Blickwinkel: Tabu

Diese Woche zeigten wir in der vierten Staffel der Cinemathek Tabu, den aktuellen Spielfilm des portugiesischen Regisseurs Miguel Gomes. Ein Film, der aus der heutigen Zeit durch die Augen eines alten Mannes namens Gian Luca Ventura von seiner heimlichen Affäre zu der gerade verstorbenen Aurora erzählt. Diese Erzählung ist verschachtelt in zwei Teile, der zweite beginnt mit der Erzählung des alten Mannes.

Hierbei treten wir nicht nur eine Reise in die Vergangenheit der Protagonisten des Films an, sondern auch in die der Filmgeschichte, die Tabu stilistisch und inhaltlich reflektiert. Das Thema Zeit ist also ein zentrales Element in Tabu, weshalb auch die folgenden Blickwinkel um dieses Thema kreisen. Die Erzählweise des Films, seine Zeitlosigkeit und die Darstellung von Erinnerung sind die konkreten Themen der drei Blickwinkel.

Der Traum eines anderen
von Henrik Götte

Ein Café voller Blumen, Palmen und exotischer Vögel – im Hintergrund Geräusche wie im Wald. Sie hatte eine Farm, sagt der alte Bekannte der Verstorbenen völlig überraschend und von nun an beginnt die Erinnerung. Irgendwo in Afrika, am Fuße eines Berges zu irgendeiner Zeit. Bilder aus einem Leben, bruchstückhafte Erinnerungen einer lange vergangenen Jugend, die ohne großen Sprung hervorgehen aus einer Trauerfeier der Gegenwart. Von nun an erzählt nur noch der alte Bekannte und ein paar wenige Liebesbriefe was sich vielleicht irgendwann mal irgendwo zugetragen hat.

Während die Bilder harmonisch in die Vergangenheit gleiten, schafft die Erzählform eine scharfe Abgrenzung, die sich jedoch zunächst kaum bemerkbar entfaltet. Kein Dialog ist in der Erinnerung mehr vorhanden, keine Auseinandersetzung bringt die Narration vorwärts. Fast unbemerkt schleicht es sich ein: Die Bilder gehorchen nun einer anderen Logik als im ersten Teil von Tabu, sie illustrieren nur noch was die Ohren schon wissen. Statt mit beiden Sinnen zu entdecken ist man gezwungen sich an die Erinnerungen eines alten Mannes zu halten ohne die die visuellen Erinnerungsfetzen unverständlich sind. Es ist als ob man den Traum eines anderen träumt.

Denn die Erinnerung und die Gefühle bekommen durch die Erzählung erst ihren Sinn und gleichzeitig schafft diese Form der Erzählung eine Distanz. Dies wird insbesondere deutlich, wenn die Off-Stimme verstummt und eine Konversation der Protagonisten zu sehen ist, aus den Mündern jedoch keine Laute kommen, sondern nur die leisen Umgebungsgeräusche zu hören sind. Erinnert sich der Erzähler nicht an die Worte? Kann er sich überhaupt an etwas erinnern? War er dabei? Nicht immer. Und so wird erneut deutlich, dass es sich um Erinnerungen eines alten Mannes handelt, die wiederum teilweise auch nur seine eigenen Erklärungen für Vorgänge sind, welche er selbst nur aus Erzählungen kennen kann. Es ist die Liebesgeschichte aus Sicht eines Beteiligten. Lange her und am Fuße eines Berges. Und so bleibt von der Musik und ein paar Briefen abgesehen nichts mehr, außer der Erinnerung, unsicher und bruchstückhaft und dabei doch so plastisch und eindeutig wie ein Traum.

Zeit- und schwerelos
von Laura Culik

Obwohl der erste Teil von Miguel Gomes’ Film im Winter 2010/2011 spielt, könnte es auch 30, 50, 10 Jahre früher sein – bildliche Verweise auf die aktuelle Zeit gibt es keine, keine Musik, keine Handys oder Fernseher, die zeitlich eingeordnet werden könnten, keine Modeerscheinungen in irgendeiner Form. Dadurch wirkt der Film beinahe schon unheimlich zeitlos und schwebt in einer Schwerelosigkeit, die erst dadurch gebrochen wird, dass an Neujahr jemand ein „Frohes Jahr 2011“ wünscht. Die Seifenblase platzt, und kurze Zeit später befinden wir uns nicht mehr im gegenwärtigen Portugal, sondern in Afrika am Fuß des Berges Tabu zwischen Teefeldern irgendwann in den 50er oder 60er Jahren, wo der zweite Teil des Films spielt. Wir wissen aus der Erzählung, dass es eine Distanz von ungefähr 50 Jahren zum ersten Teil des Films geben muss, und wieder einmal merkt man es kaum. Die Schwerelosigkeit ist zurück. Natürlich wird diese Zeitlosigkeit vor allem durch das schwarz-weißen Filmbild bedingt. Und dadurch geht der bemüht pastellfarbige Retrokitsch, der den 50er und 60er Jahren sonst in Filmen meist anhaftet, glücklicherweise verloren, so dass sich der Zuschauer unvoreingenommen und unbeeinflusst auf das Wesentliche konzentrieren kann: die Weite der Landschaft, der Wind in den Teefeldern und Bäumen, die Blicke und Körpersprache der Charaktere.

Über Erinnerung
von Kristina Scholz

Als der alte Gian Luca Ventura beginnt seine Erinnerung über die gemeinsame Zeit mit seiner Geliebten Aurora den zwei Protagonistinnen des ersten Teils von Tabu zu erzählen, taucht man sanft und beinahe unbemerkt in seine Erinnerungswelt ein. Dieses Eintauchen lässt sich beinahe beschreiben wie der Moment des Einschlafens oder das Eintauchen in einen Traum, was ebenso unbemerkt geschieht. Dass der zweite Teil, betitelt als „Das Paradies” ausschließlich die subjektive Sicht Gian Lucas widerspiegelt, vergisst man nahezu. Dabei ist die Perspektive der Bilder einseitig, sie zeigen hauptsächlich die Geschichte des heimlichen Liebespaars Aurora und Gian Luca. Seine Erinnerungen erscheinen in Form von Bildern, zum Teil bruchstückhaft, deren Charaktere selbst stumm sind. Venturas Stimme aus dem Off ist die einzige Informationsquelle auf verbaler Ebene. Dadurch befindet man sich als Zuschauer in einer Schwebe, da sich die stummen Bilder und die mit der Zeit kaum noch bewusst gehörte Stimme Venturas mit eigenen Erfahrungen und Affekten verknüpfen. Die Dominanz der Bilder spiegelt die Eigenheit des Gedächtnisses wider, Erinnerungen in den meisten Fällen in Form von visuellen Eindrücken zu speichern, ähnlich verhält es sich mit dem Traumerleben. Hier zeigt sich also eine Analogie von Traum- und Erinnerungsbildern, die wiederum eine Verwandtschaft zur Gestalt und Erscheinungsform des Film aufweisen. Besonders der bruchstückhafte Charakter, die Ausblendungen vermutlich verdrängter Erlebnisse, verdeutlichen die Ähnlichkeit der Erinnerungen des alten Mannes zu traumähnlichen Erfahrungen, die die Ausdrucksmöglichkeiten des Films als besonders geeignet erscheinen lassen, solche Erlebnisformen zu vermitteln. Insbesondere in Tabu wird eine Ähnlichkeit der Erscheinunsform des Films mit der Wahrnhemung „innerer Bilder“ spürbar. Die Bilder, die durch ihre Stummheit so unerreichbar scheinen, verdeutlichen die teils verschwommenen Erinnerungen, die man meint noch greifen zu können und im nächsten Moment doch in den Händen zerrinnen.

Tabu, Frankreich/Portugal/Brasilien/Deutschland 2012, 110′
Regie: Miguel Gomes
Drehbuch: Miguel Gomes, Mariana Ricardo
Kamera: Rui Poças
Darsteller: Teresa Madruga, Laura Soveral, Carlota Cotta, Isabel Cardoso
Verleih: RealFiction
Kinostart: 20.12.2012

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