Blickwinkel: Liebe

Vom Umgang mit dem Unvermeidlichen
Von Jennifer Ament

Im Gegensatz zu manch anderem Film von Michael Haneke gibt es in “Liebe” kein Rätsel, das nicht gelöst wird, keine Verwirrung, keine Unklarheiten, keine Überraschungen. Sein neuer Film könnte kaum klarer sein, mit einem linearen Verlauf der Geschichte, ohne Umwege geradezu auf das unumgängliche Ende. Dieses wird direkt zu Beginn vorweggenommen, sodass unweigerlich klar ist, worum es geht: nicht um Spannungsaufbau, nicht um Spekulationen, was passieren wird, sondern um den Weg zu diesem Punkt. Eine Wohnung wird zu Beginn des Films gewaltsam von der Feuerwehr aufgebrochen und auch die Tür zu einem der Zimmern ist verschlossen und muss durchbrochen werden. Und dann sieht man für einige Sekunden die Leiche einer alten Frau auf dem Bett liegen, umgeben von Blumen und offensichtlich schon länger tot. Haneke zeigt das Ende als Erstes und beginnt erst dann mit der eigentlichen Erzählung, was den gesamten Film im Grunde zur Rückblende macht, zur Erinnerung an eine Liebe, die sich dem unvermeidlichen Tod stellen muss und auf dem Weg dorthin Teile ihrer eigenen Erinnerung verliert.

Anne (großartig: Emmanuelle Riva) und Georges (ebenso großartig: Jean-Louis Trintignant) werden als altes Ehepaar, das dem Bildungsbürgertum angehört, vorgestellt. Sie werden beim Besuch eines Klavierkonzertes gezeigt, die geräumige Pariser Altbauwohnung strotzt nur so vor eindeutigen Verweisen auf ihre musikalische berufliche Vergangenheit und ihren Intellekt. Darüber hinaus wird deutlich, wie liebevoll ihr Umgang miteinander auch nach vielen gemeinsamen Jahren noch ist. Sie scheinen den für sich perfekten Lebensabend miteinander zu verbringen, bis sich eines Morgens am Frühstückstisch alles beginnt zu ändern. Anne reagiert plötzlich minutenlang nicht mehr und starrt einfach vor sich hin, was Georges in Panik versetzt. Als er den Raum verlässt, um sich umzuziehen und sie anschließend ins Krankenhaus zu bringen, hört er wie der Wasserhahn abgestellt wird und geht zurück zu seiner Frau, die sich offensichtlich an die Ereignisse der letzten Minuten nicht erinnern kann. Genauso plötzlich wie der Aussetzer kam, ist er verschwunden, sogar vergessen. Dieser erste Einschlag in den gewohnten Alltag des Paares gibt die Richtung vor, in die der Film von dort an gehen wird: der langsame, aber stetige körperliche und mentale Verfall Annes, geprägt von misslungenen Operationen, Schlaganfällen und Altersdemenz. Und so entwickeln sich auch die Reaktionen der beiden von anfänglicher Hilflosigkeit und Unverständnis hin zu einer gewissen Form von Akzeptanz und Anpassung. Die alte Routine wird mit einer neuen ersetzt. Als Anne nach dem ersten Schlaganfall und einer missglückten Operation nur körperlich beeinträchtigt ist und halbseitig gelähmt im Rollstuhl sitzt, klappt alles noch recht gut, auch wenn bereits hier klar ist, dass Georges selbst mit seinen schwindenden Kräften zu kämpfen hat. Aber der Wunsch seiner Frau, sie niemals wieder in ein Krankenhaus zu bringen, sie zu Hause bei sich zu behalten, ist wichtiger als alles andere. Genauso wenig ist er bereit, sie gehen zu lassen, was klar wird, als Anne den kläglichen Versuch unternimmt, sich aus dem Fenster zu stürzen und Georges dafür absolut kein Verständnis aufbringen kann. Er will für sie da sein und sie so lange wie möglich bei sich behalten, auch wenn das nicht in ihrem Sinn ist.

Ein zweiter Schlaganfall hat deutlich drastischere Folgen als der erste und hinterlässt eine nun schwerkranke Anne, die kaum noch in der Lage ist, einen kohärenten Satz zu formen. Es ist dieser plötzliche Übergang von geistiger Gesundheit zu geistigem (und körperlichem) Verfall, der den Zuschauer förmlich überrollt. Im einen Moment geht es ihr eigentlich noch gut, im nächsten liegt sie als Schatten ihrer selbst im Bett. Obwohl man damit rechnet, dass sich ihr Zustand früher oder später verschlimmern würde, ist diese krasse vorher/nachher Gegenüberstellung auf ihre Art schockierend. Vielleicht weil man nicht wahr haben möchte, dass es für manche Dinge eben keine Vorboten gibt. Wenn davon die Rede ist, dass sich “Liebe” so stark von Hanekes restlichen Filmen unterscheidet, weil es hier nicht den typischen “Schlag ins Gesicht” oder die großen Schockmomente gibt, ist das – trotz der eindeutigen Sanftmut – nicht ganz richtig. Die Schockmomente sind nur leiser, weniger aufdringlich, vorhersehbarer, aber das macht den Schlag ins Gesicht nicht weniger hart. Hier handelt es sich um eine andere Form von Schock, eine die sogar tiefer geht, aufgrund des Bewusstseins, dass jeder von uns irgendwann damit konfrontiert wird. Der Teil des Films nach Annes zweitem Schlaganfall, beinhaltet nicht nur die unangenehmsten und schwierigsten, sondern auch die stärksten Momente. Erst mit der Schwere der Erkrankung wird der unterschiedliche Umgang aller Beteiligten mit der Situation näher betrachtet, so verstärken sich hier auch die Konflikte zwischen Georges und Tochter Eva (Isabelle Huppert), die im Ausland lebt und normalerweise nur selten zu Besuch kommt. Sie liefert die typischere Reaktion, ist verzweifelt, schockiert, weint und weiß nicht, wie sie mit dem Zustand ihrer Mutter umgehen soll. Ihr Vater hingegen bleibt ruhig und kümmert sich weiter aufopferungsvoll um seine Frau. Ein späteres Streitgespräch zwischen Vater und Tochter ist deshalb so stark, weil es aufschlussreich, hart und ehrlich ist. Nach erneutem unangekündigtem Besuch macht Georges Eva klar, dass er und Anne ihr eigenes Leben führen, das nichts mit ihr zu tun hat und dass sie sich aus ihren Angelegenheiten raushalten soll. Die harsche Ausgrenzung der Tochter bestärkt in diesem Moment die Verbundenheit der Eltern und die Bereitschaft, Anne zu schützen und ihre Wünsche zu verteidigen.

“Liebe” scheut nicht vor schwierigen Momenten zurück und zeigt die immer drastischeren Veränderungen mit einem nüchternen, ehrlichen Blick, aber gleichzeitig wird auch nicht jedes unerträgliche Detail dargestellt. Auch wenn es unangenehme Szenen gibt, bleibt die Darstellung den Figuren gegenüber würdevoll und Haneke zeigt im Grunde sehr viel weniger als der realistischen Situation entspräche. Genau darum, um eine detaillierte Analyse einer schweren Krankheit, geht es nämlich nicht, auch nicht ums Sterben an sich. Der Film behandelt tatsächlich das, was der Titel ausdrückt: Liebe in ihrer Gesamtheit, in ihrer Essenz, fern von romantischen Gesten oder großen Deklarationen. Man hört nicht einmal ein “Ich liebe dich” und auch sonst werden alle möglichen Sentimentalitäten umgangen. Es geht um den Umgang mit dem Leid eines geliebten Menschen, dem daraus resultierenden eigenen Schmerz und letztendlich auch um den Umgang mit der wohl größten Herausforderung von Liebe – dem Tod. Wenn das Leben verfällt, die Liebe aber bestehen bleibt, ist man bereit, den anderen gehen zu lassen oder ihm dabei zu helfen? Wie bietet man Unterstützung und Schutz, während man gleichzeitig eine große Last bewältigen muss? “Liebe” ist kein Film über einen letzten Kampf, denn irgendwann muss auch Georges einsehen, dass es nicht darum geht, gegen den Verfall anzukämpfen. Es geht darum, wie man sich der Situation stellt. Das Ende ist klar, der Weg dorthin vorhersehbar; die eigentliche Frage ist, wie lange man braucht, um endgültig loszulassen, um die geliebte Person freizugeben. Deshalb wird nicht unbedingt eine Geschichte vom Sterben erzählt, sondern eher vom Zurückgelassen werden, konfrontiert mit der Entscheidung zu bleiben oder zu folgen.

———————————————————————————————

Der schwere Weg der Liebe
Von Christin Ehlers

Das Thema ist genauso brisant wie aktuell: Sterbehilfe. Wie geht man damit um, wenn der Partner nicht mehr leben möchte? Wenn er (oder sie) in völliger Lethargie versinkt und letztendlich sogar die Nahrungsaufnahme verweigert? Filme über dieses Thema gibt es durchaus. So behandelt beispielsweise auch Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“ dieses heikle Thema. Aber keiner tut es so intensiv und sensibel wie Hanekes „Liebe“. Aber er tut dies subtiler und erst im letzten Viertel des Films. Und doch begleiten einen die Fragen rund um die Sterbehilfe den gesamten Film über. Reicht es aus sich hingebungs- und aufopferungsvoll seinem Partner in dessen schwerer Zeit zu widmen? Oder kann/soll/will man sogar einen Schritt weitergehen und dem Wunsch nachgehen, das Leben vorzeitig zu beenden? Es zerreißt einem das Herz, wenn man mit ansehen muss, wie Georges verzweifelt versucht, der bettlägerigen Anne das Essen einzuflößen, die die Aufnahme partout verweigert. Die „richtige“ Entscheidung zu treffen ist dabei unmöglich. Wobei es, abgesehen von der Rechtslage, vermutlich keine „richtige“ Entscheidung geben kann. Handelt man im Interesse des Patienten (in dem Fall von Anne)? Oder versucht man die letzten Momente mit seinem Partner so gut es geht auszunutzen und die Trennung hinauszuzögern? Gibt es doch zwischen all der Lethargie Momente der Freude. Wenn Anne beispielsweise ihren neuen elektronischen Rollstuhl ausprobiert und ungestüm und übermütig wie ein kleines Kind durch den Flur kurvt und das Paar beherzt dabei lacht.

Haneke behandelt die Vielzahl der Themen, wie die Trauer, den Kampf mit dem Tod, der Liebe, der Sterbehilfe und dem Ungesagten mit so viel Sensibilität und Intensität, dass sich der Zuschauer selbst in einem Kampf wiederfindet. Mit langen Einstellungen, wenig Dialogen und der Wohnung als (fast) einzigen Handlungsort wird der Zuschauer Teil des Leidenswegs, den Georges und Anne bewältigen müssen. Teilweise scheinen die 127 Minuten nie zu enden, aber der Film braucht genau diese Länge, um den Schmerz in dieser Intensität zu vermitteln, wie er es tut. Den langen und schier endlosen Weg zum Unumgänglichen geht Georges mit dem Zuschauer gemeinsam. Es ist das Gefühl des Loslassens, das einen konstant begleitet. Wann ist der richtige Moment gekommen? Gibt es ihn überhaupt? Diejenigen, die diese Erfahrung bereits selbst machen mussten, können Georges Verhalten noch intensiver nachfühlen.

„Liebe“ ist kein Film, der die Schwierigkeiten und Marotten des Alterns thematisiert, sondern behandelt eben auch ein Tabu-Thema wie Sterbehilfe. Denn das Thema ist wenig behandelt und wird gern unter den Teppich gekehrt. Das Alter soll ja schließlich nicht abschrecken. Und doch braucht es einen Film wie „Liebe“, um das „Unsagbare“ sagbar zu machen. Er lässt einen nachdenklich im Stuhl zurück. Und er konfrontiert den Zuschauer unweigerlich mit Fragen, denen sich irgendwann jeder stellen muss – nicht nur im Alter.

———————————————————————————————

Routine
Von Florian Krautkrämer

(Major Spoilers ahead!)

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich die Autorinnen und Autoren eines Blickwinkels relativ einig sind, dass sie es auch bei einem Film von Michael Haneke sind, ist dann aber vielleicht doch etwas ungewöhnlich. Aber es scheint ja, dass sich momentan viele auf diesen Film von Haneke einigen können. Was mich jedoch erstaunt, ist dass sehr häufig, und eben auch in den drei Kritiken hier, der Film in der vom Titel nahegelegten Intention gelesen wird. Dass die Fürsorge Georges’ (Jean-Louis Trintignant) zu seiner Frau Anne (Emmanuelle Riva) ein Akt der Liebe sei, sowie auch ihre Tötung am Schluss, ihre Erlösung aus Liebe geschehe, also Sterbehilfe sei.

Dabei ist es schon ein sehr merkwürdiger Moment, in dem der Titel eingeblendet wird: eine Großaufnahme der toten Anne, mit Blüten dekoriert, dann ein harter Schnitt mit dem Titel weiß auf schwarz. Das ist nicht nur die übliche Hanekesche Holzhammer-Methode, das kann man auch ironisch sehen: denn das Wort Liebe sagt ja nichts über den Tempus aus: das war vielleicht mal Liebe, ist es jetzt jedenfalls nicht mehr, fängt nämlich schon an zu stinken. Oder: die Blümchen um den Leichnam sind noch die Reste der Liebe. Jedenfalls gibt es eine große Differenz zwischen der Bedeutung dieses Wortes und dem Ort und der Art der Einblendung. (Und, das möchte ich kurz an dieser Stelle anmerken, es ist auch ein reichlich blöder Titel. An der Kinokasse bestellt man ja „Einmal Liebe, bitte“ und kann sich dann zotig darüber freuen, dass die so günstig ist …)

Aber schauen wir uns den Anfang noch etwas genauer an. Es geht gewohnt hanekemäßig zu, in der ersten Einstellung wird durch die Tür des Altbaus eingebrochen. Gewalt steht am Anfang, wenn Polizei, Sanitäter und Hausmeister in das Appartement eindringen. Wir sind schon drinnen, wenn die anderen in die Wohnung reinkommen.
Die erste Einstellung nach der Titeleinblendung und damit auch in der Vergangenheit, denn der Prolog fand in der Gegenwart statt, spiegelt den Kinoraum. Für lange Zeit sehen wir ein Konzertpublikum, das auf den Beginn der Musik wartet. Es ist so aufgenommen, dass es das Kinopublikum quasi spiegelt, was gerade durch die Länge der Einstellung zusätzlich verdeutlicht wird. Die Konzertbesucher dürften sich auch so ziemlich decken mit dem Publikum im Kino, ist Liebe doch ein Film, der eher auf das ältere Bildungsbürgertum zielt. Aber schon klar, der Anfang verdeutlicht: das ist ein Film über mich, über uns, die wir im Kino sitzen. Nicht einfach nur eine Geschichte.

Der Film wird dann aber doch fast untypisch für Haneke, der behutsam inszeniert, wunderbar kadriert und seine pädagogische Strenge weitgehend vermissen lässt. Aber ist es ein Film über Liebe? Wo genau ist die Liebe in dem Film, von der aufgrund der Vorgabe des Titel immer wieder geschrieben wird? Am Ehesten sehe ich sie noch in der Kadrierung der beiden Alten, die immer wieder in der Weite ihres Appartements nahe aber nie voyeuristisch in den Rahmen des Bildes gesetzt werden. Haneke und sein Kameramann Darius Khondji finden genau die richtigen Abstände, bei denen man in der Länge der Einstellungen den beiden zusehen kann, ohne Hanekes Zeigefinger im Kreuz zu spüren. Aber ich sehe die Liebe eigentlich nicht in der Geschichte, dem Miteinander der Personen. Man sieht, dass sie schon sehr lange miteinander Zeit verbracht haben. Das, was sie verbindet, ist nicht mehr die Liebe, sondern die Routine, die Handgriffe und Bewegungen, das Ausbleiben von Antworten, das eben auffällt. Georges kümmert sich um Anne, weil er es sich nicht anders vorstellen kann. Er pflegt sie aus dem selben Antrieb herausheraus, aus dem sie weiterlebt. Ein Leben ohne sie kann er sich genauso wenig vorstellen, wie sie sich ihren eigenen Tod. Nur, weil man als alter Mensch vom Tod redet, heißt das ja nicht, dass man auch soweit ist.

Annes zunehmend sich verschlechternder Zustand ist eine Herausforderung, auf die Georges mit einer Veränderung der Routine reagieren muss. Ich sehe keine Liebe in seiner Fürsorge, sondern – Fürsorge. Das erklärt auch Georges’ Ohrfeige und seine Frustration darüber, dass Anne eben keine Kraft mehr hat, Routine am Laufen zu halten.

Am beeindruckendsten war für mich Georges’ Unterhaltung mit seiner Tochter Eva (Isabelle Huppert). Sie kommt unangemeldet vorbei, macht sich Sorgen und möchte nach ihrer Mutter sehen. Georges ist darüber nicht begeistert. Er kann sich nicht auf ihren Besuch vorbereiten, kann nicht mehr verbergen, dass Anne längst aus der täglichen Routine ausgeschert ist und es an seinen Kräften zerrt, sowohl diese als auch Anne am Leben zu erhalten. Eva macht ihm vorwürfe, dass sie sich keine Sorgen machen dürfe. Aber Georges reagiert empört darüber. Sie habe inzwischen ihr Leben und nun solle sie ihren Eltern auch das ihrige lassen. Keine Freude über Kinder oder Enkel, die man bei den Alten ja quasi immer voraussetzt (und die einem die Apothekenrundschau suggeriert), dass das doch jetzt der neue Lebenssinn sein müsse, wenn alles andere sich ablöst. Vielleicht ist das die dramatischste, die wahrhaftigste Aussage im Film, dass es nicht notwendigerweise diese Bande gibt, geknüpft durch Familie oder Liebe oder was auch immer. Die Zeit löst diese Verbindungen wieder auf, so dass andere Prioritäten im Vordergrund stehen. Georges macht Eva hier klar, dass sie nicht aufgrund von sentimentalen Gefühlen herkommen müsse. Es geht sie eigentlich nichts an.

Und vielleicht ist der Moment, wenn Georges Anne mit dem Kissen erstickt dann auch keine Sterbehilfe, keine Erlösung, die es im Universum von Haneke ja sowieso nicht gibt, nicht geben kann, sondern die Wiederherstellung der Routine. Und es funktioniert ja: am Schluss verlassen sie zusammen die Wohnung.

———————————————————————————————

Von Menschen und Räumen
Von Philipp Fust

Was macht William Friedkins The Exorcist zur eindringlichen Schauermär? Die Masturbation mit einem Jesuskreuz und das Fratzenspiel der vom Teufel besessenen Regan sind offensichtliche Gründe. Doch darüber steht eine bedeutsame Komponente: Jene der Eingeschlossenheit. Besessen ist nicht nur das junge Mädchen, sondern das ganze Haus, welches mit ihr quasi assimiliert und ähnliche Narben davonträgt, wie sie selbst auch. Wenn sich während des Exorzismus’ ein Riss durch die Decke zieht, werden nicht nur die gewaltigen Auswirkungen der Prozedur eindrucksvoll versinnbildlicht, sondern auch die desaströse Macht der Entität demonstriert.

Eingeschlossen bedeutet hier nicht, dass keine Möglichkeit zur physischen Flucht bestünde. Weder ist die Haustüre verriegelt, noch sind die Fenster verbarrikadiert. Eine Flucht würde bedeuten das Mädchen sterben zu lassen. So ist besonders die Mutter gefangen an diesem Ort, der in seiner Inszenierung einen Blick in die Ferne unmöglich macht und damit im Vornherein jeden Anflug an Hoffnung kläglich verenden lässt. Alles findet an diesen Ort zurück. Und man wird mir zustimmen, dass der Weg zu Regans Zimmer zu den nervenzehrendsten Metern der Filmgeschichte zählt. Wenn sich die Kamera vorantastet und entmenschlichte Schreie aus dem Zimmer hallen, wird jeder Meter zur Tortur – und das Haus zum Resonanzkörper jedes einzelnen Lauts.

Als Betrachter ist man Teil eines Kammerspiels, bei dem der Blick unentwegt gebremst wird – von Decken, Wänden und Vorhängen. Die Raumerfahrung ist durch expressionistische Stilmittel wie Schattenspiele und Tiefenunschärfen albtraumhaft in ihrem Ausmaß, stetig wird ein Level an Unbehagen aufrecht erhalten. Momente des Durchatmens, welche Bestandteil vieler Horrorfilme sind, werden zum trügerischen Moment eines falschen Versprechens und das Zwischenhirn wird wenige Momente später erneut überstimuliert. André Bazin schreibt diesbezüglich vom räumlichen Realismus und setzt jenem den Expressionismus gegenüber, der seiner Ansicht nach den Realismus zerstöre und die natürliche Einheit des Raumes auflöse. Ist es unter anderem besagte Auflösung, die ein Unwohlsein auslöst?

In Michael Hanekes Liebe scheint diese Frage von Bedeutung zu sein. Der Film spielt, bis auf wenige Minuten während der Exposition, die ganze Zeit über in einem alten Pariser Appartement und das Drama um die Themen Alter, Krankheit und Tod gewährt einem auch in diesem Falle keine Möglichkeit zur Flucht; weder vom Raum noch von einer Sache, mit der sich jeder Mensch früher oder später auseinandersetzen muss. Und tatsächlich wirkt der Film stellenweise abstrakt, was aber nicht bedeuten soll, dass sich Haneke in der Inszenierung verzettelte. Eher widersprechen die eben angesprochenen Themen einer pragmatischen Denk- und Handlungsweise und da ist es nicht weiter verwunderlich, dass Traumsequenzen und Halluzinationen im sonst so nüchternen Erzählstil einen Platz einnehmen.

Im Traum tritt Georges (Jean-Louis Trintignant), der Ehemann der todkranken Ann (Emmanuelle Riva), hinter die Wohnungstüre, die praktisch die ganze Zeit über verschlossen bleibt und nur bei Besuch einen wagen Blick nach Außen ermöglicht. Er wandert dann gar in den Gängen des Hauses umher. Und auch hier bricht die Realität über den Träumenden auf drastische Weise herein, inszeniert in einer wahrhaftig unheimlichen Szene, in der Georges knöcheltief im Wasser steht und urplötzlich die Hand seiner Frau von hinten aus dem Dunkeln über sein Gesicht greift. Es manifestieren sich Angst und Abhängigkeit, die sich der Liebe unterordnen, aber auch ein Teil ihrer sind. Spätestens hier wird klar, dass bloße Worte an ihre Grenzen gerieten und der Schritt in einen psychischen Überraum gemacht werden musste. Der subkognitive Apparat, an sich ein personifizierter Raum im Kopf eines jeden der nach außen hin verschlossen ist, wird offen gelegt, aber keinesfalls exerziert. Es wird lediglich das Unsagbare gezeigt, weil Begriffe fehlen.

Hanekes Erzählung beginnt mit dem Tod. Man sieht Anns Leiche auf dem Bett liegen, um ihren Kopf herum sind Blumen gereiht. Er nimmt das Ende vorweg, macht kein Geheimnis über den Ausgang einer Serie an Schlaganfällen, missglückter Operation an der Halsschlagader und daraus resultierender halbseitiger Lähmung. Während des Films sieht man die meiste Zeit über wie Ann von ihrem Mann versorgt und gepflegt wird und ihr Zustand sich nach und nach verschlechtert. Gegen Ende ruft sie immerzu „Hilfe!”; eine Pflegerin meint, das sei ein Automatismus. Georges ist mit der Situation immer mehr überfordert. Man erfährt im Verlauf, dass Ann Klavierlehrerin war. Ein alter Schüler, bei dessen Konzert George und Ann zu Beginn des Films in den Zuschauerreihen saßen, kommt zu Besuch und ist über ihren Zustand schockiert. Selbiges ist auch ihre Tochter Eva (Isabelle Huppert), die ihren Zustand nur schwer ertragen kann. Man solle sie in einem Pflegeheim unterbringen, sagt sie; zwar nicht direkt, doch umschreibt sie es zumindest. Er jedoch verweigert diese Handlung da er ihr versprach, sie nicht in ein Krankenhaus oder Pflegeheim zu verfrachten, wie er es ausdrückt. Er hält sein Versprechen bis zuletzt, begeht aber letztendlich aus Liebe eine verzweifelte Tat.

Haneke widmet den einzelnen Szenen viel Zeit. Minutenlang verweilt die Kamera, wenn Georges Ann füttert, ihre Hand hält, mit ihr zusammen ein Lied singt. Zu keiner Sekunde verheddert sich Haneke aber in Sentimentalitäten. Musik im Film gibt es keine, außer, es spielt jemand Klavier oder die Stereoanlage läuft. Im Zentrum stehen die Menschen und der Raum, der sie umschließt, der Teil dieser Geschichte ist und zu eben jener wird, wenn langsame Schwenks über Bücherregale, Bilder und Tonträger das Leben des alten Ehepaares reflektieren. Und irgendwie hat man den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben. Man ist Zeuge vergangener Momente, angesammelten Wissens, konservierter Relikte, die nicht nur Zeitzeugen eines zweisamen Lebens sind, sondern Vergänglichkeit symbolisieren. Und am Schluss bleiben nichts als leere Räume.

Was Traum und Wirklichkeit ist, verliert letztendlich an Bedeutung. In einer letzten Wahnvorstellung verlässt Georges mit Ann, die längst tot ist, die Wohnung. Wohin er geht oder was mit ihm geschieht, das sieht man nicht, die Szene deutet aber auf einen Selbstmord hin. Zuvor fängt er eine Taube, die sich in die Wohnung verirrt hat. Er schreibt Briefe, in denen er berichtet, er habe das Tier wieder frei gelassen. Vielleicht symbolisiert die Taube seine Frau, die er aus der Gefangenschaft ihres paralysierten Körpers befreite. Seine Art der Konfrontation offenbart sich als ein Gemengelage aus Traum und Wirklichkeit, aus Gesprochenem und Unausgesprochenem in einer Situation, die man sich schwerer kaum vorstellen kann: Eine geliebte Person wird schwer krank und man kann nichts dagegen tun.

Eindrucksvoll gespielt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant hinterlässt einen das Werk nachdenklich. Jeder Appell über richtig und falsch im Leben fehlt gänzlich, was sehr angenehm ist. Es geht zu keiner Sekunde darum, sein Leben in Saus und Braus oder auf eine bestimmte Art und Weise zu leben. Im Mittelpunkt steht ganz klar die Frage, was Liebe ist, wie weit sie reicht, was mit ihr einhergeht und wie wichtig loslassen ist. Haneke inszenierte seinen Film, der zu Recht mit der Goldenen Palme 2012 geadelt wurde. Wie schon in Das weisse Band und Die Klavierspielerin konsequent, aber keineswegs plump provokant, mutig, aber zu keiner Zeit schockierend. Und er war sich seiner Sache wohl überaus sicher, so wohl überlegt erweist sich die Kadrage. Er integriert den Raum mit in das Spiel, wie er es in vielen seiner anderen Filme getan hat. Er erlaubt keine Flucht und verwehrt den Blick am Geschehen vorbei. Und obwohl man hinsehen soll, ist Mitgefühl oder Trauer unerwünscht. Es ist so, wie es ist. So formuliert es an einer Stelle auch Georges. Wir sind Mensch, wir leben und sterben, wir lieben und trauern und was am Ende bleibt sind Erinnerungen.

Liebe (OT: Amour), Frankreich/Deutschland/Österreich 2012, 127′
Regie & Drehbuch: Michael Haneke
Kamera: Darius Khondji
Besetzung: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud
Verleih: X Verleih
Kinostart: 20.09.2012

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>