Blickwinkel “The Neon Demon”

The-Neon-Demon-8-Nicolas Winding Refns The Neon Demon weckte unsere Schreibwut wie selten zuvor…

 

Grausam und schön
Von Michaline Saxel

Fast könnte man Nicolas Winding Refns neuen Film als einen typischen Modefilm sehen: Models, Missgunst, Konkurrenz. Ein junges Mädchen, Jesse, wird in die Modewelt geworfen und muss sich in dieser zurecht finden, wird gefeiert und sticht durch ihre natürlich Art ihre Nebenbuhlerinnen aus. Doch ist die Geschichte des Filmes nicht sein Schwerpunkt. Dieser liegt entgegen der Erwartungen auf der Optik: Ästhetik ist alles.

Schon am Anfang des Filmes zeigt sich eine ästhetisierte Grausamkeit, indem Jesse in einem Fotoshooting mit blutverschmiertem Hals auf einem Sofa drapiert liegt, die Augen leer und starr. Es geht nicht um ihr Innerstes, sondern um ihre hübsche Hülle, die fotografiert wird. Sie wird zu einem „Schneewitchen“, das ohne emotionale Regung im Glaskasten liegt und dabei wunderschön aussieht. Ihre Schönheit wird zum höchsten Gut und macht sie auf narrativer und optischer Ebene nahezu magisch. So erklingt in mehreren Szenen, in dem sie Erfolge im Modegeschäft verbucht ein schallender Sound. Ähnlich wie das Klingen vom kleinen Glöckchen untermalt er die Magie, mit der Jesse ihre Mitmenschen verzaubert und manipuliert. Ihre Schönheit kommt nicht von innen und ist nicht natürlich, sie ist künstlich wie ein Zauber über sie gelegt. Auch im weiteren Verlauf des Filmes wird dies deutlich. Kann man sich anfangs noch mit ihr identifizieren, verschwimmt dieser Bezug im Verlauf und wird durch hoch ästhetisierte Bilder ersetzt. Jesse wird vor der Kamera zu formbarem Plastik: Wunderschön aber Inhaltsleer.

So ergeht es den meisten Charakteren des Filmes, die ihr Handeln nicht an eigenen Interessen, sondern an dem Streben nach Schönheit festmachen. Die Makeup-Assistentin Ruby, die nicht Jesses innerstes, sondern ihren hübschen Körper begehrt, schreckt selbst vor hübsch und steril inszeniertem Sex mit einer Leiche nicht zurück. Jesses Kolleginnen Sarah und Gigi bemerken schnell, das Jesse eine Konkurrenz zu ihrer Schönheit darstellt und scheinen nicht nur um Jobs, sondern auch um die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu buhlen. Dies erreichen sie scheinbar nach dem Mord an Jesse: Obwohl diese tot ist, geht der Film weiter und zeigt die beiden bei einem weiteren Shooting. Die Einverleibung von Jesses Körpers wird wie zu einem märchenhaften Ritual: Ihre Schönheit geht auf Sarah und Gigi über. Sie werden vom Fotografen und auch vom Zuschauer bemerkt und selbst magisch. Dass Gigi diese Transformation nicht übersteht und sich nach dem Auswürgen von Jesses Augapfel selbst ersticht, ist dabei unwesentlich, da der Zuschauer nun durch die erneute Einverleibung des Auges von Sarah eine noch schönere Person zum betrachten erhält. Das Motiv des betrachtenden Auges wird somit nicht nur indirekt, sondern optisch verarbeitet: Sarah schluckt symbolisch das Auge sowie den Blick des Zuschauers und verleibt ihn sich ein. So wird deutlich, dass es Refn nicht um Sympathie mit den Hauptcharakteren, sondern um das Sehen geht.

Die Protagonisten sind wie Figuren, die positioniert, ästhetisiert und betrachtet werden. So wirkt der ganze Film eher wie ein Vogue-Cover, als wie eine tragende Geschichte: Unpersönlich, steril, aber wunderschön. Manch ein Zuschauer mag sich nicht mit diesem Schwerpunkt anfreunden können, da er entgegen der etablierten Sehgewohnheiten nicht die Gefühle, sondern die pure Ästhetik in den Mittelpunkt stellt. Doch ist dieser Fokus ein Thema, der sich den gesamten film entfaltet und dem Zuschauer wunderhübsche und gerade zu magische Einstellungen und Bilder zeigt. Leere Häuser und symmetrische Formen werden zu Akteuren des Filmes, die wie die Charaktere Teil eines Puzzles werden. Zusammengesetzt zeigt dieses ein perfektes Zusammenspiel, welches dem Zuschauer eine zutiefst ästhetische Erfahrung ermöglicht. The Neon Demon ist keine Hommage an Models oder die Modeindustrie, jedoch an die Ästhetik und die Schönheit.

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“Schönheit ist nicht alles, sie ist das Einzige”
Von Desiree Schober

Es war einmal ein wunderschönes Mädchen namens Jesse (Elle Fanning), die so schön und feenhaft war, dass sie im Nu der neue funkelnde Stern der Modewelt wurde. Ein Model, das nur durch seinen Anblick alle in seinen Bann zog. Doch ihre Schönheit barg große Gefahr. So wurde sie von Versprechen geblendet, von Hochmut ergriffen und von Neidern umringt, die ihr schließlich ihren Tod brachten und in ihrem Blut badeten.

The Neon Demon ist das neue Werk des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn, der in diesem Film das Augenmerk noch mehr denn je auf eine kunstvolle Ästhetik, überhöhte und durchgestylte Inszenierungen richtet, wie sie bereits aus seinen Filmen Drive (2011) und Only God Forgives (2013) bekannt sind.

Der Film, der die Modeindustrie kritisch thematisiert, indem er ihre Oberflächlichkeit durch Designer, für die ein Model nicht jung genug sein kann, eine knallharte Managerin oder operierte, dümmliche Models darstellt, nutzt die Ästhetik und Darstellungsweise von durchgestylten Hochglanzmagazinen. Jeder Wimpernschlag, jedes Wort und jeder Hintergrund wirkt inszeniert, die Filmbilder trotz Glitzer und Neonfarben steril und minimalistisch. Darüber hinaus wirken sowohl die Filmbilder als auch deren narrativer Inhalt langsam und statisch, die Dialoge überhöht und gewollt unnatürlich.

Die übertriebene Inszenierung und Überspitzung des Ästhetischen unterstreicht deutlich die Thematik des Films, der das Äußere, die leere Hülle, stets in den Vordergrund rückt. Ob beim Casting, bei dem die eingeschüchterten Models vor den Augen des Designers ihre Körper zur Schau stellen, wobei dieser beim Anblick Jesses scheinbar in Ekstase gerät oder beim Gespräch in der Disco über Lippenstiftfarben und die Schönheitsoperationen – stets wird deutlich: was zählt sind Äußerlichkeiten, das Innere der Hülle ist unbedeutend. Denn nur die Oberfläche eines Models ist in einer perfekten Fotografie sichtbar, nur die Oberfläche des toten Körpers notwendig, um die Visagistin Ruby zu befriedigen. Und selbst der kalte, leblose und wieder zusammengenähte Körper verrät noch, dass er einst makellos schön war. Ein angesagter Mode-Designer fasst den Fetischismus der Oberflächliche und die Obsession des Schönen, die sich durch den ganzen Film ziehen, in einer Szene treffend zusammen: „Schönheit ist nicht alles, sie ist das Einzige.“

Im letzten Drittel des Films spitzt sich die zuvor nur schleppend voranschreitende Handlung schließlich zu.
Die Oberflächlichkeit der Modewelt scheint nun sogar die unschuldige, feenhafte Jesse zu umhüllen, und ihr vorher so weiches und unschuldiges Inneres auszusaugen. Auf einem Sprungbrett eines leeren Pools platziert, erkennt sie, dass sie so schön ist, dass andere dafür töten würden, um so auszusehen wie sie.

Ruby und die unter Konkurrenzdruck stehenden Modelkolleginnen Sarah und Gigi stürzen sich auf sie, treiben sie in die Enge und stürzen sie in den Abgrund des leeren Pools, dessen Inneres ebenfalls fehlt, wodurch er seiner ursprünglichen Funktion beraubt ist und nur seine harte Hülle bleibt, die nun von Jesses Blut bedeckt wird.

Am Ende des Films werden Tabubrüche und Provokationen nur so aneinandergereiht. Nachdem sich Ruby sexuell an der Leiche einer jungen Frau vergeht und Jesse in den Abgrund gestürzt wurde, duschen Sarah und Gigi in Jesses Blut und verteilen somit ihr Inneres auf ihren eigenen Körpern und verzehren die einstige Konkurrentin. Winding Refn scheint hier gängige Floskeln wörtlich zu nehmen. Model Sarah verglich Models bereits in der Mitte des Films mit Essbarem. „Wer will Trockenobst, wenn man Frischfleisch haben kann?“.

Schließlich gelangt das Innere Jesses aber am Ende doch wieder an die Oberfläche. So wird zumindest ihr Augapfel nach langem Würgen von Gigi wieder an die Oberfläche gekotzt und daraufhin von der scheinbar gelangweilten und genervten Sarah wieder heruntergeschluckt.

Das sowohl märchenhafte als auch grausame Horror-Drama mit viel Blut, Gewalt, aufwendigen Inszenierungen und zahlreichen Tabubrüchen bleibt letztendlich leider selbst stets an der Oberfläche. Die Narration verschwindet hinter Provokation und Ästhetik. Aber mit aller Wahrscheinlichkeit wollte Winding Refn genau das erreichen; Ein Regisseur, der es sich nach eigenen Angaben zur Aufgabe gemacht hat, alles zu zerstören, was von allzu gutem Geschmack ist und seinen Zuschauern eine Erfahrung bieten will, ganz gleich, ob sie diese als gut oder schlecht empfinden.

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Der Körper als Imago
Von Jasmin Rychlik

„Ich bin schön, also bin ich.“ – Basierend auf diesem narzisstischen Grundsatz entführt der Regisseur Nicolas Winding Refn den Zuschauer in seinem neuen Film The Neon Demon in eine oberflächliche Welt, in der die Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen zunehmend an Konturierung verlieren; bis schließlich eine Vermischung – zwischen dem Selbst und dem Anderen – stattfindet. Jessie (Elle Flanning), deren einziges Talent laut eigener Aussage ihre Schönheit ist, reist als Teenie nach Los Angeles um den Traum vieler Mädchen zu leben: Den Aufstieg in der Modelbranche. Sie zieht in ein heruntergekommenes Motel, das von dem zwielichtigen Besitzer Hank (Keanu Reeves) geleitet wird. Ihr makelloses Äußeres führt dazu, dass Jesse in der Stadt der Engel schnell registriert wird. Kurz nachdem sie in einer Agentur unter Vertrag genommen wird, kann sie bereits erste Erfolge verbuchen. Im Rahmen eines Shootings lernt sie die Make – Up Artistin Ruby (Jena Melone) kennen, die sich von Jesse fasziniert zeigt. Da Jessie bereits innerhalb kürzester Zeit von Starfotografen geshootet wird und die Modenschau eines berühmten Designers abschließen darf, werden mit Sarah und Gigi auch Modelkonkurrentinnen auf sie aufmerksam. Die Verknüpfung der Themen Narzissmus und Modebranche seitens Refn ist weder neu, noch nimmt sie einen überraschenden Verlauf. Bereits in der griechischen Mythologie verliebte sich der Jüngling Narzissos in sein eigenes Spiegelbild, als er sein Antlitz zum ersten Mal auf der Wasseroberfläche erblickte. Diese unmittelbare Verbindung zwischen dem Spiegel und der Imagination greift ebenfalls der französische Psychoanalytiker Jaques Lacan auf, als er das Spiegelstadium konstruiert, um narzisstische Objektbeziehungen zu verdeutlichen. The Neon Demon ist von Szenen durchzogen, in denen die Protagonistin Jesse ihre eigene Schönheit in Spiegeln bewundernd begutachtet. Doch nicht nur sie registriert ihre Schönheit, sondern jeder, der sie ansieht, zeigt von ihrem makellosen Anblick überwältigt. Nachdem Sarah einen Spiegel im Bad zerschlägt, da Jesse ihr bei einem gemeinsamen Casting den Job weggenommen hat, fragt sie Jesse:

„Wie ist es, wenn in einem Raum Winter herrscht, man betritt ihn und ist die Sonne?“

Daraufhin entgegnet Jesse:

„Es ist alles.“

Die Gemeinsamkeit der Spiegelszenen besteht darin, dass die Identitätskonstitution von Jesse primär über das Medium des Blicks stattfindet, was sowohl den Blick betrifft, den Jessie auf sich selbst wirft, als auch den Blick, den die anderen Charaktere auf sie werfen. Vergleichbar mit der Rolle des Kindes im Spiegelstadium Lacans ist Jesse auf die Bestätigung der Anderen angewiesen, um ihre körperliche Identität zu bewahren. Wie sehr Jesses Selbst von der Präsenz der anderen Charaktere und deren fremder Anerkennung abhängig ist, zeigt auch die Verwandlung, die sie durchläuft. Zu Beginn des Filmes scheint es, als könne sie sich selbst und ihren eigenen Marktwert noch nicht genau einschätzen, was daran deutlich wird, dass sie eher prüfend und testend in die Spiegel schaut. Doch je mehr fremde Anerkennung sie erhält, desto selbstbewusster wird sie und damit auch ihr Selbstbild.

Ähnlich wie in dem Spiegelstadium von Lacan entsteht Jesses Ich daher nicht aus der Selbstkonstitution, sondern vorwiegend aus der Fremdkonstitution durch „dessen“ Spiegelbild; – dem alter ego. Hier wird deutlich, dass Alterität und Identität in Refns Film in einem unauflösbaren Zusammenhang stehen. Der äußere Schein ist also kein bloßer Schein, sondern wird für Jesses Ich zum Sein. Da das Bild ein Fremdes, ein Äußeres ist, erscheint das eingebildete Ich ebenfalls als ein sich selbst entäußertes. Es ist demnach gerade das Außen bzw. die Fremdheit, die für Jesses Subjektkonstitution unabdingbar ist. Jesse muss von nun an mit sich identisch sein, da das (Spiegel-) Bild vorgängig ist. – Es ist vor ihrem Ich da. Deshalb eignet sie sich die Anerkennung der anderen Charaktere an und konstituiert aufgrund der informierenden Funktion der Imago ihr eigenes Selbst. Die Ambivalenz des Imagos besteht jedoch nicht nur in seiner stabilisierenden, sondern auch in seiner hoch destruktiven Wirkung. Da Jesses Ich nach der Verschmelzung mit der Imago strebt, werden identifikatorische Prozesse in Gang gesetzt, die dazu führen, dass sie sich selbst verliert, nur um sich in den Anderen begegnen zu können. Sie verkennt sich im Anderen und verliert sich für immer. Oder um es mit den Worten von Freud zu beschreiben: „Das Ich ist nicht Herr im eignen Haus.“

Aus dieser grundlegenden Körperbezogenheit der imaginären Identitätskonstruktionen geht die Rolle von Jesses Körpers als Schaltstelle und Austragungsort für die Subjektwerdung hervor. Aufgrund der Ambivalenz der Imago oszilliert ihr brüchiges Körperbild zwischen dem „heilen“ und dem „zerstückelten“ Körper – Zwischen Verkörperlichung und Entkörperlichung. Anders ausgedrückt: Die Imago eint und stabilisiert, indem sie zugleich zerstört und entfremdet.

Am Ende des Films wird Jesse von ihren Modellkonkurrentinnen gefressen. Hölderlins Sprichwort „Durch Worte kann man töten“ erlangt in Bezug auf die Verbindung von Modelbranche und Narzissmus einen prophetischen Sinn. Jesse wird von den Charakteren Ruby, Sarah und Gigi nämlich ebenfalls als Imago wahrgenommen. Ihre ambivalente Wirkung auf die drei Frauen besteht darin, dass sie sowohl von Jessie fasziniert sind, als auch eine Bedrohung durch sie erfahren, die sich unterschiedlich äußert.

Gigi ist eine Modelkonkurrentin von Jesse, deren Chirurgen sie als „bionic woman“ bezeichnet, da sie davon überzeugt ist, mit Schönheits – Ops ihren Körper grenzenlos manipulieren zu können. Gigis Traum, die Vollendung der physischen Erscheinung durch Technik zu ermöglichen, zerstört der Castingdirektor radikal, indem er Jessie – im Vergleich zu Gigi – eine echte, durch Manipulation unerreichbare Schönheit attestiert. Der Castingdirektor legt den Finger auf Gigis innere Zerrissenheit; Er zeigt ihr, was ihr fehlt. Dadurch entsteht bei Gigi, die durch chirurgische Eingriffe ein distanziertes Objektverhältnis zu ihrem Körper entwickelt hat, der Wunsch nach physischer Vollkommenheit im Sinne einer Makellosigkeit. Da sie ihren Körper durch die Schönheits – OP’s zunehmend vergegenständlicht und Lebendiges zugunsten von etwas technisch – artifiziellem ausgegrenzt hat, muss sie als Konsequenz daraus Lebendiges aufnehmen, um die Chance nach natürlicher Schönheit wahrzunehmen. Wie bereits dargestellt fungiert Jesse als Imago, weshalb die Verschmelzung mit Jesse seitens Gigi nur stattfinden kann, indem sie sich in ihr begegnet. – Sie isst sie also sinnbildlich auf. Die bedrohliche Seite der ambivalenten Wirkung von Jesse als Imago wird noch drastischer, als sich Gigi am Ende umbringt, um Jesse in sich auszulöschen; Sie aus ihr zu entfernen. Indem sich Gigi umbringt, hebt sie ihr Anderssein in der ihr nur möglichen endgültigsten Form auf.

Ähnlich wie Gigi wird auch ihre Modelkollegin Sarah durch das Erscheinen von Jesse auf ihre körperlichen Mängel hingewiesen, als ein Castingdirektor Jessie den Vorzug vor Sarah gibt. Hieran wird wieder die destruktive Eigenschaft von Jessie als Imago hervorgehoben. An der makellosen Schönheit von Jesse werden Sarah ihre eigenen körperlichen Mängel bewusst, deren Vorhandensein für sie eine unerträgliche Vorstellung darstellt. Sie sieht Jesse an und nimmt ihre Schönheit wahr. Das Sehen nimmt also eine Art Vorspiel des Angriffsaktes ein. Fasziniert und zugleich bedroht von Jesses Schönheit, strebt Sarah ebenfalls die Verschmelzung mit Jesse, die als Imago fungiert, an. Die Bestrebungen der Verschmelzung münden in physischer Gewalt, So versucht Sarah bspw. Jesses Blut zu trinken. Das vampireske Motiv setzt Refn ein, um den Wunsch nach physischer Vervollkommnung zu unterstreichen. Nachdem die Frauen Jesse gegen Ende des Films ermorden und aufessen ist Sarah die Einzige der drei Frauen die überlebt. Ein bekannter Fotograf wird auf sie aufmerksam und ist von ihrer Schönheit angetan. In diesem Zusammenhang ist der Begriff des Imago nicht nur in der Lacanschen Theorie interessant, sondern auch dessen Bedeutung in der Biologie, da „Imago“ in der Biologie das letzte Stadium nach der vollzogenen Häutung eines Insekts beschreibt; die Metamorphose. Das ebenfalls aus dem Tierreich stammende vampireske Verhalten und die anschließende Anerkennung der Metamorphose durch den Fotografen verdeutlichen nicht nur die Verschmelzung mit dem Imago Jesse, sondern auch, dass Sarah selbst zu einem Imago geworden ist. Das Anderssein des Du wird durch den Vorgang des Essens aufgehoben, um zu einer illusionären Einheit des Ich zu verschmelzen – wie bei dem Jüngling Narzissos, der im Du nur sich selbst will.

Ruby ist die dritte Frau, die Jesse verschlingt. Neben ihrer Tätigkeit als Make – Up Artistin arbeitet sie als Bestatterin und ist dafür zuständig, Leichen zu schminken. Sie ist in der Pathologie tätig und greift mechanisch in den Körper ein, der als lebloser Stoff vor ihr liegt. Hier zeigt sich bereits Rubys Verhältnis zum Tod, den sie abwertet, da er den Schein des Endgültigen verliert, sobald sie den menschlichen Körper nach dessen Tod weiter formt. Die Disqualifikation des Todes wird in einer Nekrophilie-Szene auf die Spitze getrieben. Die Faszination von Jesses Schönheit wird deutlich, als Ruby versucht, Jesse zu verführen. – Ruby begehrt sie und versucht die Verschmelzung mit dem Imago Jesse durch die physische Verschmelzung – also durch Sex – mit ihr voranzutreiben. Jesse weist sie jedoch zurück, was bei Ruby vermutlich den Wunsch weckt auf andere Weise mit ihr zu verschmelzen. Vor ihrem beruflichen Hintergrund und ihrem daraus resultierenden Verhältnis zum Tod erscheint es in der Logik des Films stringent, dass auch sie versucht, Jesse physisch zu verschlingen.

Die Stadt Los Angeles fungiert als „Neon Demon“, in deren Neonlichtern sich die Charaktere in einem illusionistischen Netz aus Selbst- und Fremdbildern verlieren. Die Stadt verspricht eine heile Modewelt, die sich letztendlich als etwas Unheimliches herausstellt. Doch nicht nur die Stadt verspricht, was sie nicht hält – Gleiches gilt auch für Ästhetik und Inhalt des Films. Die schillernde Glitzer – Ästhetik in Refns Film verspricht ein Feuerwerk, das der Inhalt nicht hält. Phrasen, wie bspw. „Schönheit ist nicht alles, sie ist das Einzige“ verdeutlichen nicht nur die Künstlichkeit der oberflächlichen Welt, in der sich die Protagonisten befinden, sondern auch den mangelnden Einfallsreichtum seitens des Produktionsteams eine Originalität innerhalb der Dialoge herzustellen. Auch Bilder, wie z. B. das Auftauchen von Raubtieren als Symbol für das Gefressen werden, erscheinen interpretatorisch eher seicht. Treffender und etwas weniger belanglos konstatierte bereits Jelinek in seinem Stück „Das Werk“: „Die Schönheit ist für vieles ein Grund, und wir sind jetzt begründet, wenn auch nur kurz. Wir schmelzen vor unserer eigenen Schönheit. Andere verbrennen.“

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Auf der Suche nach dem Neon Demon
Von Johanna Jagonak

Eine junge Teenagerin namens Jesse zieht nach L.A., um sich ihren Traum vom Modeldasein zu verwirklichen. Dabei trifft sie rasch auf die Stylistin Ruby, die wie verzaubert von ihr ist und ihr mehrere Chancen und Kotakt mit großen Namen im Modelbuisness eröffnet. Jesse als unverdorbene und natürliche Schönheit vom Lande stiehlt den anderen etablierten Models die Show und klettert sehr schnell die Karriereleiter herauf. Es ist das gewisse Etwas, dass sie von den Anderen abzuheben scheint. Sie ist unberührt und ungekünstelt. Sie ist die Unschuld vom Lande oder etwa nicht?

“You know how my mum used to call me? Dangerous. Your´re a dangerous girl. She was right. I am dangerous.” Dies sind die Worte die Jesse kurz vor ihrem Tod an Ruby richtet. Dabei tänzelt sie ganz selbstsicher, wohl eher schon arrogant, umhüllt von einen leichten flatternden Kleid auf dem Sprungbrett eines leeren Pools herum. In dieser Szene wirkt Jesse absolut nicht wie die Unschuld vom Lande, sondern wie ein abgeklärter berechnender Neon Demon, der anscheinend schon immer wusste, welche Ausstrahlung und Wirkung er auf andere Menschen hat. Von dem anfänglichen unsicheren, jungen Mädchen ist in dieser Szene nichts mehr zu spüren.

Doch betrachtet man den Film und die Entwicklung von Jesse im ganzen Film ist fraglich, ob dies ein sinniger Ausgang ist und die Bezeichnung Neon Demon auf Jesse zutrifft. Von Beginn an verpasst der Regisseur Nicolas Winding Refn Jesse ein übertriebenes kindliches, naives Image eines vom Land stammenden Bauernmädchen, die völlig verunsichert in die schimmernde und
berechnende Modelwelt eintauchen will. Kaum eine Szene kommt dabei ohne eine nervöse Selbstberührung Jesses aus. Ihre Blicke sind hilflos und schutzsuchend, wie bei einem jungen Reh, dass verzweifelt nach seiner Mutter sucht. Im großen und ganzen geht man in dem Film also vergeblich auf die Suche nach Anzeichen dafür, dass Jesse ein durchtriebener Neon Demon ist, der nur mit seinen Mitmenschen spielt und dem Schein zur Liebe in die Rolle eines schüchternen Bauernmädchen geschlüpft ist. Neben der Szene am Pool gibt es im Film lediglich eine weitere Szene, in welcher Jesse den Anschein erweckt, als würde sie seit Beginn an ein berechnendes Spiel spielen.

Als Jesse sich nach ihrer ersten Fashionshow mit ihrem Freund Dean zum Designer und zwei weiteren Models in einen Club gesellt, hat sich ihr äußeres Erscheinungsbild komplett verändert. Ihre Auftreten ist extravagant, ihr Blick arrogant und eingebildet. Das süße Mädchen vom Lande ist verschwunden. Nachdem sie ihren Freund Dean eine Weile später noch eiskalt abblitzen lässt und wegschickt ist der Bann des süßen, unschuldigen Mädchen gebrochen. Die Geburt das Neon Demons, der von der Modewelt besessen ist scheint perfekt.

Doch so schnell wie dieser Anflug von Überheblichkeit gekommen ist, so schnell war er auch wieder vorbei. Kurz nachdem Jesse mitten in der Nacht an ihrem Motelzimmer angekommen ist und befürchtet einen Einbrecher bei sich zu haben, flüchtet sie sich wieder hilfesuchend in die Arme des Motel-Manager. Dies gilt genauso für die Szene am Pool. Nachdem Jesse ihren großen dramatischen Auftritt auf dem Sprungbrett des Pools hatte, in dem sie durchaus für einen kurzen Moment als Neon Demon erscheint, fällt sie allerdings, als sie von Ruby und zwei Modelkonkurrentinnen verfolgt wird, wieder zurück in Rolle des kleinen hilflosen Teenager. Auch wenn Jesse in zwei Szenen einen Anflug von Überheblichkeit erlebt und als Neon Demon durchgehen könnte, ist sie in den größten Teilen des Films doch bloß ein kleines, naives, hilfloses Mädchen vom Lande. In den anderen Szenen bricht Jesse in keinster Weise aus dieser Rolle heraus, was gerade für einen Film der nicht den Dialog, sondern die starken Bilder für sich sprechen lässt sehr schade ist. Den ZuschauerInnen wird während des Films also nicht durch Gestik oder Mimik angedeutet, dass Jesse nur ein durchtriebenes Spiel spielt, sodass sie weniger wie ein berechnender Neon Demon wirkt, sondern viel mehr wie ein kleines Mädchen mit zwei bipolaren Aussetzern.

“The Neon Demon”, US/DNK/F, 117′
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham
Kamera: Natasha Braier
Darsteller: Elle Fanning, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Christina Hendricks, Keanu Reeves, Karl Glusman
Verleih: Koch Films
Kinostart: 23.06.2016 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

2 Responses to “Blickwinkel “The Neon Demon””

  1. Stepnwolf

    Für mich war dieses überstilisierte, hochästhetisierte Werk Winding Refns einen Touch zu visuell catchy. Keine Frage, NWR weiß Bilder auf die Leinwand zu zaubern, aber manchmal wünscht man sich die dreckige Wahrheit ohne gelackte Fotografien. Und man wünscht sich vor allem eine Narration, die in irgendeiner Form mitreisst. “The Neon Demon” gelang das bei mir leider nicht.

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