Blue Jasmine

Blau gilt als eine der beliebtesten Farben und ist grundsätzlich mit positiven Attributen wie Ruhe, Entspannung und Zufriedenheit besetzt. Gleichzeitig ist blau aber auch die Farbe der Melancholie, was besonders im englischen Sprachgebrauch deutlich wird. „To feel blue“ bedeutet soviel wie „deprimiert sein“ und das ist auch das Wesen, das Woody Allen seiner Hauptfigur im Titel auferlegt.

jasmine1Jasmine wird als Frau eingeführt, die trotz finanziellem Ruin erste Klasse fliegt, exzessive Selbstgespräche als Small Talk vortäuscht und generell alles tut, um die hübsche Fassade aufrechtzuerhalten, hinter der ihre persönlichen Schwierigkeiten verborgen sind. Zeitlich springt der Film zwischen Gegenwart und Vergangenheit und baut Jasmines Weg zur jetzigen Situation durch Rückblenden in die Handlung ein. Gemeinsam mit Ehemann Hal hatte sie sich ein komfortables Leben geprägt von Luxus, Designerkleidung und Dinner-Partys aufgebaut. Als dieser wegen Betrugs festgenommen wird (seine Frau hat er übrigens auch mehrfach betrogen) und sie ihr gesamtes Vermögen verlieren, bricht die schöne Scheinwelt zusammen. Ihr früheres Leben als verheiratete, reiche High Society Lady in New York wird dem neuen Leben gegenübergestellt, in dem sie als mittellose, gebrochene Frau bei ihrer Adoptivschwester Ginger in San Francisco unterkommen muss. Die Versuche des Neubeginns bleiben jedoch halbherzig, bis sie einen erfolgreichen Mann kennenlernt und ihre Energie einem ganzen Lügengespinst widmet, mit dem sie es sogar bis zur Verlobung schafft.

Um ihre Probleme bildet Jasmine eine Fassade, die von Beginn an so zerbrechlich erscheint wie sie selbst. Eine Frau, die sich einen neuen Namen zulegt, weil sie ihn schöner findet (denn eigentlich heißt sie Jeanette), die an Designerstücken festhält, als seien sie ihre einzige Konstante und die sich einen neuen Beruf als Innenarchitektin zuschreibt, um einen Mann zu beeindrucken. Sie ist besessen von der Aufrechterhaltung eines bestimmten Erscheinungsbildes, gleichzeitig aber auch einer bestimmten Verfassung. Auffallend häufig präsentiert sie sich in hellen Brauntönen oder in Variationen von beige und weiß, die naturgemäß mit Zurückhaltung und Natürlichkeit assoziiert werden.
jasmine2Entspannung, Wohlgefühl, Ausgeglichenheit und Stabilität drücken in Form von Kleidung und Accessoires genau die Wesenszüge aus, die Jasmine tatsächlich fehlen. Ein Zustand, der eigentlich nicht gegeben ist, wird somit künstlich erzeugt. Außerdem bedeutet das Festhalten an teurer Kleidung und anderen luxuriösen Vorzügen eine Bindung an das frühere Leben, eine Verleugnung der Wirklichkeit, die als Konsequenz nur den endgültigen Zusammenbruch nach sich ziehen kann. Die Belastung durch ihre Situation versucht sie durch verschiedene Antidepressiva zu bekämpfen, wobei ihre psychische Störung im Verlauf des Films immer deutlicher wird, was sicher der starken Hauptdarstellerin Cate Blanchett zu verdanken ist. Nuanciert spielt sie Jasmines Probleme aus – vom kurzen Ausraster bis zum Nervenzusammenbruch – ohne dabei die spezifischen Charakteristiken der Figur zu verschleiern. Ein angespannter Versuch der Kontrolle von Haltung, Gesichtszügen und Sprechweise wird auch in der Verzweiflung aufrechterhalten, wodurch die Tragik der Figur umso spürbarer wird.
jasmine3Anders als bei seinen letzten Film-Ausflügen in europäische Hauptstädte bemüht sich Woody Allen in Blue Jasmine um mehr Substanz und um eine stärkere Konzentration auf eine Hauptfigur, anstatt zahlreiche Geschichten eher zwanghaft miteinander zu verbinden. Das Resultat ist sehr viel pessimistischer als diese letzten verspielteren Filme und dadurch auch interessanter und ernsthafter, trotz des Wechselspiels zwischen Tragik und Komödie. Das Allen-typische Gedudel im Hintergrund, das manchmal Erinnerungen an Fahrstuhlmusik hervorruft, wirkt zwar stellenweise unpassend, bietet dem Zuschauer aber gemeinsam mit den komödiantischen Aspekten eine Art Fluchtmöglichkeit. Der Film baut auf diese Weise seine eigene hübsche Fassade auf, die unweigerlich aufgebrochen werden muss, was in Form eines kalten, harten Endes geschieht. Ohne jegliche Hoffnung oder Auflösung wird Jasmine vom Film, vom Zuschauer, von allen Beteiligten zurückgelassen. Ein einfacher, klarer Schnitt, der eine Leere hinterlässt, die spätestens zu diesem Zeitpunkt auch auf diejenigen übergehen wird, die sich vorher noch unter dem Deckmantel der Komödie köstlich amüsierten.


Blue Jasmine, USA 2013, 98‘
Regie & Drehbuch: Woody Allen
Produzenten: Letty Aronson, Stephen Tenenbaum, Edward Walson
Kamera: Javier Aguirresarobe
Schnitt: Alisa Lepselter
Costume Design: Suzy Benzinger
Besetzung: Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Bobby Cannavale, Peter Sarsgaard, Louis C.K.
Verleih: Warner
Kinostart: 07.11.2013

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