Blickwinkel “San Andreas”

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Verspätete Gedanken zum Katastrophenfilm San Andreas von Brad Peyton, der nach der einer bekannten Formel funktioniert: Desaster heilt Familie.

 

Die Katastrophe als Katharsis
Von Philipp Deny

Der mediale Blick auf Naturkatastrophen betrachtet alles aus der Vogelperspektive. Satellitenbilder zeigen vorher- nachher-Bilder der Landschaft, Zahlen und Statistiken, die Ausmaß beziffern, bekommen den Vorzug vor Einzelschicksalen. Die Dimension, und somit der Nachrichtenwert, bemisst sich an Zahlen – der Toten, der Verletzten, der verwüsteten Quadratkilometer.

San Andreas verlässt, im Stile des klassischen Katastrophenfilms nach dem Prinzip Emmerich, diese Makroperspektive. Die eigentliche Katastrophe liegt außerhalb der Diegese, in der Vergangenheit der Protagonisten. Hubschrauberpilot Ray hat bei einem Unfall seine Tochter verloren. Seine zweite Tochter lebt zusammen mit Mutter Emma bei deren neuem Freund, einem Bauunternehmer mit Villa und Privatjet. Es bedarf eines Bebens der Stärke 9.1 um die Familie wieder zusammen zu bringen – die Katastrophe wird zur Katharsis.

So richtig offenbaren sich die Brüche im Personengefüge vorerst allerdings nicht. Ray pflegt einen fast bilderbuchartigen Umgang mit allen Teilen seiner Patchwork-Familie und auch Daniel, der Neue, gibt sich sehr feinfühlig und besorgt um das Wohl seiner Stieftochter Blake. Es wird also Zeit das etwas kaputt geht. Das Beben trennt dann auch folgerichtig was eigentlich nie zusammenpasste und führt zusammen, was zusammen gehört. Als Daniel Blake eingeklemmt im Auto zurücklässt um alleine zu flüchten, ist bereits abzusehen, dass seine Überlebenschancen eher gering sind. Gerettet wird Blake dann noch in letzter Sekunde von Ben und seinem kleinen Bruder Ollie, die sie nur wenige Minuten vorher kennengelernt hat. Im Chaos der einstürzenden Stadt trennt das Beben die Aufrichtigen von den Hinterlistigen. Während in San Francisco natürliche Auslese betrieben wird, entwickelt sich die Suche nach der Tochter, auf der sich Ray zusammen mit seiner Frau befindet, zur Paartherapie. Die nicht-verheilten Wunden vom Tod der ersten Tochter treten erst hervor um dann mit wenigen heilenden Sätzen wieder verschlossen zu werden. Im Moment der Wiedervereinigung schließt sich dann auch bildlich der Kreis der biologischen Familie – Blake und Emma in der einengenden Umarmung von Ray.

San Andreas endet an dem Punkt, an dem die Berichterstattung einsetzen würde. Anstelle von Chaos und Verzweiflung sehen wir allerdings Hoffnung und Optimismus. Das bunte Gewimmel der Fernsehbilder wird gegen Sonnenuntergangs-Gegenlicht-Breitbild-Exesse eingetauscht. Und die nuclear Family um Dwayne den Fels Johnson verbindet sich Ben und Ollie zu einer neuen erweiterten Einheit. God bless America – und das Erdbeben.

Erdbeben sind demokratisch

Von Philipp Fust

Naturkatastrophen-Porno, pervertierter Staunfilm und 9/11-Traumabewältigungs-Artefakt: In San Andreas wird das Kino erneut zum Ort der digitalisierten Triebabfuhr. Gebetskreise mit Anfassen und eine großgestige Wiederaufbau- Schrägstrich Zusammenhalt-Poetik zerschießen einem zwar mit Sicherheit das Gemüt, ein Quentchen Spaß macht die Schoße aber dennoch. Wenn Dwayne Johnson mit seinem befremdlich-knuffigen Schauspiel und stets entschlossen gerunzelter Stirn das Größenverhältnis von sich und dem Cockpit seines Rettungshubschraubers ad absurdum führt, dann sind anhaltend amüsierte Schnaufer das willkommene Nebenprodukt einer überinszenierten Heldenfigur (versehen mit dem Namen Ray Gaines, der sich vorzüglich schreien lässt), die natürlich „nur seinen Job macht, Ma’am“. Ansonsten dominiert der übliche Dreiklang: Ein schrullig-dauernervöser Wissenschaftler, der alle warnt und natürlich erst dann ernstgenommen wird, wenn es beinahe zu spät ist, eine zerrüttete Familie, die sich im Angesichts des Todes wieder zusammenwurschtelt und das wütende Mütterchen Erde als Familientherapeutin mit überaus rauen Methoden.
Andreas_PicWeitaus Interessanter als die retortenhafte Familiengeschichte ist der Umgang mit dem filmischen Raum. Dieser funktioniert als ein Ort der Gleichschaltung. Denn sobald die Erde ihre Spalten öffnet und gleich ganze Hochhäuser verschluckt, verliert die Unterscheidung der Menschen an Bedeutung. Man fühlt sich an Ulrichs Becks Worte „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch“ erinnert. In dieser Punchline der Popsoziologie verdichtet sie die Annahme, dass in der modernen Welt allesamt gleich von Risiken betroffen sind. In San Andreas wird dieses Paradigma zur makaberen Utopie erhoben: Der millionenschwere Bauunternehmer Daniel Riddick – Arschloch des Films, unter anderem weil neuer Freund von Rays Exfrau – wird in der Kadrage nebst einer Schaar common people verhaftet. Wenig später stirbt er wie zigtausend andere: Schmutzig, einsam und wenig elegant. Immerhin kommt der moralkeulige Genugtuungs-Overkill in der phallischen Gestalt eines tsunamireitenden Containerschiffs.

Medien
Von Ben Grippenkoven

Hochhäuser brennen und stürzen zusammen. Menschen fallen oder springen von Dächern, überall Explosionen, Staubwolken, Schreie. San Andreas ruft die Bilder von 9/11 zurück ins Gedächtnis und damit den Finger in eine tiefe Wunde der jungen US-amerikanischen Geschichte. Auch erinnert der Film an das seit 2001 in den USA massenmedial propagierte Gefühl der „togetherness“, das mit San Andreas in die nächste Runde geht. Was mit Beginn der Naturkatastrophe im Film zunehmend an Fahrt aufnimmt, ist ein „Back-to-the-Roots“-Konservativismus der bis zur letzten Sequenz durchgehalten wird.

Bevor im Film die Erde bebt, scheint jeder Charakter ein mobiles Endgerät des kalifornischen Technologie-Platzhirsches Apple zu besitzen. Eine junge Frau in der einleitenden Sequenz ließt während der Autofahrt eine SMS auf ihrem IPhone, der Co-Pilot des Rettungshelikopters ruft Informationen via IPad ab und der Hörsaal in der Universität Caltech ist mit MacBooks geradezu gepflastert. Professor Lawrence und sein Assistent arbeiten ebenfalls mit MacBooks. Diese Endgeräte symbolisieren die Allgegenwart digitaler und mobiler Medien. Jeder besitzt eines, jeder benutzt eines. Mit dem ersten Erdbeben verschwinden diese Geräte jedoch. Das Handynetz ist sofort „tot“, das Internet wird im Film nur indirekt thematisiert.

Das mediale Vakuum wird sofort mit analogen Medien gefüllt. Ab diesem Zeitpunkt gibt es in San Andreas Back-to-the-Roots mit der Brechstange: Blake möchte ihren Vater anrufen, damit er sie retten kommt. Sie sagt aus diesem Grund den Brüdern Ben und Olli, dass sie ein Elektronikgeschäft suchen müssen. Dahin führt sie ein klassischer Reiseführer in Buchform. Im Elektronikgeschäft angekommen sucht Blake schließlich „ein Telefon mit Wählscheibe oder ein Tastentelefon“, mit dem sie es schlussendlich schaffen zu telefonieren. Woher sie das alles weiß? Nicht von Wikipedia oder von einem Blog, nein – sie weiß es von ihrem Vater, der hat es ihr beigebracht! Die auffällige Fähigkeit der (jungen) Protagonisten in Problemfällen kreative Lösungen zu finden ist zudem bemerkenswert. Sie scheinen selbst in einer Extremsituation wie sie im Film dargestellt wird hervorragend ohne das Internet auszukommen.

Was das Internet im Katastrophenfall von San Andreas nicht mehr leisten kann, übernimmt das Fernsehen, das im Film eine dominante Rolle einnimmt. Das Film-Team im Helikopter ist so nah am Unglücksort wie irgend möglich. Unwahrscheinlich oft sind im Bildhintergrund laufende Fernseher zu sehen, die das Erdbeben massenmedial verbildlichen. Der Witz daran: Während das eigentlich katastrophensichere Internet nicht in der Lage ist die Menschen im Unglücksgebiet zu warnen oder zu informieren, erreicht sie die TV-Warnmeldung Professor Lawrences scheinbar sofort.

Die im Film immer wieder thematisierte Nähe und Direktheit des Fernsehens kann nur als Wertung für das Massenmedium Fernsehen und für Berufsjournalismus und die Abwesenheit des Internets als Wertung gegen private, fragmentarische Berichterstattung des Web 2.0 aufgefasst werden. Die Botschaft lautet aus dieser Perspektive ganz eindeutig: Die Berichterstattung im Fernsehen kann alles was die Berichterstattung im Internet kann – nur besser, schneller und sicherer. Es ist immer da, es ist näher dran, ist seriös und zudem katastrophensicher. Es erreicht alle gleich und erzeugt auch dadurch ein Gefühl der „togetherness“.

Die Botschaft des Films ist unter Betrachtung der (Massen-)Medien so simpel wie sein Plot. Digitale – Neue Medien können nicht halten was sie versprechen. Wenn es wirklich um etwas geht, haltet euch an Altbewährtes: Reiseführer, Tastentelefone und das gute alte Fernsehen. America, get back to the roots!

Same same but different
Von Klaus Baalmann

San Andreas ist nur ein weiterer Katastrophenfilm aus immer gleichen Versatzstücken, die man zum Beispiel auch in 2012, Deep Impact, Twister und The Day after Tomorrow findet. Warum gehen Menschen also in solche Filme, wenn sie doch nach 0815-Mustern gestrickt sind und sich höchstens die Art der Katastrophe ändert? Der Grund für ihre Beliebtheit liegt wohl gerade in dieser Einfachheit, da durch bekannte Muster der Einstieg in den Film erleichtert wird. Man kann sich also berieseln lassen ohne komplexe Strukturen durchblicken zu müssen. Obwohl die Story gerade dadurch auch vorhersehbar wird spricht der Erfolg des Genres für sich. Die Actionszenen und beeindruckenden Bilder scheinen dabei im Zusammenhang mit einer simplen Struktur für Zulauf zu sorgen.

Kommen wir nun zur grundlegenden Struktur von welcher hier die Rede ist: Der meist männliche Hauptdarsteller stellt sich immer den Naturkatastrophen und -gewalten entgegen und versucht dabei entweder seine Familie, die infolge der Katastrophe getrennt wurde, wieder zusammenzubringen und / oder nähert sich der Ex-Partnerin wieder an. Ein weiterer häufiger Bestandteil sind zudem warnende Forscher, auf die oft nicht gehört wird bis es zu spät ist. Dies ist dann meist gleichbedeutend mit der bildgewaltigen Zerstörung von Metropolen. Eine Rettung gibt es natürlich immer nur für wenige Menschen, was wiederum genügend Platz für herzzerreißende Verluste und heroische Aufopferung lässt. Aber keine Angst: Sympathische Personen oder Hauptdarsteller überleben eigentlich so gut wie immer und werden dabei oft in letzter Sekunde gerettet. Und nicht nur das: Meist sterben sogar die ärgsten Konkurrenten unserer geliebten Protagonisten… wie überraschend!

Den Abschluss bildet die Hoffnung, dass es nach der Katastrophe wieder bergauf geht. Da die Filme oft aus den USA kommen sind sie zudem grundlegend mit dem amerikanischen Aufbaugedanken
und Überlegenheitsanspruch verbunden. Die Geschichte von San Andreas stimmt mit diesen Punkten nahezu perfekt überein: Ray ist von Emma geschieden. Während des Filmes, der eigentlich nur vom Ziel die gemeinsame Tochter zu retten handelt, nähern sich die Beiden wieder an und werden erneut ein Paar. Der feige dargestellte, neue Partner Emmas, Daniel, stirbt natürlich. Schließlich ist er doch der Konkurrent des heldenhaften Ray. Die Forscher fehlen ebenfalls nicht, können aber nur zu spät vor der kommenden Katastrophe warnen. Diese trifft im Film dann gleich mehrere Metropolen. San Francisco und L.A. werden bildgewaltig zerstört. Die wiedervereinten Ex-Ehepartner schaffen es dabei nicht nur selber dem Tod mehrfach knapp zu entkommen, sondern retten auch ihre Tochter, ihren Freund sowie dessen kleinen Bruder mehr oder weniger in letzter Sekunde. Dem entrinnen unserer liebgewonnenen Charaktere folgt zum Schluss die mit der amerikanischen Flagge gekrönte Absicht nach der Katastrophe nun alles wieder aufzubauen.

Niemals aufgeben
Von Lewis Edwien Möller

Ein völlig überflutetes Treppenhaus, mindestens eine Etage tauchen ist notwendig, um der Tsunami-Flut zu entkommen. Eine Gruppe flüchtender Jugendlicher versucht es, obwohl es wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt ist… und sie haben Erfolg. Wenn San Andreas eine Message hat, lautet sie: „Niemals aufgeben, immer alles versuchen“.

Alleine der Haupthandlungsstrang, in dessen Verlauf Rettungshubschrauberpilot Ray (Dwayne Johnson) und seine bald Ex-Frau Emma (Carla Gugino)versuchen, im völlig verwüsteten San Francisco ihre Tochter Blake zu finden, erscheint schon aussichtslos, weil das Kommunikationsnetz zusammengebrochen ist. Hinzu kommen noch Hindernisse wie der Ausfall des Helikopters, ein Überfall, eine riesige, unüberwindbare Erdspalte und schließlich ein Tsunami, der San Francisco komplett überflutet. Trotzdem geben die beiden Eheleute nicht auf und lassen nichts unversucht. Der gemeinsame Wunsch ihre Tochter zu retten, treibt das getrennte Paar an und lässt sie wieder eng zusammenarbeiten und bringt sie dazu sich über ehemalige Probleme auszusprechen.

Auch bei Blake und ihren beiden Gefährten läuft es nicht viel besser. Der mit ihrem Vater ausgemachte Treffpunkt liegt in Trümmern, hereinbrechende Wassermassen halten sie auf. Doch auch diese Gruppe macht weiter und hofft auf Rettung. Blake die von ihrem Vater viele Überlebenskniffe beigebracht bekommen hat, treibt die Gruppe weiter an und zweifelt nicht daran, dass ihr Vater sie finden und retten wird. Auch hier scheinen die Familienbande Blake die nötige Kraft und Hoffnung zum Weitermachen zu geben.

Immer wieder werden die jeweiligen Gruppen belohnt, wenn sie trotz eines Rückschlages weitermachen. So finden (klauen) die Noch-Eheleute kurz nach Absturz des Helikopters beispielsweise ein funktionstüchtiges Auto und bekommen ein Flugzeug geschenkt, nachdem sie auf die Erdspalte treffen. Auch Blake und ihre Gruppe werden nach Rückschlägen belohnt und finden unter anderem ein Telefon, mit dem sie sich kurz in Verbindung mit Ray setzten können. Auffallend ist, dass vor allem die Zusammenarbeit der Gruppen belohnt wird. So sprechen sich Ray und Emma an verschiedenen Stellen über ihre Vergangenheit aus und die Gruppe beschließt der Anführerin Blake auch bei scheinbar aussichtslosen Ideen zu vertrauen. Emmas neuer Freund Daniel Riddick hingegen beschließt alleine zu fliehen, anstatt Blake zu helfen und wird stirbt schließlich durch die Auswirkungen des Tsunamis.

Auch wenn diese Situationen in der realen Welt wahrscheinlich anders Enden würden ist es doch in Zeiten von Flüchtlingskrise, Ressourcenmangel und drohendem Grexit eine schöne und willkommene Botschaft, dass man weiterkämpfen soll und es am Schluss eine Rettung gibt.

“San Andreas”, USA 2015, 114′
Regie: Brad Peyton
Drehbuch: Carlton Cuse
Kamera: Steve Yedlin
Darsteller: Dwayne Johnson, Carla Gugino, Alexandra Daddario, Ioan Gruffudd
Verleih: Warner Bros. GmbH
Kinostart: 28.05.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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