Blue Ruin

Regisseur und Drehbuchautor Jeremy Saulnier kreiert in Blue Ruin den Hauptcharakter Dwight (Macon Blair), der sich zu Beginn des Films auf überzeugende Weise als ein routinierter und skrupelloser Rumtreiber präsentiert. Er wohnt in seinem Auto, ernährt sich von Essen aus der Mülltonne und bricht zwecks Körperhygiene in fremde Häuser ein. Unweigerlich meint man als Zuschauer auf Grundlage dieser Eigenschaften den weiteren Verlauf der Handlung vorausahnen zu können, womit offensiv gespielt wird, sobald Dwight auf den Mörder seines Vaters trifft. Er entpuppt sich nun eher als naiver Tollpatsch im Umgang mit Waffen und als ängstlich hinsichtlich seiner geplanten Vergeltungstaten. Ein genialer Wandel! Die anfänglich aufgebauten Erwartungen des Zuschauers in Bezug auf den Handlungsverlauf werden komplett zerstört.

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Die Stärke des Films liegt in der Liebe zur detaillierten Beschreibung einzelner Szenen, die nicht selten zur plötzlichen Verwunderung des Zuschauers beitragen und einen ganz eigenen Charme bewirken. Dwight verschanzt sich auf seiner Flucht im Haus seiner Schwester, bewaffnet sich mit einer Forke, löscht das Licht und kommt anschließend in einem Stuhl am Fenster zur Ruhe. Das Bellen eines Hundes lässt ihn erwachen und dem Zuschauer das Auftreten seiner Verfolger erwarten. Doch niemand erscheint. Stattdessen geht Dwight in die Küche, kocht sich einen Tee und widmet sich seelenruhig alten Kindheitserinnerungen in einem Foto-Album. Regisseur Saulnier reizt Spannungsmomente außergewöhnlich lange aus und entlockt dem Zuschauer dabei oft ein verwundertes Schmunzeln. Dabei schafft er es jedoch die fesselnde Atmosphäre aufrecht zu erhalten und solche Situationen nicht komisch wirken zu lassen.
Anstelle der (für das Rache-Thriller Genre typischen) bloßen Ästhetisierung von Gewalt und Brutalität, rückt die ausführliche und einnehmende Charakterisierung einer ambivalenten Figur. Diese erfrischende Interpretation eines eingefahrenen Genres gepaart mit einem insgesamt extrem passenden Cast hat Blue Ruin somit nicht ohne Grund den FIPRESCI-Preis auf dem Filmfestival in Cannes 2013 eingebracht. Definitiv ein neuer Lieblingsfilm.

Blue Ruin, USA 2013, 90 min
Regie: Jeremy Saulnier
Drehbuch: Jeremy Saulnier
Kamera: Jeremy Saulnier
Darsteller: Macon Blair, Eve Plumb, Devin Ratray
Verleih & Bildrechte: Falcom Media/FilmAgentinnen
Starttermin: 11.12.2014

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