Blickwinkel: Oslo, 31. August

press_osloDen Auftakt zur fünften Staffel unserer Cinemathek machte am vergangenen Montag der norwegische Film Oslo, 31. August (2011) von Joachim Trier.
Die ruhige Charakterstudie folgt dem jungen Anders, der seit zehn Monaten clean ist und sich nach längerer Zeit in einer Entzugsklinik zum ersten Mal wieder nach Oslo begibt. Die Perspektive eines Vorstellungsgesprächs soll ein erster Schritt zurück in die Gesellschaft werden, auch wenn Anders von Beginn an von einer tiefen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gezeichnet ist. Die Konfrontation mit Normalität, der Umgang mit der inneren Leere, die Befremdlichkeit des alten Lebens – all das sind Aspekte, die der Film aufwirft und mit denen sich unsere Blickwinkel beschäftigen.

 

Mensch im Abseits
Von Philipp Fust

Kurz vor seiner Entlassung aus der Drogenentzugsklinik versucht der 34-jährige Anders für 24 Stunden zurück ins Leben zu finden. Seit zehn Monaten ist er nun clean, doch sein Lebensmut scheint erloschen, ein missglückter Suizidversuch zu Beginn des Films beweist dies, verleiht jenem eine endgültige Stoßrichtung. Hoffnungsschimmer sind seltene Augenblicke, die eher vorgegaukelt werden, ein gequältes Grinsen an der Nahtstelle zu Anders’ früherem Leben – rauschhaftes Zudröhnen – zeugen von einem inneren Kampf, dessen Sieger längst feststeht: Resignation. Denn aufgegeben hat sich Anders schon lange, einen notgedrungenen Ehrgeiz entwickelt er einzig bei zahlreichen erfolglosen Versuchen, seine Exfreundin anzurufen. Als schweigsamer Zuhörer agiert dann lediglich die Mailbox, eine Sammelstelle gestammelter Erklärungsversuche. So wandelt er stets ziellos Stationen seines früheren Lebens ab und sieht sich mit einem Oslo konfrontiert, das ihm fremd geworden ist, denn fast nichts Vertrautes ist geblieben.

Oslo_Blickwinkel_PicBehutsam erzählt und äußerst intelligent konzipiert, dekonstruiert Joachim Trier seine Hauptfigur, was auf mehreren Ebenen geschieht, eine davon ist die Sprache. Denn Anders spricht aus, was er denkt und fühlt, er ist sich sicher, dass er keine Zukunft hat. Hingegen dieser Offensichtlichkeit ist er mit einer unterschwelligen Normalität konfrontiert, was besonders eindrücklich bei einer Szene im Café zum Ausdruck kommt. An diesem Ort prasseln hochkonzentriert Gespräche über Kinder, Musik und zu allem Überfluss eine ebenso lautstark wie stolz vorgetragene Life-to-do-Liste auf ihn ein, sein angestrengtes Gesicht spricht Bände, auch dank des glaubhaften Schauspiels Anders Danielsen Lies, die Rolle des charismatischen Aussteigers ist ihm sichtlich auf den Leib geschneidert. Auch beeindruckt hier einmal mehr die gewiefte Kameraarbeit, bei der mal Anders, mal seine Umwelt unscharf dargestellt wird, wobei die Außenwelt wie auch das Innere der sozialen Sammelstelle Café abwechselnd im Fokus stehen und unverhofft sprunghaft Tischgespräche dazwischen geschnitten werden – aus der Totale gefilmt – als Kennzeichnung des Individuums als Träger einer persönlichen Weise der Lebensbewältigung, mit jeweils unterschiedlichen Motivationen und Problemen. Anders fällt hier gänzlich raus, als einer, der es vermasselt hat und dort steht, wo er auch bleiben wird: am Fuße der Abwärtsspirale, jenseits aller Alltagsprobleme, quasi exkludiert. Da hilft dann auch solidarisches Gejammere nichts mehr, das ihm seine Umwelt so gerne entgegen trägt.

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Von Lücken und Inhaltslosigkeit
Von Kristina Scholz

Anders ist ein junger sensibler Mann, der gut bei Leuten ankommt, aus einem stabilen Elternhaus kommt und zudem ein wahrer Frauenmagnet ist. Scheinbare Indizien für eine stabile Persönlichkeit, dennoch liegt auf ihm eine dunkle Last, die ihn innerlich zu erdrücken scheint. Der Film bringt diese innere Bedrückung so intensiv zum Ausdruck, dass sie dem Zuschauer beinahe die Kehle zuschnürt. Die Last, die Anders mit sich trägt, ist die Last einer inneren Leere.

An seinem ersten Tag außerhalb der Klinik scheint es so, als begebe sich Anders ein letztes Mal auf die Suche, als würde er einen letzten Versuch wagen seine innere Leere mit Eindrücken, Emotionen und neuer Hoffnung zu füllen, dabei zeigt sich aber immer wieder wie ausweglos er seine Situation letztendlich bereits sieht und dass er kaum noch etwas empfindet, alles ist monoton und leer. Selbst im Gespräch mit seinem ehemals besten Freund scheint eine Distanz, eine Lücke zwischen beiden zu klaffen. Sie versuchen sich zu erreichen, aber irgendwo bleibt da eine nicht überwindbare Schlucht in ihren gemeinsamen Momenten, irgendetwas fehlt.
Auch die vermeintlich glücklichen und erfolgreichen Bekannten von früher scheinen mit dieser Leere zu kämpfen zu haben – eine mittelmäßig befriedigende Ehe, ein kinderloses Paar – Doch was ist es überhaupt, was Erfüllung bringt? Freunde, Partnerschaft, Kinder, Träume? Gibt es da überhaupt etwas oder ist es vielmehr eine Illusion von Erfüllung die sich jeder konstruiert, um sich nicht mit der ernüchternden Wahrheit konfrontieren zu müssen, dass doch irgendwie alles sinnlos und nicht wirklich von Belangen ist?

Der Film reflektiert diese innere und zwischenmenschliche Leere, die Anders verspürt auf visueller Ebene durch eine dezente Farbarmut der Bilder. Sie wirken so, als hätte man ihnen ein wenig Farbe ausgesogen, so wie Anders Lebensenergie ausgesogen scheint. Aber auch nicht zu auffällig, mehr wie ein dunkler Schleier, der auf allem liegt, wie er auch auf Anders zu liegen scheint. Obwohl die Bilder immer wieder von einem sanften Spätsommerlicht durchbrochen werden, wirken sie überwiegend matt und farblos. Es ist wohl dieser Kontrast zwischen der aufregenden Nacht auf den 31. August, die Anders erlebt, und seiner kaum merkbaren inneren Regung dabei, der hierdurch reflektiert wird.
Auch der Ton scheint immer wieder für einen kurzen Moment nahezu zu verschwinden, lückenhaft zu sein, lediglich ein unterschwelliges Piepen und weit entferntes Vogelgezwitscher sind noch zu hören. Und dann ist da noch seine Exfreundin, die Anders dringend versucht zu erreichen, wie einen letzten Anker in der sonst so ausweglosen Situation. Doch auch diese Leitung bleibt am anderen Ende unbeantwortet und leer.

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Gescheiterte Erinnerungen
Von Jennifer Ament

Es beginnt mit Aufnahmen einer leeren Stadt. Zu sehen sind Straßen und Gebäude, während die Tonebene von Menschen eingenommen wird, die ihre Erinnerungen an eine vergangene Zeit in Oslo schildern. Nach und nach wird das Erzählte immer persönlicher und besitzt den Charakter von etwas endgültig Verlorenem. Es geht um Veränderungen der Orte und der Menschen und um die Sehnsucht nach einer unbeschwerten Zeit, in der man noch Freunde hatte und sich in Oslo frei fühlte.

oslo2Auch Anders wird in den 24 Stunden seines Lebens, die „Oslo, 31. August“ in ruhigen Bildern beobachtet, mit Erinnerungen konfrontiert, mit einem alten Leben, das im Grunde nichts mit der komprimierten Version zu tun hat, die er in der Entzugsklinik erfahren hat. Mit einer bezeichnenden Einstellung, die ihn vor einem geschlossenen, verdunkelten Fenster zeigt, beginnt sein Weg. Der Kamera hat er den Rücken zugewandt und wie ein stiller Beobachter bleibt sie auf Distanz, während er die Gardinen aufzieht und einen Blick auf die Welt draußen wirft. Ein Vorstellungsgespräch in Oslo bringt ihn dazu, diese Welt nach langer Abwesenheit wieder zu betreten. Was ihn dabei erwartet ist ein Zusammenprall zwischen dem alten Leben und den Möglichkeiten eines neuen Versuchs. Aber Neuanfänge sind schwierig, zumindest schwieriger als sich einfach treiben zu lassen und auf das eigene Scheitern zu warten. Wer von Anfang an keine Hoffnung hat, begrenzt die Gefahr, enttäuscht und verletzt zu werden und so zerstört Anders die alte „Es wird alles besser“-Leier mit einem simplen „Wird es aber nicht“. Anstatt ihm Möglichkeiten aufzuzeigen, werden die zahlreichen Anhaltspunkte des früheren Lebens zu Momenten des Scheiterns. Die eindringliche Darstellung einer vergeblichen Suche nach dem Platz in der alten Lebensrealität verweigert sich dabei jeder Absolutheit. Eindeutige Schuldzuweisungen fehlen genauso wie die Argumentation, welches Verhalten nun richtig und welches falsch ist. So leicht macht es sich der Film nicht und hinterlässt vielleicht gerade weil er uns die Möglichkeit einer klaren Beurteilung abspricht eine so erdrückende Wirkung. Konfrontiert mit dem Verlorenen und den alten Bekannten, zu denen er nicht mehr passt, findet sich Anders schließlich in seinem Elternhaus wieder, das kurz vor dem Verkauf steht. Einem Ort voller Erinnerungen und Spuren, der von all diesen befreit werden soll, um leer zurückzubleiben. Anders hat zu diesem Zeitpunkt längst den Beschluss gefasst, dasselbe zu tun. Der sich langsam, fast vorsichtig nähernden Kamera den Rücken zugewandt, zieht er die Gardinen zu und verschließt sich vor dem, was auf der anderen Seite des Fensters nicht auf ihn gewartet hat.

Oslo 31. August, Norwegen 2011, 96′
Regie: Joachim Trier
Drehbuch: Joachim Trier, Eskil Vogt
Kamera: Jakob Ihre
Darsteller: Anders Danielsen Lie, Hans Olav Brenner, Ingrid Olava, Kjærsti Odden Skjeldal
Verleih: Peripher
Kinostart: 04.04.2013

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