwischen seit mehreren Jahren schon einen immer größer werdenden Teil im Kino-Mainstream ein – zu Recht. Diese Geschichten verdienen es genauso sehr, erzählt zu werden und ein nicht unwesentlicher Anteil des Publikums dürfte sich in diesen wiederfinden. Allerdings lässt sich gerade in größeren Produktionen ein Trend beobachten, der die Euphorie queerer Kinogänger deutlich trüben dürfte. Zahlreiche Filme, die zwar LGTB-Charaktere aufweisen, scheinen allerdings für ein eher heterosexuelles Publikum konzipiert worden zu sein. Außer Homosexualität werden kaum andere sexuelle Orientierungen, die von der Heterosexualität abweichen, thematisiert, Trans*-Identitäten sucht man vergebens, und statt Realismus und Happy Ends gibt es beinahe ausschließlich nur dünn geschriebene Tragödien. So oder so ähnlich ist es auch der Fall bei Boy Erased.

Besonders bitter ist dies hinsichtlich des Grundthemas dieses Films, was auch heute leider noch für Queere* sämtlicher Altersgruppen aktuell ist: die Konflikte mit streng religiösen Eltern und die Auswirkungen von Umerziehungsprogrammen, die nach wie vor in viel zu vielen Ländern zulässig sind. Hinzu kommt die Tatsache, dass mit Boy Erased die Autobiografie von Garrard Conley verfilmt wurde, die Geschehnisse somit auf realen Tatsachen basieren. Und trotzdem will dieser Film einfach nicht funktionieren.

Nachdem Protagonist Jared am College vergewaltigt wurde, wurde er gleichzeitig vor seinen Eltern als schwul geoutet – für diese bricht ihre bisher heile Welt zusammen. Dass ihr eigener Sohn sexuelle Gewalt erfahren hat, ist dabei allerdings nebensächlich bis unwichtig, denn viel schwerer wiegt die vermeintliche Homosexualität Jareds, gegen die sie sofort angehen möchten. Vor allem Jareds Vater, ein populärer Pfarrer, möchte diesen „Makel“ an seinem Sohn ausmerzen. Deswegen wird Jared gegen seinen Willen bei einem christlichen Umerziehungskurs angemeldet. Doch anstatt dort von seiner Sexualität „geheilt“ zu werden, findet Jared Gleichgesinnte – und vielleicht auch sich selbst.

Was zunächst nach einem ordentlichen Plot klingt, führt letztendlich schnell zu Ernüchterung. Die Schicksale der Charaktere lassen kalt, was zwar zunächst für ein schlechtes Gewissen sorgt, aber gleichzeitig ist es kaum möglich, Empathie für auch nur einen von ihnen zu erzwingen. Dazu sind die Charaktere zu eindimensional, zu leblos gespielt, und vor allem ist die Handlung viel zu vorhersehbar. Zäh führt ein Plotpoint zum nächsten, während man den übernächsten schon längst kommen sieht. Wenn der Suizid einer Figur die Zuschauer*innen unberührt zurücklässt, macht ein Film etwas sehr Grundlegendes sehr falsch.

Woher sollte die Empathie aber auch kommen? Viel zu passiv und scheinbar gleichgültig nimmt vor allem Protagonist Jared sein Schicksal hin. Dass er schwul ist, wird nach seiner Vergewaltigung über seinen Kopf hinweg für ihn entschieden, dass er die Therapie braucht, ebenso, und dass diese Therapie für ihn nicht gut ist, scheint er auch erst dann zu bemerken, nachdem andere ihn darauf hinweisen. Ihm wird nicht genug Luft, genug Zeit, gelassen, über sich selbst nachzudenken.

Momente, die berühren und Jareds Innenleben zeigen, sind leider viel zu rar gesät. Zwar sind sie gelungen und zeigen, was der Film sich vorgenommen hatte, doch sie schaffen es nicht, den dürftigen Gesamteindruck zu retten. Der Moment, in dem Jared seine Wut über sich, seine Sexualität und der mit der Therapie einhergehenden Scham an einem Werbeplakat, dass einen attraktiven Mann zeigt, auslässt, scheint beinahe wie aus einem gänzlich anderen Film. Mehr solcher Momente, in den Jared ein eigener Charakter ist, statt nur Projektionsfläche für die Wünsche, Ängste und Erwartungen seiner Umwelt, hätten ihm und dem Film viel mehr Tiefe und Bedeutung verliehen.

Aber auch die übrigen Charaktere schaden dem Film mehr, als dass sie ihn bereichern. Jareds Eltern etwa sind perfekte Abziehbilder eines Klischees, die Mutter zunächst in der besorgten und stets konservativ geprägten Rolle, die sich jedoch dann quasi über Nacht zur bekehrten Übermutter aufschwingt und ihren Sohn – lobenswerterweise! – aus der Therapie rausholt. Der Vater ist zunächst ihr Verbündeter, dann ihr Gegner, denn als Pfarrer hält er noch lange an seiner Einstellung fest. Die schwarzweiße Rollenverteilung wird im Verlauf des Films immer deutlicher – und plakativer.

Dass dieser Film auf einer Autobiografie basiert und die Charaktere reale Vorbilder haben, wie der Abspann informiert, klingt beinahe unglaublich. Eine Geschichte aus dem wahren Leben, die etwas erzählt, was das Schicksal vieler prägt, sollte sich auch auf der Leinwand echt anfühlen. Doch an Boy Erased scheint nichts echt, nichts lebendig. Dramatik und Kitsch ersticken jeden Versuch von Authentizität im Keim. Dabei hätte dieser Film so viel mehr sein können, was bei seiner wichtigen Botschaft wünschenswert gewesen wäre.

Interessanterweise hat Boy Erased für seinen Deutschlandstart einen neuen Namen bekommen, und zwar nicht einfach nur eine Übersetzung des Originals, sondern mit Der Verlorene Sohn sogar einen gänzlich neuen, wenngleich den ursprünglichen Sinn treffenden, Titel. Die biblisch anmutende Konnotation passt überraschend gut zum christlich geprägten Inhalt des Films und, leider, entspricht die über-dramatische, kitschige Nuance des deutschen Verleihtitels auch dem Inhalt des Film etwas zu gut.

 

Boy Erased, USA 2018, 115 Min.

Regie: Joel Edgerton

Buch: Joel Edgerton, Garrard Conley

Kamera: Eduard Grau

Schauspieler: Lucas Hedges, Nicole Kidman, Joel Edgerton, Russell Crowe, Xavier Dolan, Troye Sivan

Verleih: UNIVERSAL Pictures International Germany

Kinostart: 21. 02. 2019

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