Blickwinkel “Tokyo Tribe”

tokyo_tribeSion Sono war auf der diesjährigen Berlinale zum einen mit Klassikern vertreten, die in der Reihe “Hachimiri Madness” liefen, zum anderen zeigte die AG Kino-Gilde im Hackesche-Höfe-Kino seinen neuen Film The Whispering Star. Grund genug, einen genaueren Blick auf sein vorheriges Werk zu werfen.

 

Hip-Hop-Yakuza-nansensu-Musical mit Message, à la Sono
Von Kemal Karabacak

Tokio in der nahen Zukunft. Die Stadt ist unter 23 teils friedliebenden, teils machthungrigen rivalisierenden Clans, den sogenannten Tokyo Tribes, aufgeteilt und wird von ihnen in Atem gehalten. Ob die Gira Gira Girls, die Shibuya-Saru, die Shinjuku-Hands oder die Musashino-Saru – jede Gang, die sich dem Zuschauer dieses Hip-Hop-Musicals im Stil eines Rap-Battles vorstellt, ist zwar quietschbunt, aber nicht weniger gewaltbereit, wenn der Moment es erfordert. Der Frieden sitzt nur auf einem wackeligen Fundament und könnte schon bald der Vergangenheit angehören. Eine Serie
von Vorbeben – zwar Normalität im bebengeplagten Japan – kündigen bereits einen bevorstehenden großen Knall an. So kommt es, als Tera, der allseits beliebte Anführer der Musashino-Saru von Merra,
einem Mitglied der Bukuro Wu-Ronz, der Gang des wahnsinnigen Yakuza-Boss Buppa, ermordet wird und gleichzeitig eine neue, unbekannte Gruppe in den Bezirken Tokios wütet. Eine Handvoll Tribes
schließen sich zusammen, um Tera zu rächen und ihre Stadt vor den unbekannten Invasoren zu verteidigen. Der erwartete Krieg bricht aus und hält einige Überraschungen bereit.

In der Verfilmung von Santa Inoues Manga “Tokyo Tribe” treffen popkulturelle Phänomene wie Hip-Hop und Martial Arts in einer Art East Side Story aufeinander und vermischen sich mit diversen Referenzen zu Filmen wie Scarface, Kill Bill oder Enter the Dragon. Mit Sion Sono als modernem Vertreter des ero-guro-nansensu (Japanisch für erotisch-grotesken Nonsens), darf dieser natürlich nicht fehlen und so ist für genug Sono-WTF-Momente in 106 Minuten Laufzeit gesorgt. In seinen skurrilen und grotesken Bildern, in denen Frauen oft nur die Rolle der Ware und des Objekts zukommt, vermittelt der Regisseur damit jedoch auch ernste und tiefgründige Themen wie vermeintliche Männlichkeit, Emanzipation und Krieg.

Die Themen des Films erinnern an Takashi Miikes Filmreihe Crows, die ebenfalls auf einem Manga von Hiroshi Takahashi basiert und immer wieder unter anderem das Thema des Mannseins aufgreift. Die Filme begleiten die Schüler der Suzuran-Jungenschule, an der nur das Recht des Stärkeren gilt und die für ihre gewalttätigen Delinquenten berüchtigt ist, die nur danach streben, ihre Kraft unter Beweis zu stellen, an der Spitze der Schule zu stehen und sie zu regieren. Die Jungen sind ständig in Kämpfe untereinander verwickelt, um die Hierarchie der Schule zu bestimmen und die Reihen ihrer Gangs zu erweitern. Jedoch kommt es auch zu Kriegen mit anderen Schulen. Ästhetisch sind die Filme das komplette Gegenteil voneinander. Während Sono „farbenfroh“ und groteske Bilder zeigt und stellenweise in Gewaltausbrüche übergeht, fährt Miike bei Crows eher fahle Szenerien und kalte Farbtöne auf und füllt die Szenen von Anfang bis Ende mit brutaler Gewalt.

Die meisten Schüler der Suzuran merken oft erst spät oder gar nicht, dass der Kampf sinnlos ist, da der Ruhm, den sie gewinnen, entweder nach dem Abschluss nichts wert ist oder sie ihn nie erlangen
werden, da immer nur einer an der Spitze stehen kann. Diese Erkenntnis geht jedoch meist wieder verloren, weil sie alle immer wieder in den Kreislauf der Gewalt gezogen werden, da es der Weg ist, den sie sich für ihr Leben ausgesucht haben – ein Dasein als Krähen, zwar nicht die schönsten Vögel, jedoch stets frei. Tokyo Tribe geht mit der Thematik hingegen offener um und zeigt einen konkreten Ausweg aus dem Kreislauf: Nämlich, dass es im Leben nicht darum geht, wer der Stärkste ist – oder wer den größten Penis hat – sondern, dass es nur wichtig ist, was für ein Herz man hat und was man Positives in der Welt beitragen kann.

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Blutige Wortgefechte
Von Oliver Schmidt

Tokyo Tribe ist ein (popkultureller) Film des japanischen Regisseurs Sion Sono aus dem Jahr 2014. Genretechnisch lässt er sich in einen Mix zwischen Drama, Science-Fiction und Musical mit Martial Arts Elementen einordnen. Die Filmmusik bewegt sich ausschließlich im Hip-Hop-Bereich mit starkem Fokus auf Battle Rap.

Sion Sono nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in das futuristische Tokio, in welchem verschiedenste Gangs die Straßen beherrschen. 23 unterschiedliche Gruppierungen teilen sich die Stadtgebiete kategorisch auf. Die Hierarchie untereinander ähnelt jener der heutigen Yakuza. Tragende Elemente sind Gewalt, Macht, Geld, Korruption und Prostitution. Besonders charakteristisch sind sehr lange Kamerafahrten durch die Stadtgebiete mit musical-ähnlichen Tanz- und Gesangsszenen. Dabei steht der Battle Rap im Mittelpunkt. Dennoch wird sich nicht ausschließlich verbal gebattlet, so wie es der eigentliche Grundgedanke des Battle Raps von Haus aus mitbringt, sondern größtenteils auch körperlich zugelangt. Dies hat bei mir direkt Unverständnis hervorgerufen, da mit Hinblick auf die hochkarätige japanische Hip-Hop-Gemeinde, welche bei diesem Film mitgewirkt hat, diese Fehlinterpretation eigentlich einen Verrat des Grundcodex in sich birgt.

Gezeigt werden weiter diverse „Hahnenkämpfe“ der Gangleader, bis schließlich einer jener, vom Günstling des Big Bosses, im (Wort-)Gefecht getötet wird. Mit Bekanntwerden dieses unrechtmäßigen Vorfalles schließt sich ein Großteil der Gangs zusammen, um gemeinsam gegen den diktatorisch handelnden Boss vorzugehen und der ewigen Unterdrückung ein Ende zu setzen. Es fließt abermals Blut, begleitet von basslastigen Beats mit aggressiven Lyrics. Nach erfolgreichem Stürzen des Anführers und diabolischem Abschlachten dessen Gefolges, beruhigt sich die Lage wieder.

Überschattet, oder besser gesagt begleitet, wird die gesamte Szenerie mit klar erkennbaren Manga- Charakteristika. Für mich als grundkritischen Rezipienten japanischer Filme war es nicht leicht, diesem etwas Gutes abzugewinnen. Der omnipräsente Mix der verschiedensten Genres machte es zunehmend schwer, einen klaren stilistischen Faden zu finden. Ebenfalls stieß mir die Fehlinterpretation des Battle-Rap-Gedankens negativ auf. Das abschließend vermeintlich friedliche Zusammenleben der jeweiligen Gangs machte das Happy End vollkommen, aber der eigentliche Weg dahin war für mich wenig fortschrittlich anmutend, sondern eher der alten Samurai-Tradition huldigend – gewalttätig und blutig.

“Tokyo Tribe” (Ot: Tōkyō Toraibu), JP 2014, 116′
Regie: Sion Sono
Drehbuch: Sion Sono, Santa Inoue (Manga-Vorlage)
Komponist: BCDMG
Kamera: Daisuke Sôma
Darsteller: Ryohei Suzuki, Young Dais, Nana Seino, Yôsuke Kubozuka
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 16.07.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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