Blickwinkel: Underdog

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Nachträgliche Gedanken zu Kornél Mundrusczós caninem Drama Underdog.

 
Eine Parabel auf die Gewalt
Von Friederike Rau

Schon in den ersten Minuten des Films wird der Zuschauer durch starke Bilder gefesselt: Ein junges Mädchen fährt auf ihrem Fahrrad allein durch die leeren Straßen Budapests. Die anfängliche Stille wird von lauter Orchestermusik durchbrochen und es erscheint eine Hundemeute, die dem Fahrrad hinterher hetzt. Es sind Hunde der verschiedensten Rassen und Farben, große, wie kleine.

Im Mittelpunkt des Films des ungarischen Regisseurs Kornél Mundrusczó steht die besondere Freundschaft zwischen der 12-jährigen Lili und ihrem Hund Hagen. Diese ist geprägt durch eine starke gegenseitige Zuneigung. Doch sie werden getrennt und für beide beginnt eine schwere Zeit der ständigen Suche nach dem besten Freund. Im gesamten Film spielt der Rassebegriff, zunächst bezogen auf Hunde, eine wichtige Rolle. Nur weil Hagen nicht reinrassig ist, sondern ein Mischling, darf er nicht bei Lili bleiben. Während Lili jede freie Minute damit verbringt, ihren Hund zu suchen, erlebt dieser immer wieder die Grausamkeit der Menschen. Kurz bevor Hagen im Tierheim eingeschläfert werden soll, drehen sich die Machtverhältnisse: Die Hunde schaffen es, sich aus der Gefangenschaft der Menschen zu befreien und beginnen einen blutrünstigen Rachefeldzug durch die Stadt, welcher viele Opfer fordert.

Die Schlussszene des Films liefert ein ähnlich gewaltiges Bild wie dessen Eröffnung. Spätestens hier wird klar, dass Mundrusczó nicht versucht, eine realistische Geschichte so authentisch wie möglich zu erzählen, sondern vielmehr diese dramatische Inszenierung als Spiegel für eine ganz andere Thematik benutzt: Mit den Wahlen in Ungarn 2010 erhielten die rechtskonservativen Parteien die Mehrheit im Parlament und wählten Viktor Orbán an ihre Spitze. Seit Beginn seiner Regierungszeit werden die Roma, die historisch wie kulturell einen wichtigen Teil der ungarischen Bevölkerung ausmachen, immer mehr zur geächteten Randgruppe. Sie werden, zum Teil durch das Gesetz legitimiert, gezielt benachteiligt. Gerade in Deutschland weckt diese Art der institutionalisierten Diskriminierung böse Erinnerungen an unsere eigene Geschichte.

Mundrusczó besetzt die Stellvertreter der Roma im Film mit Hunden, Darsteller, mit denen die Zuschauer schnell sympathisieren. Dabei werden die Tiere nicht als instinktiv handelnde Wesen inszeniert, sondern erwecken durchaus den Anschein ein sehr rationales Verständnis von menschlicher Bosheit und Rache zu haben. Versucht man vor diesem Hintergrund Lilis Figur zu deuten, könnte sie für den liberalen Teil der Bevölkerung stehen. Noch präziser: Sie ist eine Allegorie auf die Menschenrechtsforderung nach Gleichheit und die einzige Figur im Film, die dem ethnisch Anderen nicht mit Xenophobie, sondern Akzeptanz und Interesse gegenüber tritt. Für sie ist Hagen ein wichtiger Teil ihres Lebens, ohne ihn ist es unvollständig.

Der Film ist eine überzeugende Parabel darauf, wie sich das Leben in einem rechtsautoritär organisierten Staat auf primitive Interaktionen wie Gewalt, Hass und Rache fokussiert, hier ästhetisch überhöht in einem furiosen Finale über Vergeben und Resignation: Die abschließende Auseinandersetzung wird angedeutet, bleibt aber letztlich der Fantasie des Zuschauers überlassen.

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Wenn Familie alles ist, was du hast
Von Melina Wall

In einer Welt, in der Treue und Menschlichkeit scheinbar keine Rolle mehr spielen, gibt es einen in Lilis Leben, der das Gegenteil beweist: Hagen, ihr bester Freund, ein Hund. Underdog nimmt uns hinein in eine Art Parallelwelt, in der Hunde menschlicher sind als der Mensch selbst. Das preisgekrönte Drama von Kornél Mundruczó erzählt uns die Geschichte von dem unzertrennlichen Gespann Lili und ihrem Hund Hagen, die entrissen werden und auf einer gefährlichen Reise wieder zueinander finden. Nach der Trennung ihrer Eltern muss Lili bei ihrem Vater wohnen, zu dem sie eher ein unterkühltes Verhältnis hat. Als sie dann noch Hagen mit im Schlepptau hat, beginnt die Talfahrt zur Hölle für den Vierbeiner. Denn Hagen ist als Mischling im Haushalt und in Ungarn nicht erwünscht. Dies lässt der Vater Lili deutlich spüren durch schroffe Wortwechsel und eine ablehnende Haltung gegenüber Hagen.

Als der Vater es nicht einsieht, noch Gebühren zur Haltung eines gemischtrassigen Hundes zu bezahlen, setzt er Hagen einfach unter einer Brücke aus. Mit Tränen in den Augen verspricht Lili ihrem treuen Freund, dass sie ihn finden und zurück holen wird. Für Lili als auch Hagen beginnt das Leiden. Hagen wird von Hundefängern gejagt und an verschiedene Besitzer weitergereicht, einer bösartiger und skrupelloser als der andere, bis er sich schließlich in einer Tötungsanstalt für Hunde wiederfindet. Und auch Lili leidet unter der Trennung, verbringt die Nächte in düsteren Nachtclubs und rebelliert gegen ihren Vater. Dieser stürzt sich in Arbeit in einer Schlachterei. Was an ein gestörtes Verhältnis erinnert, ist eigentlich nur ein Zeichen von Überforderung mit der Gesamtsituation. Denn in der Entwicklung der Charaktere finden sich immer wieder kleine Hoffnungsschimmer und aufrichtige Momente, in denen sich Lili und ihr Vater versöhnen wollen. Mittels kleiner Wendepunkte im Plot, wenn Lili zB. ihrem Vater versichert, dass sie keinen Hund mehr möchte oder in einer Szene, in der Lilis Vater das erschöpfte Mädchen nachts bei der Polizei abholt, lässt den Zuschauer hoffen, dass beide wohl zu einer besseren Vater-Tochter-Beziehung gelangen werden.

Lili, gespielt von der Newcomerin Zsofia Psotta, ist ein sehr nachdenkliches und gehorsames Mädchen. Ihr einziger richtiger Freund ist ihr Hund, der ihr auf Schritt und Tritt folgt. Ihr entrissen, droht ihre Welt zu zerbrechen. Nichtmal ihr Vater kann ihr Halt geben. Denn alle, die ihren Hund Hagen ablehnen, die lehnt sie auch ab. Ihr Vater Daniel, eine undurchschaubare Figur, ist sehr gefühlskalt und legt einen forschen Ton an den Tag, wie alle Menschen in Lilis Leben.

Underdog ist ein sehr entwicklungsgeladener Film, der relativ schnell Fahrt aufnimmt. Mithilfe von rasanten Schnitten und Genrebrüchen gelang es Mundrusczó, einen dynamischen Film zu konzipieren, der den Zuschauer beobachten lässt, wie sich die Charaktere im Laufe der Handlung verändern. Das Finale, zum dem sich der Film hochschaukelt, holt den Zuschauer dennoch wieder auf den Boden der Tatsachen und klingt in einer Ruhe ab, die einen fesselt. Ein einst aufgeladener Moment verwandelt sich zu einem Stillstand, in dem alles zusammen kommt: Ein scheinbar blutdurstiger Rachehund mit seinem Rudel im Rücken und ein verängstigtes Mädchen, das ihren Freund mithilfe einer Erinnerung zurück holt. Und ein Vater, der Hagen erst als Abschaum betrachtete und dem nun ein besonderer Moment der Versöhnung zuteil wurde: Versöhnung zwischen Mensch und Tier und Vater und Tochter.

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Mensch, Tier, Kamera
Von Lisa Metzger

Underdog erzählt die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung von Mensch und Tier – auch ohne viele Worte. Lili, die weibliche Hauptfigur des Films, lässt außer ihren Hund Hagen kaum jemanden an sich heran. Aufgrund einer Dienstreise der Mutter verbringt das Mädchen einige Wochen bei ihrem Vater, der ihre liebevolle Beziehung zu ihrem Mischlingshund nicht gut heißt und ihn kurzer Hand aussetzt. Doch Hagen, der zuerst gefangen genommen, dann zu Kampfhund trainiert und schlussendlich auf der Tötungsstation eines Tierheims enden soll, handelt in vielerlei Hinsicht gar nicht „typisch Hund“. Bereits der Name Hagen ist, anders als vielleicht „Bello“ oder „Rex“, in erster Linie ein menschlicher Vorname. Dass nicht nur Hagen, sondern auch die anderen Hunde, die ihn
bei seiner Mission unterstützen, im ganzen Film eher wie menschliche Darsteller verhandelt werden, machen vor allem die Einstellungen der Kamera deutlich.

Immer wieder wird der Fokus auf die Mimik der Hunde, besonders auf die Augen gelegt. Sie werden auch in wenigen Fällen in Aufsicht gefilmt, sondern meistens aus Augenhöhe. Allein filmtechnisch unterscheiden sich die Darstellung von Mensch und Tier nur unwesentlich (zum Beispiel durch verschiedene Bewegungen). Die Anthropomorphisierung, die Hagen damit zuteil wird, ist es auch, die ihn nicht nur zu einem Haustier für Lili, sondern zu einem Freund macht: so zeigt der Film keine vergleichbar tiefen Bindungen zu anderen Kindern in Lilis Alter. Dafür würde sie mit ihrem Hagen am liebsten ein Bett teilen und auch nach der Aussetzung des Hundes begibt sich Das Mädchen mit ihrem Fahrrad verzweifelt auf die Suche.

Dass sie in dieser schweren Situation keine Unterstützung von ihrem Vater bekommt, scheint das Unverständnis für die Menschen und die Liebe zu ihrem Hund noch weiter zu stärken, zumindest, bis auch Lili die Suche nach Hagen aufgibt. Diese Ambivalenz zwischen den mitleidslosen, die Hunde zu Objekten machenden Menschen, und den Tieren, die im Film (zumindest anfänglich) bewusst in die Opferrolle gedrängt werden, ist es, die die Spannung im Film aufrecht erhalten. Das gilt auch dann, wenn sich das Blatt plötzlich wendet und die Hunde diejenigen sind, die auf ihrem Rachefeldzug mitleidslos töten, um ihrer Enklave zu entkommen. Am Ende des Films gelingt die Versöhnung der Akteure: Lili versöhnt sich mit Hagen, aber auch mit ihrem Vater, indem dieser ihr vertraut und sich im Schlussakt an ihrer Seite als Geste der Versöhnung auf den Boden legt, und auf diese Weise die Hundemeute beruhigt. Sinnbildlich versöhnen sich die Hunde mit den Menschen und die im Film wechselnden Rollen von „Gut“ und „Böse“ werden ausradiert.

“Underdog” (OT: “White God”), HUN/SWE/D 2014
Regie: Kornél Mundrusczó
Drehbuch: Kornél Mundruczó, Viktória Petrányi, Kata Wéber
Kamera: Marcell Rév
Darsteller: Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth, Szabolcs Thuróczy
Verleih: Delphi Filmverleih
Kinostart: 25.06.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)
Unter dem Titel “White God” in England auf DVD erschienen

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