Blickwinkel “Giovanni’s Island”

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Zu guter Letzt im Blickwinkel ein Geheimtipp: Giovanni’s Island von Mizuho Nishikubo.

 

Kindliche Perspektive
Von Andrea Abeln

1945, Shikotan: Eine kleine, japanische Insel, die sich in der direkten Nachkriegszeit nicht nur als Teil eines geschundenen Landes in der Position des Kriegsverlierers befindet, sondern auch in
direkter Berührung mit den feindlichen Besatzern steht. In Giovanni’s Island wird Shikotan aus der kindlich-naiven Sichtweise zweier Brüder, Junpei und Kanta, als zunächst sichere Heimat und romantisiert-naturverbundener Ort dargestellt, der sich mit den unmittelbaren Folgen des Krieges konfrontiert sieht.

Während das Thema des Zweiten Weltkrieges bereits oft als besondere Herausforderung angesehen wird, hebt die Darstellung der Kriegserlebnisse aus kindlicher Perspektive nicht nur den Schwierigkeitsgrad, sondern auch die ausgelöste Dramatik häufig zusätzlich an.

Giovanni’s Island zeigt nicht nur stets auf neue die imaginierte Traumwelt der Galactic Railroad, welche einem tatsächlichen, japanischen Fantasyroman entstammt und in welche sich die Kinder regelmäßig flüchten, sowie typische Situationen des Heranwachsens, wie beispielsweise alltäglicher Schulunterricht oder die erste anfängliche Verliebtheit. Diese unbeschwerten Szenen
lassen die fremdartigen und bedrohlichen Veränderungen, welche durch den Krieg entstehen, noch drastischer erscheinen: Einschränkungen in Wohnraum und Nahrungsmitteln, sowie das Eindringen der russischen Besatzer, was nicht nur eine fremde Sprache und Kultur, sondern auch geladene Waffen bedeutet.

Die kindliche Perspektive funktioniert zudem nicht nur inhaltlich: Besonders in unheimlichen, bedrohlichen Situationen werden beispielsweise die erwachsenen Soldaten in fast monochromem Grau dargestellt, sowie aus dem Blickwinkel der Kinder: Man scheint stets zu den Erwachsenen hinaufzublicken und sich auf Augenhöhe von Junpei und Kanta zu befinden, auf deren Erinnerung basierend die Geschichte erzählt wird. Diese düsteren, undurchsichtig gestalteten Szenen sind zudem häufig im direkten Wechsel mit den genannten, fröhlich konnotierten Situationen zu sehen, sodass ein noch härterer Kontrast entsteht.

Die erwachsenen Personen geben eine weitere Sichtweise auf die dortige Kindheit: Während dem Vater der Brüder stets mit Haltung und Respekt begegnet wird und dadurch eine gewisse Distanz entsteht, tritt die Lehrerin Sawako als eher mütterliche Figur in Erscheinung. Während sie sich einerseits ohne nachzudenken zwischen ihre Schüler und die angelegte Waffe der russischen Soldaten stellt und immer wieder den Fokus der Kinder auf z.B. die alltägliche Ordnung des Unterrichts zu lenken versucht, ist sie dennoch bemüht, ehrliche Antworten zur gegenwärtigen Situation zu geben. Besonders ihr Charakter überzeugt durch den Wunsch, die Balance zwischen dem Umgang mit der eigenen Angst, welche immer wieder sichtbar wird, und ihrer Vorbildfunktion für die Kinder, sich bestmöglichst mit der Situation zu arrangieren, aufrechtzuerhalten. Dieses Ziel verfolgt ebenso Hideo, der Onkel von Junpei und Kanta: Auf eine nicht immer passend erscheinende, wenn auch konsequente Art speziellen Humors präsentiert er sich immer wieder als „indestructible wandering crow“ und scheint die Bedrohungen stets als lösbare, wenn auch schwierige Aufgaben zu betrachten – ein weiterer Versuch seitens der Erwachsenen, es den Kindern leichter zu machen und ihnen vorzuleben, dass Verzweifeln keine Option ist.

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Umgang mit Geschichtswissen
Von Sabrina D. Seal

Juli 1945: Die Brüder Junpei und Kanta leben mit ihrem Vater, Onkel und Großvater auf der Insel Schikotan. Kurz nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg fällt die Rote Armee auf der Insel ein und verändert das Leben der Bewohner grundlegend. Junpei und Kanta schließen allerdings mit Tanya, der Tochter eines russischen Soldats, Freundschaft. Noch bevor die Geschichte ein halbwegs glückliches Ende nehmen kann, werden alle Inselbewohner deportiert und finden sich nach einer langen Schiffsreise auf russischem Territorium wieder. Erst nach über 50 Jahren können die Überlebenden zu ihrer Heimat zurück, auf die Insel Schikotan.

Der Film startet nach dem Intro mit dem 4. Juli 1945. Das Datum wird sowohl gesagt, als auch eingeblendet. Zu dieser Zeit ist der Krieg in Deutschland vorbei, jedoch nicht in Japan. Im weiteren Verlauf gibt es einen Fliegeralarm, die Inselbewohner retten sich in die Luftschutzbunker. Brandbomben fallen auf eine benachbarte Insel. Der 18. August 1945, wieder wird das Datum eingeblendet und gesprochen. Eine Radioansprache verkündet, dass der Krieg in Japan verloren ist, sogar im O-Ton der wirklichen Rede. Allerdings werden die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6.8. und am 9.8.1945 vollkommen ausgelassen. Nach der Verkündung der Niederlage gibt der Großvater der Brüder zu bedenken, dass nun die Amerikaner auf der Insel einfallen werden. Doch es sind nicht amerikanische Soldaten, die auf die Insel kommen, sondern die Rote Armee. Die Inselbewohner sind sichtlich überrascht. Dies begründet sich in der Tatsache, dass bei der Konferenz von Jalta vom 4.2. bis 11.2.1945 zwischen den Alliierten eine Geheimabsprache getroffen wurde, von der Japan nichts wusste. Dabei verpflichtete sich die Sowjetunion, spätestens drei Monate nach der deutschen Kapitulation, den Krieg gegen Japan zu eröffnen. Im Gegenzug sollte die Sowjetunion unter anderem die Kurilen erhalten. Dazu gehört auch die Insel Schikotan, um die es in dem Anime geht.

Allerdings war 1875 im Vertrag von Sankt Petersburg, den sowohl die Sowjetunion als auch Japan unterzeichneten festgehalten, dass Japan die Kurilen erhält und im Gegenzug auf seine Territorien auf Sachalin verzichtet. Somit betrachtet Japan die Beschlüsse der Konferenz von Jalta als nicht gültig. Aus diesen Verstrickungen resultiert der Gebietsstreit um den Inselbogen der Kurilen, der noch lange Jahre anhielt. Mit dem Angriff der Sowjetunion auf Japan wurde außerdem der Neutralitätspakt, der zwischen den beiden Ländern am 13.4.1941 geschlossen wurde, gebrochen.

Giovanni’s Island wird aus dem Blickwinkel des kleinen Jungen Junpei erzählt. Daher ist es verständlich, dass der Krieg zwar thematisiert, jedoch der konkrete Verlauf dessen ausgespart wird. Es werden wenig tatsächliche Gegebenheiten im Film integriert, wie beispielsweise die Radioansprache, hier allerdings in genauem Wortlaut. Auch Gewalt und Darstellungen grausamer Nachkriegszustände erschließen sich lediglich durch Andeutungen, zum Beispiel als der Großvater gegenüber den Brüdern erwähnt, dass mit dem Einfall der amerikanischen Truppen auf der Insel Frauen und Kinder als Männer verkleidet werden müssten. Auffällig ist, dass immer, wenn etwas schlimmes passiert, Hideo ein Geschenk für die Brüder hat. Die Kinder und auch die Zuschauer werden dadurch vom Bösen, was um sie herum passiert, abgelenkt und in eine fantastische heile Welt geführt.

Da die Geschichte hauptsächlich über Gefühle transportiert wird, ist sie universell verständlich. Um jedoch auch den geschichtlichen Hintergrund des Films zu verstehen, benötigt der Zuschauer allerdings mehr Wissen, als oftmals an Schulen über den Zweiten Weltkrieg gelehrt wird. Dabei ist es legitim, dass der Film nicht auf die tatsächlichen Begebenheiten eingeht und dabei verschweigt, welch schlimme Kriegsverbrechen auch auf der Seite Japans begangen wurden. Aus der Sicht eines Kindes erzählt ist Giovanni’s Island eine Geschichte, die nicht vergessen lässt, dass es bei der Aufarbeitung von Kriegs- und Nachkriegsgeschichten nicht immer nur um die Aneinanderreihung von Jahreszahlen und Daten geht, sondern auch um Einzelschicksale, wie in diesem Fall das der Familie von Junpei und Kanta.

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Real or imaginary limits?
by Marisol Glasserman

Beyond the physical and territorial limits, Giovanni’s Island shows us the limitations of a memory. A traumatic moment for a kid that after the war and the Russian occupation of his home is forced to lose his childhood. His spaces turn delimited, when he has to give away his school, home, and even his island. Nevertheless it is his innocence that he will try not to lose. Through a magic train to a galactic world, Junpei and his brother Kanta travel to a fantasy universe, where limits do not exist, where their tickets can take them anywhere they want to go.

Nishikubo’s film tells us the story about a little Japanese boy, Jumpei, on Shikotan island after second world war. Accompanied by his best friend, his brother Kanta and his teacher, the only adult
who can really understand him, Jumpei will embark on a terrible journey through the harsh reality of postwar times. With time he will get to know the new inhabitants of the island and even fall in
love with his Russian neighbor. But like any other war story the end of this journey will not be very happy. Starting with a boat journey, Jumpei returns to Shikotan many years later, with a simple
dialog we are introduced to his memories. Now we see the world as he used to. 10 Year old Jumpei is underwater with Kanta, and for them Shikotan, more than anything, is a playground. The sometimes
too bucolic representation of the island gives us a hint of what’s coming. Minutes later we learn that island has been occupied. Abruptly changing the daily life of its inhabitants, an indefinite line is drawn between the two cultures.

When the troops arrive, Jumpei doesn’t expect everything to change so quickly, but as he goes to school he’s abruptly forced out of his classroom which is now used for the Russian kids. Once home he realizes that he can’t get inside. Suddenly lines who didn’t use to exist now separate spaces. These are not only walls, but intangible lines that disrupt normality. The limits that separate these two cultures are redefining themselves all the time. Two classrooms divided by a wall, singing at the same time. At first they try to be louder than one another, they are just noise together, but one day they make a melody. One day they sing together and the wall, even though still there, seems to fade. These other kids start to have a face and a name, especially Tanya, the little Russian girl who now lives at Jumpei’s house. Infatuated with her, Jumpei’s world starts to open up to these new people. Till one day Jumpei invites Tanya to play with his most precious toy, his train, to cross the borders of their houses, sharing a ride trough the wall that no longer represents a limit.

Jumpei’s train will takes us out off the island with psychedelic images of a fantasy world, which seem to be taken out of a Miyazaki’s film. Impregnated with subjectivity, these images underline Jumpei’s point of view. The film portraits the limitations of Jumpei’s view so well, that sometimes there are things that we, as spectators, do not understand. The lack of explanation and development of the adult world shows us how we are living through a 10 year old kid.

There is no question why Mizuho Nishikubo picked the book “Night on the Galactic Railroad” to represent the fantasy world of Jumpei and Kante. The book, a real classic book for children in Japan, portraits the story about a poor kid who feels oppressed by his surroundings and gets in the galactic railroad to escape his world. But on the contrary the film may be attracting younger audiences, lightens the war thematic using it most of the times as a melodramatic narrative plot and not going deep into it.

Giovanni’s Island tells a story about remembering. Even thought based on real facts, the striking and unique perspective on the events limits the films perception where also the cartoons are rough animated, where noses are not on the right place, where Tanya is the blondest and whitest girl on the island, making us feel we are inside Jumpei’s mind.

All in all the film constructs a new definition of in and out that is constantly changing with Jumpei’s perception of his world, drawing a thin line between reality and fantasy. And although we as spectators can guess the end of the story, the film tries to prove that the final line is not so important as the story itself. In this case, Jumpei’s.

Giovanni’s Island (OT: “Jobanni no shima”), JP 2014, 102′
Regie: Mizuho Nishikubo
Drehbuch: Shigemichi Sugita, Yoshiki Sakurai
Künstlerische Leitung: Kosuke Hayashi, Kunihiko Inaba
Sprecher: Kota Yokoyama (Junpei Senou), Masachika Ichimura (Tatsuo Senou), Yukie Nakama (Sawako), Kanako Yanagihara (Micchan), Yusuke Santamaria (Hideo)
Verleih: Universum Film Home Entertainment
Start (DVD): 20.02.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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