Blickwinkel “Made in Ash”

made-in-ash-6-rcm0x1920uMade in Ash von Iveta Gròfovà handelt von Prostitution und Armut. Ihre Weise des Erzählens reflektieren wir in diesem Blickwinkel.

 

Die Hoffnung stirbt hinter der Fassade
Von Philipp Fust

Traum und Wirklichkeit sind zwei Sphären, die sich die junge Roma Dorotka als Einheit wünscht. Noch voller Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, verlässt sie ihre auf Drängen ihrer Mutter ihre slowakische Heimat und zieht in das kleine Städtchen Ash nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Dort läuft nichts so, wie es geplant war: Ihre Fernbeziehung mit ihrem Freund geht in die Brüche und wegen schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse verliert sie ihren Job in einer Textilfabrik, an deren scharfen Takt sie sich sowieso nicht anpassen konnte. In der Kluft zwischen in Zeichentricksequenzen dargestellten flirrenden Traumschäumereien von einem Bilderbuchleben und den schroffen, trostlosen Oberflächen der Wirklichkeit bleiben ihr nur zwei Optionen: Entweder ein apartes Dasein in der Prostitution, oder ein jenes an der Seite des deutschen Überfünfzigers Johann, der ihr so etwas wie eine Zukunft in Deutschland verspricht.

Regisseurin Iveta Grófová bedient sich in ihrem Spielfilmdebut stetig der Klaviatur des Quasi-Dokumentarischen, gedreht wurde mit Handkamera an Originalschauplätzen mit milieunahmen Laiendarstellern. In einem sublimen Spiel mit der Distanz sucht sie nach Wahrheit: Häufig tastet die Kamera in extremen Nahaufnahmen faltige, überschminkte und anderweitig vom Leben überzeichnete Gesichter ab, vor allem von älteren Männern, die unbeholfen die Nähe junger Frauen suchen. Grófovás Kamera erhebt trotz intensivem Blick jedoch keine Anklage gegen sie. Eingehüllt in Zigarettenrauch und lieblose Fassaden, passen sich die schiefen Flirts schlichtweg den Rahmenbedingungen an. Unangenehm ist jedoch das zunehmend Groteskhafte im Balzverhalten der in die Jahre gekommenen, was vor allem Dorotkas wohlhabender Anbeter Johann betrifft. Dessen aufgesetzt wirkender, oft unverständlicher Stammelsprech sorgt für unfreiwillig komische Momente und überschattet die mühevoll produzierte Authentizität. Gravierend fühlt man sich an das forciert profane Kino Ulrich Seidls erinnert.

Das ist schade, weil die Essenz im Grunde eine Stimmige ist: Die Wunden der Wirtschaftskrise haben Furchen an Mensch und Architektur hinterlassen und ein nutznießerisches Milieu geschaffen, bestehend aus dem Angebot von jederzeit verfügbarer jugendlicher Weiblichkeit, das rege Nachfrage erfährt. Ein kleines Städtchen, in dem sich von fast jeder Wand die Tapeten schälen, wird zu Dorotkas Endstation ihrer Utopien. Kein Wunder also, dass in der zweiten Hälfte des Films ihre Fantasiewelt zusehends kollabiert. Ash ist kein Ort für schöne Träume.

Doch genau dort findet Grófová eine Form von Wahrheit, indem sie den Dingen so nahe wie nur möglich kommt und hinter das Fassadendekor blickt, das einst den Verfall noch kaschierte. Zum Vorschein kommen absolute Daseinsvollzugsgrenzen und die Verlierer des Kapitalismus. Beschwingte Momente verhindern ein Abdriften ins Elegische und demonstrieren die Notwendigkeit von Akzeptanz. Denn irgendwie muss man ja weiterleben. Und zumindest ein Hauch des Schönen findet Dorotoka in ihre neuen Freundin Silvia, die ihr Schicksal teilt.

Diesem interessanten und durchdachten Stil bleibt Grófová leider nicht vollends treu: Einen sexuellen Übergriff lässt sie uns in stark verwackelten Handykamerabildern erleben. Auf diese Weise chiffriert sie das Geschehen, was gar nicht nötig gewesen wäre. Den drastischen Ausmaßen patriarchalisch-anarchischer Grauzonen hätte sie sich ruhig ebenso ruhig und konzentriert widmen können und das ohne in Dorotkas Träumen gleich den Teufel auf die Bühne zu bitten.

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Traumhafte Welt trifft auf Realität
Von Verena Petersen

Iveta Gròfovà behandelt in ihrem Film Made in Ash das kritische Thema der Armutsprostitution im Zusammenhang mit armen Roma-Familien. Ursprünglich sollte die Produktion ein Dokumentationsfilm werden, wurde dann allerdings als Spielfilm umgesetzt. Im Gesamten gesehen ist der dokumentarische Charakter dennoch ausschlaggebender.

Made in Ash handelt von der jungen Slowakin Dorotka, die nach ihrem Abitur nicht die Möglichkeit hat zu studieren. Ihre Familie und sie haben nicht die finanziellen Mittel, denn sie leben in ärmlichen Verhältnissen. Die junge Dorotka ist somit gezwungen einen Job anzunehmen, mit dem sie die Familie unterstützen und sich eine Zukunft mit ihrem Freund aufbauen kann. Sie geht dafür in die Tschechische Republik und landet in einen kleinen Ort namens Ash. Dort nimmt sie einen Job in einer Großnäherei an. Das junge – anfangs eher ruhige – Mädchen findet sehr schnell Gefallen am wilden Nachtleben. Das Ganze nimmt überhand, denn bald hat sie nur noch Partys und Spaß im Kopf hat und vernachlässigt dadurch ihre Arbeit mehr und mehr. Zu allem Unglück verliert sie durch die wirtschaftliche Lage, zusammen mit vielen anderen Frauen, ihren Job und auch ihr Freund wendet sich immer mehr von ihr ab. Ihr anfänglicher Optimismus schwindet dadurch zusehends und weicht der Verzweiflung. Ihr wird bewusst, dass sie einen Ausweg finden muss. Um sich auch weiterhin über Wasser halten zu können, behilft sie sich zusammen mit ihrer Freundin Silvia – mehr schlecht als recht – mit der Prostitution. Die beiden jungen Frauen lernen bald darauf den deutlich älteren Johann aus Deutschland kennen, der schnell gefallen an der jungen Dorotka findet und diese mit nach Deutschland nehmen will. Für Dorotka stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob sie sich weiter prostituiert und der Vergangenheit mit ihrem Freund nachtrauert, oder ob sie mit Johann nach Deutschland geht und ein neues Leben beginnt.

Der Film wird visuell durch das einblenden von gezeichneten Videosequenzen unterstützt, die einen zeichnerischen Charakter haben. Die gezeigten Bilder haben anfangs ein sehr realistisches Erscheinungsbild, eine klare Botschaft an den Zuschauer und sind auch in ihrer Darstellung sehr deutlich. Sie laufen ruhig ab und vermitteln damit einen harmonischen Eindruck. Im Laufe der Zeit wirken diese Bilder aber immer unrealistischer, werden verzerrt dargestellt, wirken unruhig, zu traumhaft und nicht vielsagend. Sie vermitteln dem Zuschauer nur eines: sie stehen für nichts Gutes. Gerade durch diese teilweise sehr überspitzt dargestellten Bilder werden Dorotkas Gefühle und (Zukunft)-Wünsche gut dargestellt. Zu Beginn des Films zeigen sie eine romantische Szenerie, wie Dorotka von einer sorgenfreien Zukunft mit ihrem Freund träumt. Im Verlauf des Films jedoch beginnt sich das Blatt zu wenden und die Szenerie verwandelt sich mehr und mehr in einen Alptraum für das junge Mädchen. Dieser Alptraum wird durch das Zeigen einer teufelsähnlichen Fratze symbolisiert.

Der ganze Film besteht aus mehreren kleineren Höhen und Tiefen, die Dorotka durchlebt. Beginnend mit der doch eher unschönen Ausgangsituation als erster Tiefpunkt. Danach die Euphorie, durch den Job die Chance auf eine bessere Zukunft zu erlangen, als erster Höhepunkt. Anschließend die Ernüchterung durch den Verlust des Freundes, des Jobs und der Weg in die Prostitution als weiterer Tiefpunkt, der die junge Frau erneut auf den Boden der Tatsachen zurückbringt. Als Frage ergibt sich daraus, welchen Weg sie an dieser Stelle wählt und ob sie überhaupt eine richtige Wahl hat.

Made in Ash gibt einen überzeugenden Einblick in das Dasein von Menschen, die ihr Leben fernab der eigenen Lebensrealität führen. Eine gewisse Spannung kam insofern auf, als dass ich mit Dorotka gehofft und gebangt habe, es möge für sie ein gutes Ende finden. Das lag zu einem großen Teil vermutlich daran, dass sie ein junges Mädchen ist und ich mich deshalb ein wenig mit ihr identifizieren konnte.

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Verborgene Schicksale
von Fin Madsen

Der Film Made in Ash der slowakischen Regisseurin Iveta Grófová ist ein Sozialdrama, welches sich um den Lebensweg einer jungen Roma aus der Slowakei dreht. Ursprünglich als Dokumentarfilm geplant, mangels gewillter Protagonisten jedoch schließlich als Spielfilm umgesetzt, ist er dennoch mit einem Dokumentarfilm-Stil versehen.

Nach der Abschlussfeier ihrer Schulzeit wird die junge Dorotka mit der Entscheidung ihrer Eltern konfrontiert, sie nach Tschechien zum Arbeiten zu schicken. Wehmütig, aber dennoch ohne großen Widerstand fügt sie sich ihrem Schicksal. Sie landet in dem Ort Ash, wo sie beginnt in einer heruntergekommenen Fabrik Klamotten zu nähen. Eher an Parties und Spaß orientiert, macht sie jedoch keine gute Figur. Als schließlich viele Arbeiterinnen aus wirtschaftlichen Gründen entlassen werden, verliert auch Dorotka ihren Job. Auch ihr Freund, der ihr versprach nach Tschechien zu folgen, lässt kaum noch von sich hören. Sie beginnt zu begreifen in welch aussichtsloser Lage sie sich befindet und ihr anfänglicher Optimismus schwindet. Zusammen mit ihrer Freundin Silvia beschließt sie sich mit Prostitution zu behelfen. Gleichzeitig lernen die beiden den älteren Johann aus Deutschland kennen, der nach auf der Suche nach einer jungen Osteuropäerin ist, um sich mit ihr seinen Lebensabend zu versüßen. Dorotka steht vor der Entscheidung ihm nach Deutschland zu folgen, oder weiterhin als Prostituiere zu arbeiten.

Die Realitätsnähe der Handlung verdeutlicht Grófová hierbei mit einer Optik, die an einen Dokumentarfilm erinnert. Die Einstellungen wirken häufig nicht optimal gewählt und ständig sind unscharfe Objekte im Bild, die teilweise sogar die Sicht auf das Geschehen blockieren. Es entsteht das Gefühl, dass für die Kamera kein Platz in dieser grauen, heruntergekommenen Welt ist und sie sich schwertut, die Szenen einzufangen. Diese Makel der Bilder erzeugen ein Gefühl der Authentizität und Unmittelbarkeit. Auch die Charaktere offenbaren sich ihr und dem Zuschauer nicht. Dies ist hierbei keinesfalls eine Schwäche, sondern vielmehr eine besondere Stärke des Films, die die Authentizität der Personen, die hierzu noch von milieunahen Laiendarstellern gespielt werden, unterstreicht. Made in Ash zeigt keine Heldenfiguren, die aus den Zwängen sozialer Normen ausbrechen und wider aller Schwierigkeiten den Aufstieg in ein besseres Leben schaffen. Es sind Menschen, die nicht anders können als sich den Gegebenheiten zu fügen, in die sie hineingeboren wurden. Schicksale, derer es so viele gibt und die meistens verborgen bleiben. Nur wer nach ihnen sucht wird sie erfahren, so wie es die Kamera in diesem Film tut.

Trotz dieses ungewöhnlichen Stiles gelingt es der Regisseurin größtenteils die Handlung verständlich zu vermitteln. Lediglich zum Ende sind die Zusammenhänge nicht vollends nachzuvollziehen. Insbesondere eine, von Dorotka und Silvia selbst per Handykamera gefilmte, Passage ist hierbei wenig hilfreich. Insgesamt schafft es Iveta Grófová mit diesem dokumentarischen Spielfilm eine Geschichte zu erzählen, der man abnimmt, dass sie sich gerade in diesem Moment so ähnlich abspielen könnte. In heruntergekommenen Fabrikhallen, verrauchten Kneipen und kleinen Zimmern, die wenig Platz für eine Kamera bieten.

“Made in Ash”, CZE/SVK 2012, 84′
Regie: Iveta Grófová
Drehbuch: Iveta Grófová, Marek Leščák
Kamera: Viera Bačíková
Darsteller: Dorotka Billá, Silvia Halušicová, Mária Billá
Verleih: Peripher
Kinostart: 11. Juni 2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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