Blickwinkel: Her

In Her, Spike Jonze‘ neuestem Film, verliebt sich Theodore (Joaquin Phoenix) in ein intelligentes Operating System (iOS). Nicht nur, dass seine Siri von Scarlett Johansson gesprochen wird, was die Sache sicherlich vereinfacht, sie lernt auch schnell, erkennt seine Bedürfnisse, hört ihm zu und ist immer für ihn da. Das hört sich nach der perfekten Liebesgeschichte an? Wir haben ein paar Meinungen dazu:

Be right back
von Florian Krautkrämer

Martha verzweifelt am Unfalltod ihres Freundes Ash. Bei der Beerdigung erzählt ihr eine Freundin von einem neuen Dienst, der den Trauernden e-Mails der Verstorbenen schicken kann. Eine Software analysiert die digitalen Spuren, die der Tote hinterlassen hat, Mails, Einträge in sozialen Netzen etc., und schreibt daraufhin authentisch wirkende Nachrichten, um den Hinterbliebenen Trost zu spenden. Gegen Aufpreis und der Bereitstellung aufgezeichneter Anrufe und Videos, können diese Nachrichten noch echter wirken und auch per Sprache über das Telefon kommen. Selbst Unterhaltungen werden möglich.

Es kann gut sein, dass diese kleine, nicht mal eine Stunde lange Episode der grandiosen britischen Mini-Serie Black Mirror (Episode 1 der zweiten Staffel, Titel: Be right back) als Inspiration für Her diente, gelernt hat Spike Jonze daraus nichts. Das iOS in Her dient der Technikkritik, in naher Zukunft wird man Ähnliches programmieren können und dann wird sich die autistische Gesellschaft gänzlich in ihre Technik verlieben und jede und jeder wird mit dem Handy ausgehen, anstatt mit anderen Menschen. Die andere, ebenso simple Message ist, dass man die Vergangenheit überwinden muss, um unbeschwert in der Gegenwart leben zu können. Theodore muss seine Ex-Frau vergessen, um offen für Neues zu sein. „The past is just a story we tell ourselves.“

Be right back trifft hier mehr den Punkt, auch weil die Technikkritik nicht so im Vordergrund steht. Sicher, der Dienst, der Ash virtuell wieder zum Leben erweckt, bedient sich der digitalen Hinterlassenschaften, wird nur aufgrund der sozialen Digitalverschmutzung möglich, die jeder von uns hinterlässt. Aber das Versinken in der Vergangenheit kann auch analog ein Problem sein. Die Gegenwart gibt es nur zum Preis der Vergangenheit, aber wie viel man davon mitschleppt, und wie präsent sie ist, damit muss jeder selbst umgehen. Nur, sie sich neu zu erzählen, das führt nicht weiter.

Be right back (Black Mirror, S02E01)

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Warten auf den Schnips
Von Philipp Fust

HER_FACEErfolglos versucht mich eine wonnige Melodie im Abspann zu erweichen. Denn nicht einmal in seinen finalen Momenten schafft es Her, sich von seiner überstreckten Kaugummi-Melancholie zu befreien. Bis zuletzt feiert er sich selbst, frenetisch-reduziert, mit vollem Ernst, den er niemals bricht oder überspielt, mit überbordender Zuneigung für sein zentrales Protagonistenpaar: Joaquin Phoenix, trotz Nerdschnauzer verheerend attraktiv, frisch geschieden und seelisch kompromittiert, in seiner Rolle als Theodore, ein einsamer Profi für käufliche Liebespost. An dessen Seite, irgendwo im Äther schwimmend, seine stimmgewaltige Schnittstelle, Scarlett Johansson, Produktname Samantha, ein fühlendes, ja gar orgasmusfähiges Liebesprogramm, das – von „die“ kann ja kaum die Rede sein – ihn mit einer tiefrauchigen Bariton-Röhre, zunächst zu seinem Wohlgefallen, aus der hormonellen Umlaufbahn wirft, hinaus in neue emotionale Sphären. Komplikationen sind da sprichwörtlich Programm. Leider gilt dies auch für den Film an sich.

Fast schon erstarrt dieser, an seiner immens gedrosselten Erzählgeschwindigkeit, an seinen Loops, die er vollführt, ob im inflationären Einsatz von allzu ernsten und wenn heiteren, dann allzu gewichtig-heiteren Gesichtern, die in Großaufnahmen in die Raumgegend glotzen oder den überstylten romantischen Kaleidoskopien, inszeniert im Kreisel- und Statikmoment der Kamera, deren Linse ab und an ein Lichtbad nimmt, unterlegt von zaghaften, behäbig modulierten Klängen einer Musik, die sich hineinspielt in das Bild und den Rhythmus der Erzählung, zäh, wie der berühmte Bergin’sche Pechtropfen, der alle Jahre einmal fällt, worauf das Warten wieder von vorne beginnt.

Und so wartet man vergeblich, bis der gelegentlich doch ganz schön verträumte Film seine Selbstverliebtheit aufgibt, darauf, dass er irgendwann stolpert, über seine Elegie und ob es doch siegt, das Fleisch und Blut der hübschen Amy, die man dann doch berühren kann, kontrastiv zur virtuellen Liebschaft, die, so attraktiv sie auch klingen mag, doch nicht das Wahre ist, denn, wer hätte das gedacht, das Netz ist alles nur kein intimer Ort für Zweisamkeit. Und auch wartet man, einmal mehr umsonst, auf den Fingerschnips, der die Erlösung bringt, der einen herausholt aus diesem harzigen Fluss der Wichtigkeiten und der das symbolisiert, was den Film hätte retten können: „ganz so ernst meinen wir es nicht“.

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Zurück in die Zukunft
von Jennifer Ament

„Play melancholy song“, murmelt Theodore vor sich hin und gibt seinem kleinen Alleskönner-Gerät – bestehend aus Earpiece und aufklappbarem Mini-Bildschirm – den Musikwunsch durch. Um ihn herum kommunizieren zahlreiche Menschen genauso mit ihren klugen Geräten, sei es in der U-Bahn oder im Fahrstuhl. Eigentlich keine große Veränderung zu unserer Alltagswelt, in der manch einer förmlich am Smartphone klebt. Die Zukunftsvision in Her entfernt sich generell nicht allzu weit von der Gegenwart und zeigt statt abenteuerlicher Neudefinition vielmehr ein logisches Weiterdenken. Bildschirme sind zwar weiterhin essenziell, aber die Tastatur dazu ist merklich abwesend und in der Wohnung geht das Licht beim Betreten eines Raumes automatisch an. Mittels Sprach- oder Bewegungssteuerung wird die physische Präsenz von Technologie auf ein Minimum reduziert, sie wird weniger sichtbar und gleichzeitig intuitiver. In vielerlei Hinsicht geht der Film auf dem Weg in die Zukunft auch einen Schritt zurück. Die Hemden werden in Hosen mit hohem Bund gesteckt, Hornbrille und Schnauzer sind wieder in, das Büro ist geprägt von farbigen Plexiglaswänden und Theodores Wohnung könnte auch ein Second-Hand-Shop für 70er Jahre Lampen sein. Trotz dieses markanten Retrolooks wirkt das Gesamtbild zeitlos, vielleicht auch weil wir wissen, dass in Mode und Design alles irgendwann ein Comeback feiert.

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Während durch Production Design und Kostümbild eine eigene Welt kreiert wird, verläuft ausgerechnet die Liebe zwischen Mensch und OS so vorhersehbar und konventionell wie „normale“ Beziehungen in jedem zweiten Liebesfilm. Erst geht es nur um Sex, ohne Interesse an einer festen Beziehung, dann ist es plötzlich doch die große Liebe. Romantische Ausflüge und Momente des Glücks werden klassischer Fehlkommunikation und Momenten des Zweifelns gegenüber gestellt. Und die immer präsente Befürchtung, Samantha werde irgendwann über Theodore hinauswachsen, ist letztendlich auch nur eine spezielle Form des Auseinanderlebens. Bis auf die Tatsache des fehlenden Körpers gibt es also kaum Unterschiede zum Standard-Ansatz. Das kann man natürlich als Aussage verstehen, dass sich auch bei den seltsamsten zukünftigen Beziehungsformen im Kern nichts ändern wird, aber ist das nicht irgendwie zu einfach? Langweilig ist es auf jeden Fall. Bleibt nur die Hoffnung, dass es beim nächsten Spike Jonze wieder origineller wird. In diesem Sinne: „Play different melancholy song.“


Her, USA 2013, 126′
Regie & Drehbuch: Spike Jonze
Produzenten: Megan Ellison, Spike Jonze, Vincent Landay
Kamera: Hoyte Van Hoytema
Schnitt: Jeff Buchanan, Eric Zumbrunnen
Musik: Arcade Fire
Production Design: K.K. Barrett
Costume Design: Casey Storm
Besetzung: Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams, Rooney Mara, Olivia Wilde
Verleih: Warner Germany
Kinostart: 27.03.2014

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