Blickwinkel: Just The Wind

skw_JUSTTHEWIND_05Die mittlerweile sechste Cinematheks-Staffel startete mit dem bedrückenden Spielfilm Just The Wind. Der Film begleitet eine in Ungarn lebende Roma-Familie einen ganzen Tag lang. Deutlich werden hierbei nicht nur ihre ärmlichen Lebensbedingungen, auch die permanente Bedrohung des nackten Lebens ist deutlich zu spüren:  Eine anhaltende Mordserie an Roma-Familien in umittelbarer Umgebung wift einen düsteren Schatten der dauernden Angst auf die Figuren. Die zwei folgenden Blickwinkel zu Just The Wind beschäftigen sich mit der Perspektive der Kamera und mit dem symbolträchtigen Charakter der Füße.

 

Nähe und Distanz

von Kristina Scholz

Die ersten Bilder des Films zeigen eine Wiese mit einer dahinter untergehenden Sonne, bald darauf sehen wir einen Jungen mit freiem Oberkörper durch die Landschaft ziehen. Diesen ersten Momenten des Films schließen sich Bilder von im Bett liegenden Körpern an – die Kamera gleitet über die nackten Beine und Arme hinweg.

Nach dieser Heranführung der Kamera an die Hauptfiguren des Films, scheint die Kamera in den folgenden Szenen beinahe an den Figuren zu kleben. Ob nun der Blick auf die Beine, Nahaufnahmen des Gesichts, oder der begleitende Blick auf die sich bewegenden Figuren – man hat das Gefühl, zu nah dran zu sein, keinen Überblick über das Gesamtgeschehen einer Situation zu bekommen. Es scheint, als würde die Kamera hiermit den beschämten Blick nach unten der beiden Frauen der Familie nachahmen. Hinzu kommt eine oft wackelige Kamera, die immer mal wieder in Unschärfen verfällt.

Der Blick des Zuschauers ist durch diese Nähe und Unruhe irgendwie gefangen im eingeschränkten Bild der Kamera (wobei der Blick durch die Kamera ja immer schon eine Rahmung ist). Dieses Gefühl der Gefangenheit erzeugt ein unwohles Gefühl, eine bedrückende Stimmung, sehnt man sich doch die meiste Zeit des Films nach einem geöffneteren, freieren Blick.

Durch dieses entstehende Gefühl der Beklemmung wird aber ein sehr entscheidendes Thema des Films transportiert:  Schließlich sind die unwürdigen Lebensbedingungen und die permanente Lebensbedrohung der Hauptfiguren ebenso beklemmend und einschränkend.

Allein der jüngste der Familie, der permanent herumstreunernde Junge Rió, ist immer mal wieder in der Halbtotalen zu sehen. Oft bewegt er sich von einem anfangs sehr nahen Bild durch sein Fortschreiten in den Wiesen und Wäldern scheinbar von der Kamera weg, als würde er sich von ihr als Einziger lösen können. Tatsächlich ist er aber auch derjenige, der sich noch am freiesten bewegt, hat eine ganz andere Körperhaltung, einen offenen Blick. Tatsächlich ist er aber auch der jenige, der am wenigsten unter den repressiven Systemen in denen sich Mutter und Schwester bewegen (etwa der Job oder die Schule) zu leiden hat. Rió geht einfach nicht zur Schule, richtet stattdessen einen Notfall-Bunker für die Familie im Wald ein. Über die Entfernung und die Position der Kamera wird also scheinbar ein Stimmungsbild der jeweils gezeigten Figur vermittelt.

Die beschränkten Blickwinkel auf die Figuren und die daraus resultierende Unklarheit über die einzelnen Situationen reflektieren neben der Unsicherheit und Angst der Hauptcharaktere aber auch das Gefühl, dass etwas ausgelassen wird, dass da etwas im Bereich des Nicht-Sichtbaren ist und dadurch nicht greifbar wird – womöglich die permanente Bedrohung durch rassistisches Gedankengut.

 

Unten

von Henrik Götte

Das schönste Schuhwerk tragen die Toten. Aufgereiht auf drei Seziertischen in der Leichenhalle liegen sie der Größe nach aufgereiht und haben sogar Socken an. Weiße, saubere Socken. Und saubere Schuhe, bunt, bunter als nötig, kitschig, die Frauen mit hohem Absatz. Einige Zeit vorher noch, tummelten sich diese Füße gemeinsam unter der Decke und versuchten Ruhe zu finden, sich von den Strapazen des alltäglichen Kampfes ums Überleben zu erholen und einzuschlafen.

Für Wesen der Gattung Mensch, die mehr oder minder aufrecht gehen, sind Füße von zentraler Bedeutung. Einfache Werkzeuge, die helfen Distanzen zu überwinden und die einfachsten Aufgaben zu erledigen. Normalerweise bemerkt man seine Füße nicht und nimmt sie kaum wahr. Senkt sich aber der Kopf beim aufrecht gehen, schwenkt der Blick auf den Boden und man kann seinen eigenen Füßen bei der Arbeit zusehen. In Csak a Szél sind viele Köpfe auf den Boden gesenkt.

Die Überwindung von Distanzen zu Fuß hat jedoch ihre Grenzen. Von Ungarn nach Kanada wird man nie zu Fuß kommen, schon der Gang in die nächste Stadt ist mühsam und langwierig. Dafür erfand der Mensch Busse und Bahnen, die jedoch müssen auch halten wenn man auf sie wartet, sonst ist man wieder auf Gehen angewiesen und sei es bloß, um den Bus hinterher zu rennen. Dass aber der Weg vom Wohnhaus im Wald zur Stadt nie zu Fuß zurückgelegt wird, verweist vor allem auf die soziale Grenze, bei der Füße ein höchst unwirksames Werkzeug sind.

Das Schuhwerk der (noch) Lebenden ist eher provisorisch. Müde Füße zwängen sich früh morgens in ausgelatschte Sandalen. Der Tag beginnt. Socken sind in den heißen Sommertagen ohnehin überflüssig. Rió steigt in seine orangen Badelatschen bevor er zu Freunden geht, Playstation spielen. Und auch hier tummeln sich Füße, die meisten nackt und schmutzig. Zum Playstation spielen benötigt man keine Schuhe. Später findet Rió einen alten Autoreifen und treibt ihn vor sich her. Energisch tritt er mit seinen orangenen Latschen immer wieder gegen den Reifen. Eigentlich ist er und seine Familie der Reifen. Getrieben durch Tritte, immer am wanken, unmöglich die Laufrichtung selbst zu bestimmen und geht es bergab, nimmt der Reifen erst richtig Fahrt auf, bis er vergessen irgendwo liegen bleibt.

Aber Rió versucht sich gegen das Schicksal zu wehren, er will noch nicht seine schönsten Schuhe anziehen, er weiß, dass seine Füße seine beste – und vielleicht einzige – Möglichkeit sind, zu überleben. Zumindest vorerst.

Czak a szél, Ungarn/Deutschland/Frankreich 2012, 98’
Regie & Buch: Benedek ‚Bence‘ Fliegauf
Kamera: Zoltán Lovasi
Darsteller: Lajos Sárkány, Katlin Toldi, Gyöngyi Lendvai
Verleih: Peripher
Kinostart: 18.7.2013

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