Blickwinkel “Parchim International”

201623_309516_1_VorschauMit Parchim International versuchen sich die deutschen Regisseure Stefan Eberlein und Manuel Fenn an der solidarischen Porträtierung des chinesischen Investors Jonathan Pang, der im beschaulichen Parchim seine Visionen eines internationalen (Luxus)Flughafens verwirklichen will; ein Versuch, der nicht gelingt, aber auch nicht gänzlich scheitert. Mehr verrät der Blickwinkel.

Der Kontrast als Struktur
Von Philipp Baumgartner

Ein Vergleich der Städte Peking und Parchim gestaltet sich bereits durch eine oberflächliche Betrachtung von Geographie, Kultur und Wirtschaft als enorm schwierig, da sie sich an den äußeren Enden eines Gegensatzpaares ansiedeln lassen. Auf der einen Seite steht die pulsierende Hauptstadt Chinas, die gleichermaßen wirtschaftlich und kulturell als eines der Zentren des Landes gilt und auf der anderen Seite eine verschlafene deutsche Kleinstadt, die zwischen Hamburg und Berlin in der Peripherie Mecklenburg-Vorpommerns liegt.

In dem Dokumentarfilm Parchim International begleiten wir den unternehmerischen Visionär Jonathan Pang aus China, der den brach liegenden Flughafen Parchim gekauft hat, um diesen in ein Logistikzentrum umzuwandeln und dadurch China wirtschaftlich besser an Europa anzubinden. Ein Vorhaben, das sowohl aufgrund des Zustandes des Flughafens vor Problemen steht, als auch durch interkulturelle Verständigung erschwert wird. Die Regisseure Stefan Eberlein und Manuel Fenn werden nicht müde, diese Gegensätze herauszuarbeiten, indem sie innerhalb der Montage Einstellungen aus China und Parchim wechselseitig ablösen, um so dem Film eine kontrastreiche Struktur zu verleihen.

In einer Einstellung sieht der Zuschauer den Unternehmer Jonathan Pang auf einer Zugreise in Peking. Die durch ein Fenster hindurch gefilmte Kulisse, in die der Unternehmer verträumt blickt, ist geprägt von eindrucksvollen Wolkenkratzern, die aus der endlos wirkenden Stadt herausragen und so den wirtschaftlichen Fortschritt der Stadt demonstrieren. Abgelöst wird diese Szene mit einer Einstellung aus der Innenstadt Parchims, in der die Schilder einer Imbissbude auf deren Highlights hinweisen, die im Kontrast zur Inszenierung Pekings keinerlei Superlative beherbergen. Ebenso ist die Darstellung geschäftlicher Treffen in den beiden Ländern von starken Unterschieden geprägt. In Deutschland ist es ein enger Raum, in dem der Funktionär und sein Berater, russische Investoren sowie politische Landesvertretungen zusammenkommen, um über das Flughafenprojekt zu beraten. Demgegenüber stehen durchorganisierte Meetings in Peking, die sich durch eine hierarchisch strukturierte Gesprächskultur auszeichnen und in denen sogar die Schreibtischstühle eher riesigen Sesseln gleichen. Pangs Position als Redeführer, die er in China innehat, muss in der Darstellung des Berliner Meetings einer untergeordneten Rolle weichen. Aus Ordnung und Struktur wird hier Chaos und Durcheinander auf kleiner Fläche.

Neben diesen städtischen Gegensätzen, die durch die Montage erzwungen werden und in denen Überschneidungspunkte außer Acht gelassen werden, setzt Parchim International ebenso auf innerbildliche Kontraste. Eingeleitet durch eine Nahaufnahme der Warnleuchte, die quietschend auf dem Dach eines Containers des Parchimer Flughafen rotiert, der als Flughafentower fungiert, erklärt der innensitzende Mitarbeiter mit Blick auf den unfertigen fortschrittlichen Neubau seine missliche Lage. Veraltete Technik, sowie extreme Temperaturen im Sommer und Winter, sind seine Probleme mit denen er täglich zu kämpfen. Innerbildlich wird hier wirtschaftlicher Wachstum lediglich im Hintergrund angedeutet, der zum Greifen nah scheint, aber dennoch als Wunschvorstellung verbleibt. Allgemein liegt Fortschritt in Parchim in weiter Ferne, was visuell in einer anderen Einstellung besonders deutlich wird. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes bewegt sich eine ältere Frau aus dem rechten zum linken Bildrand und wird dabei durch die dröhnenden Geräusche eines am Horizont startenden Flugzeugs überschattet. Eine Seltenheit in Parchim, von der die Dame keinerlei Notiz nimmt.

Zusammengehalten werden diese montierten und innerbildlichen Gegensätze durch die Freizeitaktivität Pangs, die er in beiden Ländern aufrechterhält und die als wiederkehrendes Motiv von den Filmemachern hervorgehoben wird. Als leidenschaftlicher Jogger bewegt er sich gleichermaßen auf den dichtbefahrenen Straßen Pekings, auf denen er Autos und Passanten ausweichen muss, sowie auf den ländlichen Gebieten rundum Parchim auf denen die städtische Dichte durch ländliche Weite abgelöst wird. Dieses Motiv symbolisiert zweierlei und schreibt sich so als weiteres strukturelles Moment in den Film ein. Auf der einen Seite zeichnet sich darin die Geradlinigkeit des Funktionärs ab, die als Antriebsmotor für das Flughafenprojekt zu deuten ist. Auf der anderen Seite hingegen manifestiert sich darin ebenso die Verbissenheit Pangs, die dazu führt, dass er Kontraste zwischen den Ländern nicht wahrzunehmen scheint. Pangs homogenes Verhalten hinsichtlich freizeitlicher Aktivitäten verbildlicht seine berufliche Vorgehensweise, die darin besteht, dass er wirtschaftliche Ansprüche, die in China zu funktionieren scheinen auf Parchim überträgt. Der Wunsch nach Umsetzung eines gigantischen Einkaufszentrum nach chinesischem Vorbild, sowie die Umwandlung eines kleinen Fischereibetriebs in ein ertragreichen Industrieunternehmen, sind dafür nur vereinzelte Beispiele. Gesamtfilmisch forcieren die Filmemacher auf diese Weise die Darstellung von Kontrasten, um sie durch wiederkehrende Motive zu verbinden. Der Charakter des Visionärs wird dadurch dezidiert herausgearbeitet, um diesen als einen Grund für das Scheitern des Flughafenprojektes anzuführen.

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Bis ans Lebensende
Von Tabea Kempf

Ein Mann in Anzug und Krawatte steht alleine mitten auf dem endlos wirkenden Rollfeld des Parchim International Flughafen. Jonathan Pang ist ein chinesischer Investor und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht genau an diesem verlassenen Ort ein Imperium aufzubauen. Schon bald sollen hier Fracht und Passiermaschinen verkehren – aus Parchim International Airport soll Parchim Airport City werden und im Handumdrehen den Berliner Flughafen ersetzten.

Jonathan Pang hält an seinem Traum, diesen leblosen Provinzflughafen eines Tages in ein zollfreies Einkaufsparadies zu verwandeln, fest – selbst als nach sieben Jahren geduldigen Wartens, auch das Flughafenteam jegliche Hoffnung verloren hat. Gähnende Leere, ab und zu kommt ein Fahrschulauto und Inline Skater am Flughafen vorbei, um ungestört üben zu können. Die Flughafenfeuerwehr scheint sich daran gewöhnt zu haben, andere Aufgaben zu übernehmen, wie das Rasenmähen des viel zu groß wirkenden Geländes. Zu retten gibt es hier vorerst nichts und sollte es unverhofft doch noch zu einem Einsatz kommen, könnte es sein, dass die Feuerwehrmänner noch immer damit beschäftig wären mit einem klapprigen Wagen das mehrere tausend Quadratmeter große Gelände abzufahren. Mitten auf dem Gelände steht ein viel zu kleiner, provisorisch errichteter Tower. Auf dem Tower ist ein ins Alter gekommenes, verrostetes und unaufhörlich quietschendes Licht angebracht. Der einsame Fluglotse blickt nach oben und lächelt, immerhin würde es nicht quietschen, wenn es regnet. Die Kamera wartet ab, der Blick bleibt weiterhin auf seinem Gesicht – er scheint wohl selbst nicht ganz überzeugt von seiner Aussage.

Der Dokumentarfilm von Stefan Eberlein und Manuel Fenn bewegt sich innerhalb eines äußert schmalen Grades zwischen Komik und Tragik, zwischen Enthusiasmus und Enttäuschung. Die Bilder verschmelzen miteinander, zwei Welten und Systeme, die unterschiedlicher nicht sein könnten, werden zu einem Gebilde der Hoffnungslosigkeit und Fragwürdigkeit. Selbst der Zusammenbruch von Jonathan Pang in seiner Heimatprovinz in China wirkt skurril. Die Kamera zeigt ihn klein, zerbrechlich, sich im Schoß seiner eigenen Mutter wiegend. Die Mutter ist eine arme, alte Frau, die ihren reichen, kräftigen Sohn trösten muss. Wer ist dieser Mann, der ein Imperium errichten möchte in einer ihm völlig fremden Welt und sich dafür bis an sein Lebensende Zeit einräumt?

Jonathan Pangs utopische Ideen wachsen exponentiell heran und nehmen immer mehr überhand. 3.000 Passagiere täglich erwartet er am Flughafen, groß soll das ganze werden, ganze 12.000 Quadratmeter soll das luxuriöse Einkaufszentrum werden. Gucci und Prada tragende Chinesen, Araber und Russen mitten in der kleinen Kreisstadt. Und als sei das noch nicht genug, würde er am liebsten, von einem kleinen nordischen Fischer, tonnenweise Flusskrebse nach China importieren.

Die Bilder und Aussagen des Jonathan Pang, der im Kapitalismus gefangen, nicht anders kann, als größenwahnsinnig zu Handeln, werfen von Anfang an die Frage auf, wer in diesem Geschehen noch nicht verstanden hat, dass dieses Projekt einer Utopie gleicht. Am liebsten würde man eingreifen und die verzweifelten Parchimer aus diesem skurrilen Kabinett retten. Doch wird man mittels der von der Kamera erzeugten Bilder dirigiert, ohne dabei Freiräume zu erhalten. Stattdessen werden die komischen und absurden Momente mit einer unermüdlichen Beharrlichkeit einfangen. So, als wäre auch die Kamera in der Erwartung einen Wendepunkt zu erleben, der aber nicht kommen wird.

Schlussendlich weiß man nicht so recht, ob man lachen oder weinen und diesen zugespitzten Bildern überhaupt trauen soll.

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Größenwahn
Von Björn Schmitz

Die neue Drehscheibe Europas entsteht in Parchim, Schleswig-Holstein. Die 17.000 Einwohner-Stadt zwischen Berlin und Hamburg wird ein Knotenpunkt zwischen Europa, China und Afrika. Logistikzentren, Warenumschlagplätze, Kung Fu-Tempel, Hotels und Kasinos, das alles wird in der „Parchim Airport City“ vereint. Parchim wird den Berliner Flughafen ersetzen. Dies ist zumindest die Vorstellung des chinesischen Unternehmers Jonathan Pang, der den Flughafen im Jahr 2007 erworben und bis zum heutigen Zeitpunkt immerhin einen neuen Tower errichtet hat.

Die Regisseure Stefan Eberlein und Manuel Fenn erzählen in ihrem Film Parchim International die Geschichte dieses chinesischen Visionärs, welcher einen internationalen Dreh- und Angelpunkt für Luftverkehr in Parchim aufbauen will. Eberlein und Fenn begleiteten Pang sieben Jahre lang mit der Kamera. Dabei entstand ein Dokumentarfilm, der exzellent mit Widersprüchen, kulturellen Klüften und den größenwahnsinnigen Träumen von Investor Jonathan Pang spielt. Herr Pang ist ein Visionär, ein größenwahnsinniger Geschäftsmann. Immer wieder betont er, welche Möglichkeiten die „Parchim International City“ bietet: „Unvorstellbar, wie viele Arbeitsplätze entstehen. Vor Ort und auch Online. Vielleicht eine Million. Vielleicht zehn Millionen.“

Die Gegebenheiten vor Ort beweisen diese Vorstellung allerdings in keiner Weise und lassen sie utopisch klingen. Der ehemalige Militärflughafen beschäftigt derzeit nur eine Handvoll Mitarbeiter, die der englischen Sprache nur kaum mächtig sind. Die Kleinstadt Parchim befindet sich in einer ländlichen Region inmitten von Schleswig-Holstein und das gesamte Flughafengelände ist mittlerweile veraltet und baufällig. Flugzeuge sind ebenfalls nicht mehr vorhanden. Lediglich ein paar Piloten sind hier zeitweise zu sehen, die das Landen und wieder Starten auf der Landebahn üben. Das große Business, wie es sich Herr Pang an diesem Standort in Zukunft vorstellt, liegt noch in sehr weiter Ferne.

Der Film zeigt überaus beeindruckend, wie Vision und Realität aufeinanderprallen. Auf der einen Seite befindet sich der Investor mit seinen gigantischen Plänen, auf der anderen Seite die verschlafene Kleinstadt Parchim in Schleswig-Holstein. Immer wieder zeigt der Film Misstrauen und Unverständnis seitens der Einheimischen auf. Hinzu kommt erschwerend, dass Herr Pang ausgerechnet einen Berater für sich ausgewählt hat, der aus einer ganz eigenen Region Deutschlands kommt und zwar aus Bayern. So entstehen nicht nur Verständigungsschwierigkeiten zwischen China und Deutschland, sondern auch zwischen Deutschland und Deutschland.

Trotzdem gibt Herr Pang sein Vorhaben nicht auf und trifft sich mit zahlreichen potentiellen Investoren in Europa, China und Afrika, um seine Pläne dennoch umzusetzen. Sinnbildlich für die Visionen von Herrn Pang ist eine Szene, in der er und sein Berater zufällig an der Mecklenburgischen Seenplatte vorbeifahren. Spontan entwickelt Herr Pang bei dem Erblicken dieser vielfältigen Seenlandschaft die Idee, Krabben nach China zu exportieren. Ebenso kurzentschlossen sucht er einen ortsansässigen Fischer auf und versucht diesen von seinem Gedanken zu überzeugen, pro Jahr 50 Tonnen Krabben zu exportieren. Der Fischer jedoch belächelt diesen unerreichbaren Plan des motivierten Herrn Pang in seiner norddeutschen Gelassenheit, da dieser in seinen Augen utopisch und unmöglich umsetzbar ist. Da für Herrn Pang nichts unmöglich ist, versteht er wiederum das Problem des Fischers nicht und so entsteht an dieser Stelle eine ebenso lustige wie auch bizarre Szene.

Dies ist nur eines der vielen Beispiele, welches den größenwahnsinnigen Charakter des Unternehmers darstellt. Inwieweit Pangs Pläne auch in die Tat umzusetzen sind, ist eigentlich nebensächlich für ihn, solange er selber für seine Idee „brennt“.

“Parchim International”, D 2016, 89′
Regie: Stefan Eberlein, Manuel Fenn
Drehbuch: Stefan Eberlein
Kamera: Manuel Fenn
Produzentin: Kathrin Lemme
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 19.05.2016 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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