Blickwinkel: World War Z

World War Zero
von Florian Krautkrämer

Angeblich eine Million Dollar soll Brad Pitt für die Rechte an Max Brooks Romanvorlage bezahlt haben. Angesichts des enormen Budgets des Film von 200 Million Dollar eine Kleinigkeit, aber trotzdem vermeidbar, da der Film kaum noch was mit dem Buch zu tun hat, ja, er stellt sogar ziemlich genau das Gegenteil dar.

Mit seinen beiden Zombiebüchern hat Max Brooks zwar auch wichtige Impulse für das Zombiegenre geliefert, aber ebenso wichtig ist das Spiel mit den beiden literarischen Genres, auf die die Bücher zielen. Der Zombie Survival Guide ist in seiner Ernsthaftigkeit natürlich auch eine Parodie der ganzen Ratgeberschwemme, die immer wieder suggeriert, dass man mit dem Kauf von Büchern und dem Befolgen von Regeln auch die schwierigsten und kompliziertesten Situationen meistern könnte. Und World War Z entstammt dem Genre der Oral history, dem Tatsachenbericht. Auch hier werden die Zombies ernst genommen. Die Geschichte setzt nach der Zombieapokalypse ein, der Autor bereist auf der Suche nach Patient Zero die Welt, spricht mit den Überlebenden und setzt so Stück für Stück das Bild des totalen und globalen Zombiekriegs zusammen.

Der erste, fundamentale Unterschied bei Pitt und Marc Forster ist, dass der Film seine Erzählperspektive im Präsens entwickelt. Es wird hier nicht erzählt, analysiert und aufgearbeitet, sondern aktiv gekämpft. Dabei sieht der Film über weite Strecken wie ein Militärfilm aus, mit einem Loblied der nationenübergreifenden Institutionen wie UN und WHO. Auch bei Brooks kommen Soldaten in den Interviews zu Wort, aber die Stärke seines Buches macht gerade die Konzentration auf das Individuum aus, die Einzelsicht.

Der Kritikpunkt ist gar nicht, dass Pitt und Forster kaum eine der klug erzählten Episoden übernommen haben. Wie man dieses Buch verfilmen sollte, war sowieso von Anfang ein Rätsel (es gibt allerdings ein recht gut gemachtes Hörbuch davon), aber was sie sträflich vernachlässigen, ist der kreative Impuls. Das Zombiegenre läuft inzwischen Gefahr, ebenso plump und innovationslos zu werden, wie die bisherigen Genrewellen. WWZ ist ein stinknormaler Zombiefilm, wohingegen Brooks Variantenreichtum und Ideen präsentiert, die zudem alle um das Kernthema des Genres überhaupt kreisen: wie kann man Mensch und Zombie noch unterscheiden? Der Film stellt sich diese Frage nicht und schiebt am Ende fröhlich Leichenberge mit Bulldozern zusammen. Zombies? Das sind die anderen, durch Make-up und Bewegung klar unterscheidbar, lassen sich auch prima digital animieren.

———————————————————————————————

Kameralein, rüttel dich und schüttel dich
Von Philipp Fust
world-war-z-scene
Wer das Experiment wagt und mit gewollt schielenden Augen versucht einen Hürdenlauf zu absolvieren, der ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Mit ziemlicher Sicherheit kommt derjenige von der Bahn ab und rennt irgendwo dagegen. Die Macher von World War Z fokussierten ebenfalls zwei unterschiedliche Ausrichtungen gleichzeitig, die da heißen PG-13 und R. Das Ergebnis ist ein kompromissschwangerer sowie dramaturgisch unterentwickelter Zombie-Reißer der Latte-Macchiato-Art – mit extra viel Schaum und arg verdünnter Substanz.

Angestrengt versucht der Film, Dinge nicht zu zeigen, seien es Bisse, Blut oder Körpertreffer von Gewehrkugeln. Die Vermeidungsstrategien sind so einfach wie lästig: Die Action wirkt zerrüttelt, hektisch, unentschlossen, found-footage-mäßig. Als wäre die Kadrage verrutscht, ereilt einen ständig das Gefühl, man müsse sich im Kino neu positionieren, mit der Hoffnung, der Blickwinkel würde sich ändern. Das trifft vor allem zu, wenn das Leitmotiv, der Biss, in der Regel neben dem Bild oder verdeckt geschieht, wobei Zähne ausgiebig thematisiert und exponiert werden. In einen Körper eindringen dürfen sie jedoch nicht, beziehungsweise nur versteckt. Ein Film voller Andeutungen, ohne klare Linie und den Mut, Genre-Signa zu visualisieren.

Da World War Z Gewalt und Action zu einem seiner Hauptanliegen macht und den familiären Aspekt mehr schlecht als recht abhandelt, kommt letztendlich keiner auf seine Kosten. Ein hohes Maß an expliziter Gewalt macht zwar noch lange keinen guten Zombiefilm, aber ein Genre, das sich dem roten Lebenssaft verschrieben hat, zu einem ebenso irrsinnigen wie blutleeren Renderwahnsinn aufzupumpen, in dem Details kaum mehr einen Platz finden, könnte wenn überhaupt als technische Demonstration durchgehen, als ein Benchmark-Test des kontemporären Hollywood-Kinos.

Zwar soll auf  Blu-ray eine härtere Version des Films erscheinen, ein Grund zur Freude ist das aber nur bedingt. Wenn das Kino noch weiter zum Raum für kapitalmotivierte Kompromisse wird (wobei es das gefühlt schon immer ist) und der Ernst des Films zu Hause vor dem Sofa stattfindet, dann mutet der Diskurs über das sterbende Kino wie eine Farce an. Denn im Fall von World War Z – mal abgesehen von den generellen Schwächen des Films – wünschte ich mir, gewartet zu haben, auf die „richtige Version“. Leider trifft dies nicht nur auf World War Z zu, sondern auf all die anderen Filme mit nachgereichten Director’s Cuts und Extended Editions, die dank inflationärer Verbreitung den Filmmarkt korrumpieren. Nüchternes Fazit: better stay at home.

World War Z, USA/Malta 2013, 116’
Regie: Marc Forster
Kamera: Ben Seresin
Musik: Marco Beltrami
Vorspann: Kyle Cooper
Besetzung: Brad Pitt, Mireille Enos, Moritz Bleibtreu
seit Donnerstag im Kino.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>