Blickwinkel: Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives

Ein Brief an Uncle Boonmee
Von Florian Krautkrämer

“A Letter to Uncle Boonmee”

Apichatpong Weerasethakul arbeitet nicht nur im Spielfilmbereich, er dreht auch Kurzfilme und beteiligt sich mit Installationen an Ausstellungen. Zu dem Film Uncle Boonmee who can recall his past lives gibt es einen siebzehnminütigen Kurzfilm, den er ein Jahr zuvor gedreht hat: A Letter to Uncle Boonmee. Onkel Boonmee ist eine Figur aus einem Buch, aufgeschrieben von einem Mönch. Apichatpong Weerasethakul hat davon gelesen, die Figur taucht auch schon in seinem Film Tropical Malady (2004) auf. Sie ist an sich schon eine Metapher für das Erinnern. Den Film verortete Apichatpong im Nordosten Thailands, einer Region, aus der die Menschen wegziehen und die früher stark unter der Jagd auf Kommunisten zu leiden hatte. Auch Boonmee hat seiner Zeit einige von ihnen umgebracht. Apichatpong fuhr 2009 in die Region und führte dort Interviews, er versuchte, Boonmees Nachkommen zu finden und die Leute, die noch dort lebten, kennen zu lernen. “Es gibt eine Verbindung zwischen Boonmees Geschichte und dem Buch hinsichtlich des Aussterbens: Das dringliche Bedürnis danach, sich an etwas zu erinnern, etwas einzuordnen, das im Verschwinden begriffen ist.” A Letter to Uncle Boonmee ist das Ergebnis dieser Recherchen. Ein Brief an diese Figur:

Onkel … Ich bin schon eine Weile hier. Ich würde gerne einen Film über dein Leben machen. Deshalb habe ich ein Projekt über die Wiedergeburt vorgeschlagen. In meinem Drehbuch gibt es einen Hof, umgeben von Bergen. Aber es gibt hier unendliche Ebenen und Reisfelder. Letzte Woche traf ich einen Mann, den ich für deinen Sohn hielt. Aber vielleicht war er dein Neffe, denn er sagte, sein Vater sei ein Polizist, dem Hunderte von Kühen gehörten. Aufgrund deines Buches denke ich nicht, dass du viele Kühe besassest, und du warst Lehrer, nicht wahr? Der Mann war alt und konnte sich nicht gut an den Namen seines Vaters erinnern. Es könnte Boonmee oder Boonma gewesen sein. Es ist lange her, sagte er. Hier in Nabua gibt es einige Häuser, die geeignet wären für diesen Kurzfilm, welcher von England finanziert wird. Ich weiss nicht, wie dein Haus aussah. Dasjenige in meinem Drehbuch kann ich nicht brauchen, weil es so anders ist als die von hier. V ielleicht sehen diese Häuser teilweise so aus wie deines.
Was hattest du für eine Aussicht? So eine wie diese?
Früher besetzten einmal Soldaten diesen Ort. Sie töteten und folterten die Dorfbewohner, bis alle in den Urwald geflohen waren.

Es ist ein seltsam unentschlossener Brief. Eine erste Kontaktaufnahme. Dazu sehen wir leichte Steadycam-Fahrten in einem Haus, der Blick nach draußen und das langsame, zögerliche Nach-Außen-Treten. Der Film thematisiert das Medium nicht nur im Titel. Wie in einem strukturellen Film wird der Brief anfangs gleich zweimal hintereinander von verschiedenen Männern vorgelesen, während die Kamera durch das Haus kreist. Insekten fliegen dicht am Objektiv vorbei, von dem an einer Stelle auch einmal während laufender Kamera der Sonnenschutz aufgeklappt wird.
Ich glaube nicht, dass die schwebende Kamera den Geist Boonmees symbolisieren soll. Sie repräsentiert viel mehr die Kommunikation des Filmemachers und seiner Figur – ein Erinnern an sie, aber ein “Erinnern nach vorne”. Erstaunlich ist, dass der Kurzfilm einen so deutlichen Einsatz der bewegten Kamera macht, wohingegen der lange Boonmee-Film dann doch überwiegend durch feste Einstellungen erzählt wird. Aber dort ist ja auch Bonnmee selbst anwesend, die Erinnerungsarbeit wird dann von den Personen im Film geleistet, nicht von der Form des Films oder seinem Autor. Wo der Brief eine Suchbewegung ist, ist der Boonmee-Film ein langes Ausatmen. Boonmee stirbt und ob er von einem ins andere Leben inkarniert, sei dahin gestellt, so eindeutig wird der Film glücklicherweise nie. Der Film nimmt auf verblüffende Weise den Rhythmus des “kontrollierten” Sterbens auf (Boonmee leidet an einem Nierenversagen, von dem er durch aktive Sterbehilfe erlöst wird). Inkarnation bedeutet hier nicht die konkrete Seelenwanderung, sondern dass letztendlich der Rhythmus selbst das zentrale Element wird, und die Figuren nun mehr Träger davon werden. Vielleicht sind das auch gar keine Geister, die Boonmee in Gestalt seiner verstorbenen Angehörigen heimsuchen sondern nur sehr lebhafte Phantasien. “Uncle Boonmee” jedenfalls ist ein Beispiel dafür, wie schön es sein kann, völlig unbeeindruckt von den Personen darin Abschied zu nehmen, um dafür um so länger mit dem Film selbst verknüpft zu bleiben.

Den Kurzfilm kann man sich übrigens für € 0,99 bei mubi.com ansehen, einer online-Videothek für Autorenfilm und Weltkino.

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Von Mythen, Geistern und Magie: Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives
Von Christin Ferch

Der nierenkranke Uncle Boonmee wird von seiner verstorbenen Ehefrau Huay fest im Arm gehalten. Es geht mit ihm zu Ende. Die Geister fühlen es bereits. Uncle Boonmee ist aufgeregt. Wird seine Seele weiterleben? Wo wird er sich wieder finden? Er fühlt sich wie damals in der Schule, als er ein Referat vor der Klasse halten musste. Der Geist seiner Ehefrau will ihn beruhigen. So sagt sie, dass der Himmel überschätzt werden würde. Da sei eben nicht viel los.

Der Film erzählt vom alltäglichen Leben Thailands und der Verflechtung vom Dies- und Jenseits. Der moderne Mensch lebt bewusst mit der Natur und derer Seelen zusammen. Eine Seele, die zwischen Mensch, Tier und Pflanze wandern kann, ist dabei eine Selbstverständlichkeit und kein Mythos. Mit dem Wissen bereitet sich Uncle Boonmee bewusst auf seinen Tod vor. Seine Schwester und ein junger Verwandter leisten ihm in seinen letzten Tagen auf seinem Landgut nahe eines Regenwaldes Gesellschaft.

Der Regisseur Apichatpong Weerasethakul arbeitet mit einer enormen Bildästhetik. Der Regenwald als zentraler Schauplatz des Films erscheint sattgrün, dampfend, einfach märchenhaft. Wasserfälle erinnern an „Tausendundeine Nacht“. Zusätzlich wird der Wald mit nebelartigem Licht durchflutet. Eine unglaubliche Magie wird dadurch entfaltet. Es ist also nicht verwunderlich, warum sich Geister nach buddhistischem Glaube in Flüssen und Bäumen aufhalten. Der Regisseur selbst befindet den Dschungel als seine Heimat. Und auch Uncle Boonmee wird hier seine letzte Ruhe finden.

Der Film wird gänzlich von der Ruhe und Gelassenheit bestimmt. Tauchen Geister unangekündigt zum Abendessen auf der Farm auf, wird erstmal das Familienalbum herausgeholt. Auch an die bizarr aussehenden Affenmenschen mit leuchtend roten Augen gewöhnt man sich schnell.
Der Verzicht auf hektische Kamerafahrten trägt ebenfalls zur ruhigen Atmosphäre bei. Trotz der doch anspruchsvollen Konnotation der Bilder wirkt der Film einfach entspannend. Das Gefühl von Befremdlichkeit am Anfang des Films, die ganz verständlich von einer anderen Kultur herresultiert, löst sich schnell beim Betrachten der stimmungsvollen Bilder auf.

Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives ist eine fantastische Reise in eine Welt, in der man gänzlich neue Eindrücke gewinnt.

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Film als Beschreibung – Uncle Boonmee
Von Jennifer Ament

“Im Angesicht des Dschungels, der Hügel und Täler
erstehen meine vergangenen Leben als Tier und als andere Wesen vor mir.”


Dieses Zitat stellt Apichatpong Weerasethakul seinem Film Uncle Boonmee who can recall his past lives voran. Aufgrund des Titels könnte man nun erwarten, dass der Film genau davon erzählt, von den vergangenen Leben der Hauptfigur. Aber das tut er nicht, jedenfalls nie direkt oder eindeutig. Und genau das ist auch das Wunderbare daran.

Anstatt Erklärungen und Deutungen vorzugeben, herrscht eine Mehrdeutigkeit, die es unmöglich macht, die Handlung schnell zusammenzufassen. Treffender ist es wohl “Uncle Boonmee” als eine Form von Beschreibung zu verstehen, denn genau das stellt er letztendlich dar: eine wunderschön bebilderte filmische Beschreibung. Der darauf normalerweise folgende Schritt der Erklärungen bleibt aus, sodass es jedem einzelnen Zuschauer selbst überlassen ist, ob er überhaupt etwas deuten möchte oder ob er einfach die Schönheit der reinen Beschreibung genießt. Lässt man sich darauf ein, so findet man sich in einer fantastischen Welt wieder, die in dunkle Blau- und Grün-Töne getaucht ist und uns in eine meditative Trance fallen lässt. Was an die Stelle einer gewohnten Erzählung tritt ist die einzigartige Vermittlung der Stimmung (oder auch Atmosphäre) durch die Bilder. Diese Bilder tragen die verschiedenen Themen und Motive des Films in sich: Rätselhaftigkeit, Mythen, Geister, Unerklärliches, Leben und Tod. Gleichzeitig bietet sich allein durch die Farbgebung und die ruhigen Kameraeinstellungen ein fast schon malerischer Eindruck. Gegen das vorherrschende dunkle Blau-Grün werden farbliche Kontraste gesetzt durch leuchtende rote Augen oder durch die gelbe Sonne, deren Schein sich durch die Äste der Bäume kämpft.

Ein wesentlicher Grund, warum Uncle Boonmee keine vollständig aufgeklärte Erzählung sein kann, sind die fehlenden Verbindungen zwischen verschiedenen Szenen. Es werden keine kausalen Zusammenhänge geschaffen, ganz im Gegenteil, es geschehen einfach Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Man springt vom einen Ort zum anderen, fühlt sich aber dennoch nie verloren in den Weiten des Films. Eher hat man das Gefühl, sich in einem Traum zu befinden, bei dem es nicht nötig ist, über alle Hintergründe Bescheid zu wissen, um ihn zu träumen. Manchmal ist es viel schöner, einfach nur hinzusehen, hinzunehmen und sich an der nie völlig ausgedeuteten Beschreibung zu erfreuen.

Eine Besonderheit in der von Apichatpong Weerasethakul gezeichneten Welt ist die Selbstverständlichkeit, mit der Grenzen überschritten und durchbrochen werden. Grenzen zwischen Leben und Tod, zwischen Mensch und Tier und überhaupt zwischen allen möglichen Wesen. Ganz plötzlich tauchen die Geister von Personen aus Boonmees Leben auf, die schon lange Zeit tot oder verschwunden waren. So erscheint langsam seine verstorbene Frau Huay, sie wird nach und nach sichtbar und sitzt dann am Tisch. Aber keiner der Anwesenden scheint darüber wirklich erstaunt zu sein. Was für uns klare Grenzen sind, besonders die Grenze zwischen Leben und Tod, wird ganz selbstverständlich überschritten, die verschiedenen Zustände verlieren an Klarheit und verschwimmen immer mehr ineinander.

Huay erzählt Boonmee irgendwann, dass die Toten nicht miteinander in Verbindung stehen, sondern die Nähe der Lebenden suchen. Die beiden umarmen sich daraufhin, es ist eine Umarmung des Abschieds, denn die Hoffnung, im Tod schließlich wieder miteinander vereint zu sein, stirbt in diesem Moment. Und so werden sie nicht durch die Grenze zwischen Leben und Tod getrennt, sondern durch die Abwesenheit einer solchen Grenze zwischen ihnen.

Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives, Frankreich/Großbritannien/Spanien/Thailand/Deutschland/ Niederlande 2010, 114′
Regie und Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul
Kamera: Sayombhu Mukdeeprom
Darsteller: Thanapat Saisaymar, Jenjira Pongpas, Sakda Kaewbuadee, Natthakarn Aphaiwonk
Verleih: movienet
Kinostart: 30.09.2010

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