Blickwinkel: Mud

Der Blick nach oben
von Jennifer Ament

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Zwei Jungs machen sich auf den Weg zu einer abgelegenen Insel. Die Kamera fängt dabei die Weiten des Wassers und der Landschaft ein, durch die sie sich bewegen und schweift in ihrem Blick immer wieder nach oben ab. Sie erreichen die Insel und finden ein Boot, das bei einer Flut in die Bäume gespült wurde und nun perfekt eingeklemmt darauf wartet, erkundet zu werden. Das Boot wird durch ausgiebige Blicke vom Boden nach oben hinauf inszeniert, wobei die Sonne durch die Äste strahlt und aus einer bloßen Beobachtung eine Präsentation wird. Die Jungs finden heraus, dass sie nicht die ersten sind, die das Boot entdeckt haben. „Mud“ lebt dort, ein mysteriöser, aber sympathischer, hungernder, aber durchtrainierter, schmutziger, aber immer im weißen Hemd herum rennender Typ (verkörpert von Matthew McConaughey, der mit Anstrengung versucht, anders zu spielen als sonst und irgendwie scheitert). Er ist auf der Flucht wegen eines Mordes, den er natürlich aus Liebe beging, und will sich von den Jungs dabei helfen lassen, seine Freundin zurück zu bekommen. Und weil es um Liebe geht, helfen sie ihm. Natürlich.

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Die Story will gleichzeitig Coming-of-Age-Abenteuer und verhängnisvolle Liebesgeschichte sein, wobei es letztendlich einfach nur um einen Jungen geht, dessen romantisierte Vorstellung von Liebe ein direkter Protest gegen die lieblose Ehe der Eltern zu sein scheint. Es fällt schwer, wirklich in die Erzählung zu finden und die uninteressante, aber dramatisierte Geschichte über zwei Stunden zu verfolgen. Deshalb bleibt einem vielleicht eher die visuelle Qualität im Gedächtnis. Regisseur Jeff Nichols hatte mit Take Shelter (2011) auf faszinierende Weise gezeigt, dass der Blick nach oben nicht nur eine ästhetische Bereicherung für einen Film sein kann, sondern auch eine enorm wichtige und tragende Rolle spielen kann. Durch die Sturm-Thematik braucht es den Blick in den Himmel, weil die (eingebildete) Bedrohung nur dadurch sichtbar wird. Wahnvorstellung und Realität verschwimmen und der Blick nach oben dient nicht nur der Verdeutlichung einer Bedrohung, sondern zudem auch der Überprüfung des Realen. In Mud scheint diese Motivation des Blickes nach oben nur sehr bedingt gegeben und doch verliert sich die Kamera immer wieder darin, damit schöne Bilder einzufangen. Geradezu aufdringlich wirkt der nach oben steigende Blick der Kamera, der größtenteils Malick-mäßig durch Baumkronen hindurch – oder am Boot vorbei – auf die Sonne trifft. Das sieht natürlich schick aus, langweilt aber nach einer Weile nur noch und wirkt uninspiriert, fast störend. Der unmotivierte Blick nach oben führt ins Leere und kann nicht, wie beispielsweise bei Take Shelter, Bedeutung schaffen, da er gar nichts beobachten möchte, das von Bedeutung ist.

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Update Jugendfilm
von Arne Fischer

Mehr als vier Sender zu haben bedeutete früher, dass man nach den Ferien etwas zu erzählen hatte: Die blaue Lagune, My Girl oder Mio, mein Mio. Es gab diesen mystischen Hype, der sich irgendwann in Luft auflöste, weil die Erzählungen spannender waren als die ermüdende Reflexion des eigentlichen Filmerlebnis, was man beim mühsamen Übertragen auf das Leben an-und-für-sich feststellen musste … trotzdem gab es die Hoffnung – woher auch immer sie kam – den einen verehrenswerten Partner zu finden. Mud spielt genau mit diesen Elementen.

Was man jetzt als Endzwanziger, als Filmkenner oder so bemängeln könnte, wären die Längen im Film, die Klischees, die zeitlich männliche Dominanz der Darsteller, die fehlende Tiefe der Charaktere … jaja, was soll ein Film nicht noch alles gleichzeitig liefern, neben schönen Einstellungen amerikanischer Sumpflandschaft, schwülen Sommernächten und dem Freiheitsgefühl einer Seenlandschaft, die zwei vierzehnjährige Jungen allein mit dem Motorboot auskundschaften können?
Gehen wir mal davon aus, dass wir uns gerade zwischen dem zehn- und vierzehnten Geburtstag befinden und keinen Bock auf die komisch wirkenden RTL, Kabel 1, Kompost-Wiederholungen haben, die inzwischen befremdlich wirken.

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Mud ist ein realistisches Abbild der Gegenwart. Die Jungen Ellis (Tye Sheridan) und Neckbone (Jacob Lofland) haben altersspezifische Probleme bzw. müssen mit dem Beziehungsleben ihrer Eltern klar kommen. Sie sind abhängig im Rahmen der erzieherischen Maßnahmen von Gehorsam und familiären Zusammenhalt. Die beiden arrangieren sich damit, ihren erziehungsberechtigten Vaterfiguren bei deren Jobs zu helfen, damit sie sich immerhin am unteren Rand des Standards halten können. Es wird hier in direkten Zusammenhang gesetzt, dass dadurch kaum Platz dafür besteht, Frauen ein einfühlsames Gespräch oder Einkommen zu bieten, da die Männer irgendwie in der misslichen Lage sind nicht mehr leisten zu können. Zumindest wirkt diese Darstellung ehrlich. Mud erfindet die geschlechtsspezifischen Rollenbilder nicht neu, trägt ihre Klischees jedoch sehr realistisch auf: Die Männer vernachlässigen ihr Äußeres, sind häufig unfreundlich, aggressiv und handeln in konventionellen Mustern.

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Der junge Ellis ist anders. Zumindest bemüht er sich, ist hübsch, wirkt sympathisch. Und er vertraut in die Liebe, die ihm seine Mutter gibt und anfangs auch in das Mädchen, das er verehrt. Die Enttäuschungen kommen später, genauso wie sie der titelgebende Mud bietet, nachdem er als mysteriöse Figur eingeführt wird. Mud hat etwas riskiert, er tut alles für seine Traumfrau, er bietet die unumstößlich faszinierende Hoffnung, dass es in der Welt doch mehr gibt als zu resignieren. Idealismus als Antrieb der Handlung – ein fortwährendes Motiv der Männlichkeit, entgegen der Stagnation auf den Hausbooten der Flussbewohner. Die Handlungsdynamik wird auch von Ellis getragen, er schlägt auch mal gegen Ungerechtigkeit zu, hilft den Frauen und kommt mit einem blauen Auge davon. Schließlich geht es um mehr, wie Ellis anhand von Gesprächen erfahren muss. Das Wunschbild der eigenen Prinzessin zerbricht und die Mama hat ihre eigenen Pläne.

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Jetzt bietet der Film mehr: Das Reden wird wichtig, in gekonntem Maß gilt es, den Schein vom Sein zu differenzieren, die verschiedenen Verhaltensweisen der Frauen- und Männerfiguren zu reflektieren, sodass es sogar ein Vierzehnjähriger schafft, den vierzigjährigen Mud zur Einsicht zu verleiten. Dies wird zur wichtigsten Kritik am Vater-Sohn Verhältnis im Film. Fest steht: Es gibt in und mit Mud eine gewisse Ehrlichkeit, die wünschenswert und nicht oft zu sehen ist, wenn es um die Reflexion männlicher Rollenbilder im Film geht. Eventuell ist die Zielgruppe mit erwachsenen Kinobesuchern zu spät angesetzt und vielleicht lohnt sich die Empfehlung, diesen Film als Vater und Sohn abends auf dem Sofa liegend zu sehen.

Mud, USA 2012, 130’
Regie: Jeff Nichols
Kamera: Adam Stone
Musik: David Wingo
Besetzung: Matthew McConaughey, Tye Sheridan, Sam Shepard, Reese Witherspoon

Auf DVD seit 02. September 2013 erhältlich, leider nur in UK.

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