Blickwinkel: The Act of Killing

The Act of Killing Film Dogwoof Documentary

Der vielleicht am intensivsten diskutierte Film diesen Jahres, The Act of Killing, lief vergangenen Mittwoch, den 04.12.2013, in unserer Kinoreihe Cinemathek. Joshua Oppenheimer hat für seinen Dokumentarfilm Kontakt zu den indonesischen Massenmördern der Massaker in den sechziger Jahren an Kommunisten aufgenommen, die bis heute für ihre Taten nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Er bietet ihnen in seinem Film die Möglichkeit, ihre brutalen Verbrechen von damals in einem eigenen Film nachzustellen. Da es nach wie vor viel zu diesem Dokumentarfilm des amerikanischen Regisseurs zu sagen gibt, hat die Daumenkino-Redaktion sich in zwei Blickwinkeln noch einmal aus expliziten Perspektiven mit diesem Film auseinander gesetzt – diesmal stehen Wiederholung und Reflexion im Film im Fokus.

 

Über den Wert der Wiederholung

von Florian Krautkrämer

Gleich zu Beginn gehen die verschiedenen Ebenen ineinander. Anwar Congo zeigt Oppenheimer wo einst das Kino war, in dem er Tickets verkauft hat. Er erzählt, wie er beschwingt aus den Filmen kam, die er gesehen hat, er macht einige Tanzbewegungen nach, schlendert so über die Straße zu einem anderen Ort, den er dem Regisseur zeigen wollte: das Büro, in dem sie die Kommunisten getötet haben. Erzählung und Reinszenierung, Unterhaltung und Massenmord gehen in The Act of Killing permanent und oft ohne Bruch ineinander über.

Es gibt verschiedene Stufen der Reinszenierung in diesem Film. Da ist die oben beschriebene innerhalb eines Gesprächs, dann in Wohnungen oder an Originalplätzen improvisierte Nachstellungen mit Personen, die das Gezeigte einst tatsächlich nacherlebt haben (meist die Täter) und aufwändig in einem Studio gedrehte Szenen, die zwischen dokumentarischer Erzählung und surrealer Inszenierung liegen. Das verbindende, unerträgliche Moment des Films liegt darin, dass die Täter von einst ohne erkennbaren Skrupel ihre Taten als grausam verübte Morde verstanden wissen wollen. Man mag kaum fassen, dass sich hier das gewohnte Muster umkehrt, dass Täter doch normalerweise erzählen, niemand habe etwas gewusst, man musste mitmorden.

Dem Film wurde daher auch vorgeworfen, er biete den einstigen Tätern eine Bühne, er werde zu einer “Siegergeschichtsschreibung”. Dass die Reinszenierung den Darstellern auch Gewalt antut, steht außer Frage, man sieht das deutlich, wenn die paramilitärische Gruppe eine Siedlung angreift. Der Überfall mag gespielt sein, aber die Angst und Tränen der “Statisten” sind echt. Und genau in dieser Verschmelzung wird der Film zu einer Metapher für die kaum vorhandene Aufarbeitung der Massaker in Indonesien. Realität und Fiktion, Erzählung und Inszenierung, Unterhaltung und Folter verschwimmen in The Act of Killing, das erlösende “cut!” ist selten, weil es dieses nur im sicheren Rahmen des Gefilmten geben kann, wo doch aber die Bühne für die anhaltende Selbstinszenierung der Mörder die Realität Indonesiens ist.

An anderer Stelle (im Zusammenhang mit S–21 von Rithy Panh) hat Simon Rothöhler das Reenactment ganz treffend beschrieben: “Das im filmischen Medium enthaltene Versprechen, zeitlich Vergangenes mit Sublimation und ‘Rührung’ zu betrachten, verdichtet sich dabei in zu beunruhigend zwischen Zeilen flottierenden Sequenzen, die den Terror als etwas zeigen, das nicht nur nicht vollständig vergangen, sondern auch: wiederholbar ist.”

 

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Der Film im Film im Film

von Kristina Scholz

 

Interessanterweise gibt es neben den Gräueltaten der sechziger Jahre in The Act of Killing ein Element, das sich vehement durch den Film zieht: das Medium Film selbst. Zum einen wird dies ganz offensichtlich durch den Film, der im Film gedreht wird. Wir sehen das Studio, der Zuschauer begleitet quasi direkt die Dreharbeiten. Szenen des Films, in dem die brutalen Szenen nachgestellt werden, mischen sich zum Teil so mit denen des Dokumentarfilms Oppenheimers, dass sie fließend ineinander übergehen.

Das ist aber nur eine der verschiedenen Ebenen, in denen sich der Film als Medium bemerkbar macht. Darüberhinaus ist der Film und das Kino ein wichtiger Bestandteil der Vergangenheit des Massenmörders Anwars, der Hauptfigur des Dokumentarfilms. Bevor er Morde an Kommunisten und chinesisch-stämmigen Einwanderer beging, kontrollierte er mit anderen Gangstern (so bezeichnen er und seine Gleichgesinnten sich voller Stolz) einen Schwarzmarkt für Kinokarten. Er schwärmt für amerikanische Western und Gangsterfilme, lies sich von diesen Filmen auch für die Tötungsweisen seiner Opfer inspirieren.
Schließlich ist es auch der Wunsch der “Gangster” die Nachinszenierung der Übergriffe von einst im Stile klassischer amerikanischer Gangsterfilme zu inszenieren. Die Gangstercharaktere der amerikanischen Filme sehen Anwar und seine Weggefährten als regelrechte Vorbilder: mit Stil (durch bestimmte Kleidung in Szene gesetzt) und Spaß sollte damals getötet werden.  Heroisch blicken sie auf ihr brutales Vorgehen zurück und sind stolz auf das Ansehen, das sie sich dadurch verschafft haben.

Wie im Dokumentarfilm oft üblich, wird auch in Oppenheimers Film der Akt des Filmens im Film deutlich. Etwa durch eine wackelige Kamera oder die Kommunikation mit dem Regisseur. Mehrmals wird Joshua Oppenheimer von den Darstellern direkt angesprochen und führt Dialoge mit ihnen. Also auch hierdurch wird das Medium Film in seiner Existenz und in seiner Produktionsweise bewusst gemacht.

Sich konkret mit dieser Verschachtelung des Mediums Film innerhalb dieses Films zu beschäftigen, scheint angesichts des konkreten Thema von The Act of Killing zunächst vielleicht etwas banal und unbedeutend. Allerdings ist die Reflexion des Films im Film im Film wichtig: Anwar versucht seine Gräueltaten damit zu rechtfertigen, dass Filme auch sadistische Gewalt zeigen und anscheinend eine Lust am Betrachten von Gewalt vorhanden ist. Dem ist erstmal nichts entgegen zu bringen. Schließlich ist die Lust am Betrachten von Gewalt ein wichtiges und verbreitetes Untersuchungsfeld der Filmwissenschaft. Jedoch haben die Täter damals tatsächlich Menschen gefoltert und getötet. Diese Differenz nicht auszumachen ist prägnant für das Verhalten der Mörder, denn sie scheinen ihre Taten generell nicht zu reflektieren oder in einen übergeordneten Bedeutungsrahmen zu stellen. Sie sprechen scherzend oder nüchtern über die Vorfälle von damals, eine konfrontatrive Bearbeitung der Vergangenheit, durch die sie sich als Schuldige erkennen könnten,  scheint also keineswegs statt gefunden zu haben. So ist es doch ein auffälliger Aspekt, dass der Film so selbstreflexiv vorgeht, wo es seine Protagonisten so gar nicht tun.

 

The Act of Killing, DEN/NOR/UK 2012, 159‘
Regie: Joshua Oppenheimer
Produzent: Werner Herzog
Kamera: Carlos Arango de Montis
Schnitt: Niels Pagh Andersen
Kinostart: 14.11.2013
Verleih: Wolf

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