Blickwinkel: Tuesday, After Christmas

Tuesday, After Christmas
Von Florian Krautkrämer

Der Dienstag kommt schon nicht mehr im Film vor. Um es auch sonst mit der Inhaltsangabe kurz zu halten: Weihnachten ist erst am Schluss, dann haben Paul und Adriana ihre Scheidung schon beschlossen, und Paul akzeptiert, dass ihre zehnjährige Tochter bei ihrer Mutter wohnen wird. Er wird zu Raluca ziehen, eine jüngere Frau, in die er sich verliebt hat.
Natürlich passiert viel mehr im Film, aber auf einer Ebene, die sich nicht in einer Inhaltsangabe zusammenfassen lässt. Dafür muss man darüber schreiben, wie der Film gemacht ist.

Er erzählt in langen ruhigen Einstellungen, die selbst für die Neue Welle von Filmen aus Rumänien, zu der Radu Muntean gerechnet werden kann und die (zum Glück) auch schon längst kein Geheimtipp mehr ist, ungewöhnlich lang sind. Häufig sind es Plansequenzen, die die Scope-Kamera filmt. Gleich die erste Einstellung ist macht das klar: Paul und Raluca liegen nackt auf dem Bett, die Kamera filmt sie auf Betthöhe seitlich. Ein bemerkenswerte Vertrautheit herrscht zwischen den Charakteren, man ist nur etwas irritiert über die Personen, denen sie Weihnachtsgeschenke machen wollen, irgendwas stimmt da nicht. Man reimt sich erst in der nächsten Szene zusammen, dass die Frau dort, Adrian, seine Ehefrau sein muss, die Vertrautheit wird hier durch Routine ersetzt.

Das Scopeformat, sagte Fritz Lang in “Le Mépris” sei nur dazu gut, Dackel und Beerdigungen zu filmen. Und schon in “Le Mépris” stimmte das nicht, denn Godard demonstrierte in dem Film, wie wunderbar leere Bilder man damit komponieren kann. Wenn sich Paul und Camille eine halbe Stunde lang in ihrem noch nicht eingerichteten Appartement nachjagen, wirken sie so verloren in den weißen Bildern, die allenfalls durch eine kleine Lampe in der Mitte andeutungsweise gefüllt werden. Scope erlaubt es dem Regisseur, sich seinen Figuren zu näheren, ohne den Raum aus den Augen verlieren zu müssen. Die wenigen Figuren aus Tuesday, After Christmas wirken hingegen nicht verloren, sie strahlen Festigkeit aus, füllen das Bild, in dem sie meist in einer Nahen oder Halbnahen zu sehen sind. Auch deswegen muss Muntean keinen Blick auf die Räume verschwinden, es gibt keine Einstellung ohne Personen. Aber das, was zwischen ihnen passiert, wird greifbar, und zwar sofort. Wenn Paul Raluca bei ihrer Mutter besucht, ist ihre Ablehnung diesem Mann gegenüber sofort spürbar, sie kann dann sogar später, wenn sie im Hintergrund aus der Küche kommt, in der Unschärfe des Bildes bleiben. Überhaupt bewegt sich die Kamera nur, wenn sie den Personen nachgeführt werden muss, die meiste Zeit über bleibt sie statisch. Dass Muntean eine Beziehung seziere, wird immer wieder über diesen Film gesagt, aber das ist nicht wahr, das ist der falsche Begriff. Er nimmt nicht auseinander, er beobachtet genau und stellt dar. Das, was zwischen den Figuren ist, wird greifbar, zeigt sich, wie von allein, so wirkt es.

In der letzten Einstellung singt im Off eine Gruppe von Kindern an der Tür. Paul nutzt die Gelegenheit, um unbemerkt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu legen. Sie haben beschlossen, Weihnachten noch einmal für ihre Tochter zu inszenieren. Das Spiel funktioniert auch wie von selbst, ohne hinzusehen. Hinter ihrem Rücken gibt sie ihm ein Geschenk genau im richtigen Moment, wenn er hinter ihr auftaucht, mit dem Kopf gibt sie ihm ein Zeichen, wenn die Tochter gerade nicht schaut. Blind läuft das ab. Eine fast zwanzigjährige Beziehung, das ist Routine. Die muss man erst mal auflösen.

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Tuesday, After Christmas
Von Christin Ehlers

Die Geschichte ist eigentlich nichts, was es noch nicht gab: Ein Ehepaar (Paul und Adriana), das schon viele Jahre verheiratet ist und ein Kind zusammen hat. Der Alltag hat die Familie eingeholt, weshalb man sich nicht mehr allzu viel zu sagen hat. Paul aber hat sich in eine andere Frau (Raluca) verliebt und führt kurzzeitig ein Doppelleben. Dass das nicht lange gut gehen kann und die Ehe zum Scheitern verurteilt ist, wird schnell klar. Jedoch ist die Art und Weise, wie dieses Thema behandelt wird, eine besondere.

Radu Muntean, der ein Vertreter der sogenannten „Neuen Welle“ aus Rumänien ist, hat einen sehr ruhigen und langsamen Film gedreht, der aber zugleich mit viel Spannung aufgeladen ist. In den gesamten 99 Minuten, die der Film dauert, gibt es nur wenige Schnitte. Zwischen den Schnitten gibt es minutenlange Plansequenzen, die lediglich mit einem Schwenk dynamisiert werden, wenn eine der Figuren sich aus dem Bild bewegt und ihr dabei gefolgt wird. Ansonsten zeichnet sich der Film durch eine statische Kameraführung aus, die dazu führt, dass man einen ganz anderen Bezug zu den Darstellern bekommt. Weniger distanziert.

Der ganze Film wird von der Frage begleitet: wann sagt Paul seiner Adriana, dass er eine andere Frau liebt? Sagt er es ihr überhaupt? Wo es doch kurz vor Weihnachten ist. Das führt an manchen Stellen zu Situationen, in denen man fast den Atem anhält, beispielsweise wenn Adriana und Paul mit ihrer Tochter zur behandelnden Zahnärztin müssen, die, wie sollte es anders sein, die Geliebte von Paul ist. Adriana wiegt sich in absoluter Ahnungslosigkeit und ahnt nichts von der so vertrauten Beziehung zwischen Paul und Raluca. Man erwartet gespannt, ob Paul und Raluca sich eventuell versteckte Zeichen geben, jedoch meidet jede der Personen den Blick des anderen.

An einer Stelle im Film sieht man Paul und Adriana in der Küche stehen. Sie gehen Alltagsbeschäftigungen nach: er macht Kaffee, sie telefoniert. Und plötzlich ist der Moment da. Man hat immer damit gerechnet, aber wann er kommt, war immer unklar: Paul offenbart Adriana, dass er sehr verliebt sei. Ein funkeln in ihren Augen und leichtes Lächeln deuten ihre Freude über die Worte an und der Zuschauer denkt für einen kurzen Moment, dass Paul sich doch für seine Familie entschieden hat. Doch dieser Moment wird kurz darauf wieder zunichte gemacht, da Paul gesteht, dass es sich dabei um eine andere Frau handelt. Die Spannung ist an dieser Stelle auf dem Höhepunkt. Ein langes Schweigen folgt. Man erwartet eine Reaktion von Adriana, doch diese bleibt zunächst aus.

Diese Szene ist beispielhaft dafür, wie Muntean es schafft, durch die langen Sequenzen trotzdem noch Überraschungsmomente zu schaffen, zugleich aber die Spannung nicht außer Acht lassen. Die Entwicklung der Charaktere in einer einzigen Szene (von nichtsahnend fröhlich, über sprachlos, bis hin zur Verzweiflung) ist so präzise, was durch die fehlenden Schnitte noch verstärkt wird.
An Weihnachten selbst, feiern Paul und Adriana noch mit ihrem Kind und seinen Eltern zusammen. Obwohl ihre Ehe in Trümmern liegt und eine Scheidung unumgänglich ist, spielen sie das Spiel der intakten Familie mit und lassen sich nichts anmerken. Das skurrile an der Situation: der Umgang miteinander steht in fast keinem Unterschied zu den Situationen, in denen die beiden vorher gezeigt wurden. Und Dienstag nach Weihnachten? Irrelevant.

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Tuesday, After Christmas
Von Philipp Fust

Nähe und Distanz sind beliebte Themen im Film. Und natürlich gehören zum Ganzen nicht nur die Menschen auf, sondern auch jene vor der Leinwand, für die der Film gemacht ist. Die Einstellungsgröße ist unter dieser Betrachtungsweise ein Werkzeug, das dazu genutzt wird, um den Zuschauer direkt oder indirekt in zwischenmenschliche Momente der Freude und/oder Dilemmata einzubinden bzw. auszuschließen, um also Dinge zu zeigen oder sie zu verbergen oder auch beides. Wenn ich in Tuesday, after Christmas in der ersten Einstellung – eine von vielen beeindruckend langen Plansequenzen – Paul und Raluca über mehrere Minuten aus einer halbnahen Einstellung beim sich Necken, Befummeln und vor allem nackt sein zusehen muss, dann stellt sich folgende Reaktion ein: Gleich dem Milchtritt möchte ich mir die beiden Körper vom Leib halten. Nicht, dass ich ein Problem mit Nacktheit und Sex hätte, aber es tritt eine Art Schutzmechanismus ein, weil ich es nicht mag, wenn man mir so nah auf die Pelle rückt; auch nicht im Kino.

So zähle ich also die Leberflecken, die Körper und Leinwand sprenkeln und wünsche mir einen Schnitt, der aber erst sehr viel später kommt, und nichts weiter zeigt, als die nächste Knast-Einstellung, die einem Atemnot bereitet. Und das trotz CinemaScope. Oder vielleicht gerade deswegen, da die Kadrierung ein Gefühl der Eingeschlossenheit heraufbeschwört und die Umgebung mit in das Spiel einbezogen wird, jedoch als Begrenzung, nicht als Element der Öffnung.

Als im Lauf des Films die zweite Frau ins Bild kommt und sich als Pauls langjährige Ehefrau Adriana entpuppt, wird klar, dass das mit Raluca entweder nur eine Bettgeschichte oder aber Liebe im Spiel ist. Da es den beiden offensichtlich nicht nur um Sex geht, trifft eher letzteres zu. Die frische Liebe funktioniert im Film als Antithese zur routinierten Ehe, die stark reduziert und gefühlsarm wirkt: Flüchtige Küsschen auf die Wange, ein keinerlei sexuell konnotiertes Miteinander, nur gewohntes beisammen sitzen, recht unpersönliche Gespräche und mittendrin eine Tochter, die durch ihr niedliches Wesen etwas Humor in die Sache bringt. Sie ist sozusagen die letzte Naht, die die sowieso schon gescheiterte Beziehung zusammenhält und sie macht selbst einen Zahnarztbesuch, wo ihr eine Spange angepasst wird, zu einer recht vergnüglichen Angelegenheit, auch wenn sich ausgerechnet dort die beiden Frauen begegnen (Raluca arbeitet dort als Zahnärztin und behandelt das Kind). Jedoch kennen sie sich nicht. Raluca wirkt aus diesem Grund angespannt, überspielt ihren Stress aber mehr oder weniger erfolgreich; Paul macht es ihr gleich.

Passend zu dieser Grundsituation existiert noch eine zweite: Weihnachten steht ins Haus. Stress und Hektik nehmen überhand; man will das möglichst schnell hinter sich bringen. Was schenkt man bloß dem Kind? Und wo soll die Feierlichkeit überhaupt stattfinden? In diesem hin und her lässt Paul die Bombe platzen und gesteht seiner Frau, dass er verliebt ist. Nur eben nicht in sie. Er hat sich also schon entschieden, ganz sicher nicht für seine Frau. Diese heult und ist erbost, geht auch kurz auf ihn los, er kommt ihr mit „ich wollte dich nicht verletzen“, „das war so nicht geplant“ und anderen klischeebeladenen Aussagen. Ihr Kind wird er nie wieder sehen, sagt sie. Und trotzdem ziehen Paul und Adriana am Ende noch einmal routiniert das Ehe-Programm durch, wenn sie mit Tochter und Eltern Weihnachten verbringen. So wird alles zur Funktion: Die Tochter, als letztes Bindeglied und Grund der Ehe-Inszenierung, Weihnachten als Grund des Zusammenseins, ein zweifelhafter Ausdruck für Familienglück und Harmonie und das Verhalten von Paul und Adriana, weil sie den anderen das Fest nicht vermiesen möchten; das sagen sie zumindest so.

Regisseur Radu Muntean versetzt den Zuschauer in die Rolle eines Voyeurs. Gerade die Anfangsszene wirkt so, als hätte man eine Kamera in Ralucas Schlafzimmer versteckt und würde den beiden heimlich zusehen. Der Voyeur-Charakter zeigt sich auch dadurch, dass Muntean nur das abbildet, was im Moment passiert. Über die Innenwelt der Charaktere erfährt man nichts, ebenso wenig über deren Vergangenheit und darüber, wie es um die Ehe im Allgemeinen bestellt war und was die Personen wirklich von ihrem Gegenüber denken. So weiß man als Zuschauer nur sehr wenig und schaut eben einfach zu. Und es kommt dem Film dabei nur zugute, dass er teilweise so strapaziös ist, denn das passt einfach zum Thema. Ich möchte keinen unterhaltsamen Film über Beziehungsprobleme dieser Art sehen und will aus dieser Thematik auch nicht mit einem wohligen Gefühl im Bauch entlassen werden. Die große Stärke des Film ist, dass Muntean beides verhindert und ein Familiendrama drehte, das einem nahe geht, obwohl man sich für die Probleme der Menschen im Film wohl kaum ernsthaft interessiert, es sind ja letztendlich nicht die eigenen. Das spielt in diesem Film besonders eine Rolle, weil er so konzipiert ist, als würde sich die Geschichte irgendwann irgendwo in irgendeinem beliebigen Haushalt abspielen.

Tuesday, after Christmas ist passend zur Weihnachtszeit nicht nur eine Anti-Romanze, sondern auch ein Anti-Weihnachtsfilm, der nicht schön oder ermunternd sein möchte, sondern entlarvt und desillusioniert.

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Formen der Vertrautheit
Von Jennifer Ament

Paul und seine Frau Adriana stehen in der Küche, sie ist beschäftigt mit dem Abwasch oder mit irgendetwas anderem, er sieht sie an, überlegt kurz. “Ich bin sehr verliebt” sagt er dann zu ihr und Adriana lächelt kurz. Für einen kleinen Moment darf sie über diese Worte glücklich sein und fühlt sich als die Frau, an die sie auch gerichtet sind. Dass dem nicht so ist, wird ihr erst bewusst, als Paul den vernichtenden Satz „Ich habe jemanden kennengelernt“ anschließt. Er ist tatsächlich sehr verliebt – nur eben nicht (mehr) in Adriana.

Diese filmische Darstellung der Auflösung einer langjährigen Beziehung ist auf vielen Ebenen interessant. Zunächst macht Adrianas kurzer Hoffnungsmoment, das Lächeln, das ihr nur für eine Sekunde über die Lippen huscht, alles Folgende ein Stück weit grausamer für sie. Dass sie tatsächlich dachte, Pauls Worte seien an sie gerichtet, verstärkt den Eindruck ihrer Ahnungslosigkeit. Und dann steht sie da, konfrontiert mit der Wahrheit, die ihre Welt plötzlich völlig umwirft. Ihre Reaktion ist schwer zu beschreiben, da sie einfach auf jede mögliche Art reagiert. Anfangs bleibt sie erstaunlich ruhig und wirkt souverän. Es braucht eine Weile bis sie ihrer Verzweiflung und ihrer Wut wirklich Luft macht. Sie stellt erst Fragen, dann raucht sie eine Zigarette, sie wird wütend, sie bricht weinend zusammen, sie geht auf Paul los, schließlich beleidigt sie ihn und seine Geliebte. Schade ist nur, dass der Dialog nach dem eingangs erwähnten, ebenso merkwürdigen wie gelungenen Anfang der Szene leider viel zu schnell in klischeehafte Sätze und Bemerkungen verfällt, die man in solchen Situationen in Filmen schon zu oft gehört hat. Bemerkenswert ist wiederum, dass alles in einer einzigen Einstellung passiert (gut möglich, dass es zwei sind, die mir aber nur als eine in Erinnerung blieb). Die Kamera ist meist statischer Beobachter, bleibt aber immer bei den Figuren ohne dabei zu nah an sie heranzutreten. Der ganze Film ist im Prinzip so gemacht. Er ist eine Aneinanderreihung von sehr langen und extrem gelungenen Plansequenzen, die präzise sind und einem gleichzeitig viel Raum und Zeit geben, das Geschehen zu erfassen.

Schon in der ersten Szene des Films ist das so, als Paul und seine Geliebte Raluca nackt im Bett liegen. Die Kamera liegt quasi daneben, sehr nah an den beiden, vielleicht etwas zu nah. Uns wird direkt zu Beginn die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen präsentiert, genauso wie in der anschließenden Szene die Beziehung zwischen Paul und seiner Frau Adriana präsentiert wird. Man lernt die Unterschiede kennen, nicht nur die zwischen den beiden Frauen, sondern auch die der beiden Beziehungen. Sie werden in diesen beiden ersten Szenen auf so simple und klare Weise charakterisiert, dass man sie einordnen kann ohne ihre Ursprünge oder Entwicklungen zu kennen. Raluca und Paul albern herum, sie lachen viel, sie küssen sich und fassen sich an, sodass das Verlangen der beiden nacheinander deutlich wird. Es herrscht eine Vertrautheit und Intimität, die einen fast denken lässt, sie sei Pauls Frau. Dass das nicht der Fall ist und sie “nur” die Geliebte in dem Dreieck sein darf, wird erst im Verlauf der Szene klar. Aber irgendwie fühlt man sich unwohl, während man die beiden beobachtet. Vielleicht weil alles zu nah ist, weil man diese Intimitäten nicht ganz so intim präsentiert bekommen möchte oder weil die Küsse zu klebrig sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, und das war bei mir eher der Fall, dass es zu viel gewollte Vertrautheit ist. Irgendwann denkt man sich “Ist okay, ich hab verstanden, was gezeigt werden soll”. Die beiden Figuren sind dann einfach nicht interessant genug, um so viel intime Zeit mit ihnen zu verbringen.

Adriana und Paul werden dagegen in einem komplett anderen Umfeld inszeniert. Sie kaufen Weihnachtsgeschenke für ihre gemeinsame Tochter Mara und befinden sich in einem großen Geschäft – weniger intim könnte die Situation kaum sein. Sie reden über vieles, aber immer mit einer starken Routine, die einen merken lässt, dass sie sich eigentlich nicht unterhalten, sondern die Worte vielmehr abspulen. Trotzdem gibt es zwischendurch kleine vertraute Momente, ein paarmal lachen sie gemeinsam und man erhält den Eindruck einer relativ normalen, in die Jahre gekommenen Ehe, in der sich die Partner noch verstehen, aber eben all das verloren gegangen ist, was Raluca und Paul noch haben. Es ist eben eine andere Form von Vertrautheit, die man irgendwann nicht mehr als solche, sondern eher als Langeweile empfindet.

Die eigentliche Schlüsselszene des Films, die Pauls Geständnis überhaupt erst auslöst, spielt sich in Ralucas Zahnarztpraxis ab. Sie behandelt die kleine Mara und dieses Mal ist Adriana auch ganz spontan mitgekommen. Auf diese plötzliche Konfrontation war Raluca nicht vorbereitet, man spürt förmlich die Spannung zwischen allen Beteiligten. Adriana ist ahnungslos, tritt Raluca aber dennoch forsch entgegen, weil sie daran zweifelt, ob ihre Tochter überhaupt eine Zahnspange bekommen muss. Raluca spricht professionell mit ihr, eben wie eine Ärztin, aber ihre Anspannung, ihre Unsicherheit und auch ihre Frustration über diese mehr als unangenehme Situation werden in jeder Sekunde deutlich. Man merkt, wie sich alles in ihr aufstaut, während sie nach außen hin Ruhe bewahren muss. Und Paul steht daneben wie ein Idiot, beobachtet die beiden Frauen und ist eigentlich nur überfordert. Aber ich würde behaupten, dass ihm in diesem Moment – oder zumindest im Nachhinein aufgrund dieses Moments – klar wird, dass er eine Entscheidung treffen muss. Er wird sie treffen und am Ende wird er sich für Raluca entscheiden, Frau und Tochter verlassen, in ihre kleine Wohnung ziehen und sein altes Leben aufgeben. Weihnachten wird aber trotzdem gemeinsam mit der Familie gefeiert, allein schon für Mara. Die Eingespieltheit macht sich hier immer noch bemerkbar in der großartigen Schlussszene, die eine Art von Choreographie der Routine zeigt. Während Adriana ihre Tochter ablenkt, gibt sie Paul immer Zeichen, wann die Luft rein ist, um die Geschenke unbemerkt unter den Baum zu legen. Das alles läuft stumm ab, die Signale werden nur durch leichtes Kopfnicken gesendet. Und zurück bleibt die Tatsache, dass eine Ehe zwar beendet werden kann, ein Stück der Beziehung aber immer erhalten bleibt.

Tuesday, After Christmas (OT: Marti, Dupa Craciun), Rumänien 2010, 99′
Regie: Radu Muntean
Drehbuch: Radu Muntean, Alexandru Baciu, Razvan Radulescu
Kamera: Tudor Lucaciu
Darsteller: Mimi Branescu, Mirela Oprisor, Maria Poistasu, Dragos Bucur
Verleih: Peripher
Kinostart: 06.10.2011

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