Blickwinkel: Somewhere

Die Schönheit der Langeweile – Somewhere
Von Jennifer Ament

Irgendwo in den USA. Karge, weite Landschaft mit Wüstencharakter. Ein schwarzer Ferrari fährt mehrmals im Kreis dieselbe Strecke. Nach einigen Runden hält der Wagen an. Ein Mann steigt aus. Somewhere beginnt.
Schon diese erste Szene kündigt an, was sich über die gesamten 97 Minuten hinweg fortsetzen wird. Der Film nimmt sich Zeit, alles dauert sehr lange. Im Grunde passiert nichts. Und das meine ich nicht negativ – im Gegenteil. Sofia Coppola erzählt in ihrem neusten Werk die Geschichte des mehr oder weniger populären Hollywood-Schauspielers Johnny Marco und portraitiert dadurch ein Leben, das von außen als wahnsinnig spannend und aufregend dargestellt wird, im Grunde aber extrem eintönig und unspektakulär verläuft. Genau deshalb sind die Längen des Films so essenziell. Die Langeweile und Bedeutungslosigkeit des Geschehens auf der Leinwand wird auf den Zuschauer übertragen. Und obwohl alles in die Länge gezogen wird, entstand bei mir an keiner Stelle wirkliche Langeweile. Es war vielmehr beruhigend, fast schon meditativ, diesen wunderschönen Bildern zu folgen, die sich viel Zeit nehmen, anstatt schnelle und hektisch aneinander geschnittene Action vorzutäuschen.
Die Thematisierung des Blicks, des Zuschauens im Film spiegelt quasi die Situation des Zuschauers im Kino direkt wider. An mehreren Stellen sehen wir Johnny dabei zu, wie er anderen Personen zusieht. Und das nicht nur für einen Moment, sondern über mehrere Minuten. Dabei wechselt die Einstellung immer zwischen dem, was er sieht und zwischen ihm als Beobachter selbst. Wenn er also auf seinem Hotel-Bett liegt und den zwei übertrieben gebräunten blonden Stripperinnen bei ihrer unbeholfenen und wenig anziehenden Performance an der Stange zusieht wird der Prozess des Beobachtens genauso ausgiebig thematisiert wie die Eiskunstlauf-Kür der Tochter, die er sich bei deren Training ansieht. Alles wird ausgekostet, jede Bewegung, jeder Blick, ohne dass die Szenen irgendwann abbrechen (auch wenn man sich das bei den Stripperinnen vielleicht irgendwann wünscht). Das Resultat ist eine Intensität, die nicht entstehen könnte, würde sich der Film für solche Momente nicht so viel Zeit lassen.

Die eigentliche Handlung dreht sich um die Beziehung des Protagonisten zu seiner 11jährigen Tochter Cleo, die aus einer der früheren gescheiterten Beziehungen stammt. Auffällig ist, dass Coppola an einer Stelle ansetzt, an der das, was man als aufregend oder mitreißend bezeichnen würde, schon geschehen ist. Die Karriere wurde bereits aufgebaut, die Beziehung ist schon lange vorbei, die Beziehung zur Tochter ist dadurch auch schon seit langer Zeit nicht mehr so intensiv wie sie vielleicht sein sollte und das Schauspielerleben scheint seinen Reiz nicht erst seit kurzem verloren zu haben. Bei der Besetzung setzt die Regisseurin auf einen Schauspieler, der zunächst so gar nicht ins Coppola-Universum zu passen scheint. Immerhin ist Stephen Dorff vorher eher durch nichtssagende Rollen in Mainstream-Produktionen aufgefallen – oder besser gesagt nicht aufgefallen. Man könnte sagen, dass er in Somewhere endlich wirklich schauspielern muss und das macht er ziemlich gut. Den lustlosen, abgewrackten Schauspieler mit leichtem Bierbauch-Ansatz, der die Lippen verkrampft zusammenpresst und irgendwie hilflos und verloren wirkt, mimt er jedenfalls mehr als überzeugend. Elle Fanning, die die Tochter durch ihre Darstellung zur heimlichen Hauptfigur macht, durfte zu Beginn ihrer bisherigen Karriere nur die jüngere Version der Figuren ihrer Schwester Dakota spielen. Hier ist sie eigenständig und diese Eigenständigkeit überträgt sie auf Cleo, die sich in manchen Situationen eher wie die Mutter verhalten muss. In einer Nebenrolle ist übrigens auch Chris Pontius zu sehen (bekannt aus Jackass). Und man könnte fast meinen, dass Coppola die Rolle von Johnnys Kumpel genau für ihn geschrieben hat. Jedenfalls kann ich mir keinen anderen Schauspieler vorstellen, auf den das bloße Rumhängen im Appartment eines Freundes so perfekt passt.

Somewhere ist ein visuell funktionierender Film. Zum einen aufgrund der wenigen Dialoge, zum anderen, weil die ganz spezielle Atmosphäre über diese eingängigen Bilder erzeugt wird. Wie wenig Relevanz dem Gesprochenen im Gegensatz zu den Bildern zukommt, zeigt eine Szene gegen Ende des Films. Johnny entschuldigt sich bei seiner Tochter, dass er nie da war, was eigentlich eine mehr als bedeutsame Aussage ist. Aber weil sie schon im Taxi sitzt, das sie ins Ferienlager bringen soll, und weil er direkt neben einem Helikopter steht, übertönen dessen Propeller das Gesagte fast. Es wird klar, dass die Worte, wenn überhaupt, nur undeutlich bei der Tochter ankommen. Die Relevanz wird einmal mehr auf die Bilder gelegt, die uns vorher zeigten, dass sich die Beziehung zwischen Vater und Tochter geändert hat und dass sie ein Stück dessen aufgeholt haben, was sie früher nie hatten. Es noch einmal explizit in Worte zu fassen wird unwichtig.
Am Ende kehren wir gewissermaßen zum Ausgangspunkt zurück. Johnny setzt sich in seinen Ferrari und fährt los, erst durch die Stadt und dann auf einen dieser verlassenen Highways. Er stellt das Auto am Straßenrand ab und steigt aus. Vielleicht ist das ein bisschen zu Marlboro-Werbung-mäßig und dadurch irgendwie kitschig inszeniert, aber vielleicht ist das auch der beste Weg, um die Veränderung des Protagonisten zu zeigen. In Bildern, die auch ohne jegliche Worte funktionieren. Und genau so schafft Sofia Coppola das, was Filme eigentlich schon immer versucht haben: das Leben auf die Leinwand zu bringen. In vielen Fällen geht das schief, weil sie übertreiben, weil immer etwas passieren muss und weil das Leben einfach nicht so ist – genau wie Somewhere. Da zeigt nicht jede Szene etwas Aufregendes, die meisten Szenen zeigen eher gar nichts. Das, was in manch anderen Filmen oft abgebrochen wird, kostet dieser voll aus und die oft als negativ bezeichneten Längen werden zur eigentlichen Kunst.

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Somewhere
Von Laura Sophia Culik

An dieser Stelle vergleichen jetzt einige Kritiker (zum Beispiel bei critic.de) Sofia Coppolas neuste Schöpfung mit ihren bisherigen Filmen, der Mangel an Kreativität hierbei macht mich fast traurig. Hauptsächlich mit Lost in Translation, denn der ist ja quasi genau wie Somewhere, weil es da auch um einen Schauspieler geht, der mit sich selbst nichts mehr anfangen kann. Wenn ich was über Lost in Translation wissen wollen würde, dann würde ich den googeln und nicht Somewhere. Und abgesehen davon: was bringen einem Vergleiche schon?

Die alten Erkenntnisse werden auf etwas neues angewandt – copy, paste, fertig – und je nachdem wie dem Autor das ältere Werk gefallen hat, ist das neue dann eine gelungene Fortsetzung oder kann an den Erfolg nicht anknüpfen. Ja, man kann neue Filme einer bekannten Regisseurin auch als etwas Eigenständiges betrachten.

Aber kommen wir zum Punkt: Somewhere ist wie ein Bilderbuch für Erwachsene, wie diese wunderschönen teuren Photobildbände, die man sehnsüchtig im Buchladen durchblättert, seufzt und zurücklegt, erweitert um einen grandiosen Soundtrack (Phoenix). Der Film ist auf durchaus positive Weise ziemlich handlungsarm, aber man vermisst nichts, weil die Bilder und die Musik so schön harmonieren, dass mehr Handlung nur stören würde.

Stephen Dorff (bekannt aus allerlei schlechten Filmen und einem Britney-Spears-Video, Anytime) ist Johnny Marco, Schauspieler in einer Sinnkrise, wohnhaft im Hotel Chateau Marmont in LA, auf der Suche nach sich selbst, dem wahren Leben und hoffentlich besseren Stripperinnen, denn die braungetoasteten Zwillinge, die er anheuert, sind grauenvoll. Seine 11 Jahre alte, patente und für die Tochter eines Filmstars absolut unprätentiöse Tochter Cloe (Elle Fanning) bringt einiges an Bodenhaftigkeit in sein Leben, mit ihr spielt er Tennis oder Rockband auf der Wii. Das war’s eigentlich, wie gesagt: es passiert nicht so viel. Aber gerade deswegen ist Somewhere ja so toll: im wahren Leben passiert ja auch nicht so viel und entgegen allgemeiner Behauptungen ist im Leben eines Filmstars halt auch nicht immer Glamour und Action.Deswegen muss man sich die Zeit mit bereits erwähnten furchtbaren Stripperinnen rumschlagen, die beeindruckend unsexy und mühsam an ihrer Stange hampeln, oder bedeutungslosem Sex, bei dem man einschläft. Gottseidank gibt es Töchter, die einem Frühstück machen, tadelnd schauen, wenn jemand unbekanntes, weibliches die Nacht mit einem verbracht hat, fragen, ob man seinen Pass eingesteckt hat, sich nachts Eis aufs Hotelzimmer bestellen wollen und alle möglichen, bodenständigen Dinge tun, die einem das Gefühl geben, jemand wichtiges in seinem Leben zu haben.

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Somewhere
Von Anja Neumann

SOMEBODY…SOMEHOW…

Ein schwarzer Ferrari…eine ansonsten verlassene Gegend…nur die immer und immerwieder vorbeirauschenden Motorengeräusche…

Sofia Coppolas Film fängt monoton an, ist im Allgemeinen nicht unbedingt reich an Dialogen, die wirklich etwas aussagen, aber man hat trotzdem nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Die Musik trägt da einen nicht unwesentlichen Teil zu bei, denn wo nicht geredet wird, muss irgendwie anders Ton unter das Bild gelegt werden, was hier sehr gut gelingt.

Eigentlich müsste der gefeierte Schauspieler Johnny Marco (Stephen Dorff) ein unbesorgtes und prunkvolles Leben führen. Stattdessen tritt er meist in alltäglicher -fast schon unordentlicher- Kleidung auf, ist selten wirklich gut gelaunt, so dass man fast kontinuierlich das Gefühl hat, er ist super unzufrieden mit seinem Leben. Er ist geschieden, raucht, trinkt viel und auf dem Nachttisch liegen jede Menge Madikamentenpackungen.

Hier und da gönnt er sich etwas, hat einen großen weiblichen “Bekanntenkreis”, reist für Termine mal eben nach Mailand und zurück -was ein Star halt so tut-, aber was ihm fehlt ist dauerhafte Gesellschaft, eine intakte Familie. Als seine elfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) für einige Wochen zu ihm zieht scheint Johnny ein wenig aufzublühen. Es zeigt sich kurzweilig eine neue Lebensfreude in seinem Gesicht, zumindest auf privater Ebene. Die beiden bestellen mitten in der Nacht Eiscreme, schauen gemeinsam Filme oder vollziehen einen Gitarrenwettstreit. Beruflich scheint ihm jedoch einiges fast egal zu sein –„Für mich lebt er in einer Art Nebel“ (Sofia Coppola)- Er hat keine Starallüren, nimmt sich selbst nicht so wichtig, hält sich aus vielem raus. So plätschert sein Leben, aber auch der Film, vor sich hin, ohne jegliche dramatische Wendungen, die ein bisschen Schwung hineinbringen würden. Man schaut einfach zu und nimmt irgendwie trotzem an Johnny´s Leben teil. „Es ist ja auch eine Herausforderung, wie minimalistisch man eine Geschichte erzählen kann. Mich ziehen Momente im Leben mehr an als große dramaturgische Bögen.“ (Sofia Coppola). Letztendlich bringt Johnny Cleo in ein Ferienlager und ist somit wieder alleine.

Der Schluss: wieder der schwarze Ferrari. Diesmal weiß man, wer darin sitz -Johnny-…er fährt auf einer ähnlichen völlig leeren Straße wie am Anfang…steigt aus…lässt den Wagen stehen…läuft ins Nichts.
Man weiß nicht, wie sein Leben von da an weiterläuft. Geht es so weiter wie vorher, sinkt er tiefer in die Krise oder hat er neue Kraft geschöpft und nimmt sein Leben in die Hand, macht was daraus…

Somewhere, USA 2010, 97′
Regie & Drehbuch: Sofia Copolla
Kamera: Harris Savides
Darsteller: Stephen Dorff, Elle Fanning, Chris Pontius, Alden Ehreneich
Verleih: Tobis Film
Kinostart: 11.11.2010

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