Blickwinkel “Fuku-Chan of Fukufuku Flats”

FUKUFuku-Chan of Fukufuku Flats des japanischen Regisseurs Yosuke Fujita lief hierzulande lediglich auf dem Frankfurt Nippon Connection Festival 2014 sowie Ende 2015 im Rahmen der japanischen Filmtage in Düsseldorf, auf DVD ist der Film in Deutschland ebenfalls nicht erschienen. Grund genug, diesem interessanten Werk ein paar Zeilen zu widmen.

 

Komisch oder doch nur komisch?
Von Laura Piep

Ein Koch verfolgt seine Gäste mit einem Samurai Schwert, weil sie es wagten, zu seinem scharfen Curry Wasser zu bestellen. Ein Mensch wird an einen riesigen Papierdrachen gebunden und winkt, als er in der Luft ist, einem vorbeifliegenden Vogel. Ein Fotograf mit einer Kamera aus gelbem Plastik, die an einen verformten Blumenkohl erinnert, reminisziert verträumt über das eine Mal, als er fünf Stunden lang Erbrochenes angeschaut hat, bis er darin – denn er ist ein wahrer Künstler – Gott gefunden hat.

Diese und weitere seltsamen oder gar surrealen Szenen machen Fuku-Chan of Fukufuku Flats zu einer Offenbarung für diejenigen, die noch kaum Seherfahrung in diesem Genre haben. Die japanische Komödie von Yosuke Fujita, dessen 2008er Debutfilm Fine, Totally Fine bereits für seine charmanten Charaktere vom Rande der Gesellschaft gefeiert wurde, dreht sich um den Fukuda Tatsuo. Der 32-Jährige Anstreicher macht gerne mit seinen Kollegen Späße und auch privat hat er viele soziale Kontakte, während er sich jedoch in Sachen Liebe schwertut. In den Fukufuku Flats, seinem Appartementkomplex, scheinen vor allem Außenseiter zuhause zu sein: Einer seiner Freunde hält sich eine Schlange, ein weiterer ist davon besessen, sich von seinen Sünden zu reinigen. Doch darunter ist eben auch Fukuda, der in seiner Freizeit Papierdrachen bastelt, sorgfältig bemalt und steigen lässt. Als die angehende Fotografin Chiho (Asami Mizukawa) in das Leben des Protagonisten tritt, werden in ihm alte Gefühle wach: In der Schule war er in sie verliebt, doch sie spielte dem Armen übel mit. Nun aber möchte Chiho einen Fotoband von Fukuda machen, denn als sie ihn wiedersah, um ihr Karma wieder gut zu machen, ist ihr sein einzigartiges Gesicht aufgefallen.

Fukuda wird von der bekannten japanischen Komikerin Miyuki Oshima gespielt. Sie ist unter anderem dafür berühmt, alte Männer darzustellen, weshalb in ihrer Besetzung für den heterosexuellen, gutherzigen und geradezu naiv wirkenden Fukuda bereits ein nicht unwesentlicher Aspekt der Komik des Films angelegt sein wird. Aber: ich habe es nicht bemerkt, dass hier mit Transvestitismus gespielt wird. Die Frage könnte also sein: wieviel des Humors geht außerdem noch an mir, da ich von klassisch westlichen Sehgewohnheiten im Film geprägt bin, vorbei? Gleichzeitig aber kann die Unsicherheit, was wirklich komisch sein soll und was für “uns” nur komisch wirkt, bereits ein Moment des Wunderns sein, der eine ganz eigene Faszination ausmacht. Vom Lachen ausgeschlossen zu sein, verstärkt zwar die Fremdheit, aber durch diese Distanz ergibt sich auch ein anderer Blick auf die Konstruktion von (und vielleicht auch eine eigene, ungewollte) Komik.

Yosuke Fujita zeigt neben seinem Interesse an speziellen Charakteren, die er feinsinnig und liebevoll inszeniert, eine große Begeisterung für absurden Situationen. Beispielsweise lädt Fukuda nach dem ersten missglückten Fotoshooting Chiho zum Essen ein, was in einer einzigen Katastrophe endet. Nach nur einem Bissen des zu scharfen Currys stöhnt sie vor Schmerzen (und hört damit für die nächsten drei Minuten nicht auf). Der Koch serviert jedoch prinzipiell kein Wasser zum Curry, und auch Leitungswasser verwehrt er, denn Curry sei Feuer, welches nicht gelöscht werden dürfe. In einer skurrilen Unterhaltung, die immer wieder von Chihos Husten und Wimmern unterbrochen wird, erklärt der Koch, dass sein Curry dafür da ist, um seine Gäste von allen weltlichen Leiden zu befreien. Wie zum Beweis sitzt ein Mann komplett regungslos mit lächelndem Gesicht vor seiner Mahlzeit: er muss wohl erleuchtet sein (oder einfach “high”, wie es Fukuda anmerkt). Nachdem der Streit eskaliert, zückt der Koch sein Samurai Schwert, geht auf Fukuda und Chiho los und jagt sie durch die Straßen. Nachdem ein Polizist den Koch festnimmt, brechen beide lachend zusammen bei dem Gedanken daran, wie verrückt es ist, dass sie beinahe wegen eines Glas Wassers ermordet wurden.

Aber auch ohne so offensichtlich lustig zu sein spricht Fuku-Chan of Fukufuku Flats ernste Themen an, denn: “comedy comes from the pain and sadness you feel in day-to-day life” (Yosuke Fujita). Es gelingt ihm, diese Balance zwischen Tragik und Komik zu finden, indem er die persönlichen dunklen Momente im Leben seiner Charaktere nicht zum Anlass nimmt, über sie zu lachen, sondern mit ihnen zusammen die Absurdität der Welt mit Humor zu betrachten. So hat beispielsweise Fukudas Freund Nonoshita (Asato Iida) so starke psychischen Probleme schizophrener Natur, dass sie in einem physischen Übergriff gipfelt: Er bedroht Chiho bei der Feier zur Veröffentlichung ihres Bildbandes mit einem Messer, und als Fukuda sich heldenhaft vor sie wirft, rammt er es ihm in den Bauch. Als er wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist er bereits eine Berühmtheit. Bei ihrer Depression sei es für sie besonders hilfreich, den Bildband von ihm anzusehen, erzählt ihm eine Frau auf der Straße, die nach seinem Autogramm gefragt hatte. Ob es nun eine Anspielung auf die Absurdität dieses Ruhmes ist oder aber eine ernst gemeinte Wertschätzung von Kunst, die ein Lächeln in das Leben der Menschen bringt? Vielleicht geht es gerade um das Changieren dazwischen.

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Die Normalität des Fuku-Chan of Fukufuku Flats
Von Walter Lamm

Zwei junge Männer stehen sich streitend in einem engen Hausflur gegenüber. Auf der einen Seite ein Ex-Unterhosendieb, der als globale Sündentilgung 600 Tempel in Tokio abklappert, sich von der CIA verfolgt fühlt und nachts aus Herpetophobie (Angst vor Schlangen) mit einem Messer unter dem Kissen schläft, während er im Träumen begriffen seinen Nachbarn durch seine gequälten Schreie den Schlaf raubt und ebendieser Nachbar, der aus Dankbarkeit über ein paar gereichte Taschentücher zur Sphinctersäuberung (Arschabwischen) in Tränen ausbricht und aus Einsamkeit auf engstem Raum mit einer 3-Meter-Schlange kuschelt auf der anderen. Als Vermittler zwischen ihnen: Fukuda (Miyuki Ôshima). Der Mittdreißiger – gespielt übrigens von einer Frau – wiederum vergräbt sich im Drachensteigen und dem peniblen Bemalen von Häuserwänden, nachdem er in seiner Kindheit durch einen fiesen „Streich“ seelisch verkrüppelt wurde. Müsste man die tragikomischen Protagonisten in Fuku-chan of Fukufu Flats, des zweiten Films von Yosuke Fujita, charakterisieren, wäre unter den Adjektiven zuvorderst sicherlich nicht „normal“.

Dabei ist es genau diese vermeintliche Normalität oder eher – Normativität – nach der sie verzweifelt zu streben versuchen. Ständig werden Diskussionen darüber geführt, was normal ist und was nicht: der Irre oder der Schlangenflüsterer? Warum überhaupt eine Schlange? Wäre etwas Flauschiges nicht normaler? Und was soll überhaupt dieses absurd riesige Brötchen? Das unauffällige Eingliedern in die Gemeinschaft, jener Kollektivismus, der Japan traditionell nachgesagt wird, nimmt ein zentrales Motiv ein. Dabei werden etwa die Angst, „das Gesicht vor anderen zu verlieren“, als auch das demütige Herunterspielen eigener Leistungen thematisiert.

In einer Parallelsphäre wird jedoch das Gegenteil gefeiert. Der Geniuskult beklatscht das Un-Normale, das Über-Durchschnittliche. Je absurder und abwegiger etwa das Auftreten und Verhalten des angesehenen Fotografen „The Great Numakura“ ausfällt, desto lauter auch sein Applaus. Die von dieser „genialen“ Besonderheit schwer beeindruckte Hobbyfotografin Chiho Sugiura (Asami Mizukawa) will sich von ihm in die hohe Kunst seines Schaffens einführen lassen, muss jedoch schnell erkennen, dass dieser sie mit seiner selbst hochgelobten Nicht-Normalität nur für seine missbräuchlichen Bedürfnisse benutzen will.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen Kollektivismus und Individualismus versucht der Film jedoch wieder zu entspannen. Er bringt das klar bemessene Magnetfeld zwischen den beiden erzwungenen Polen durcheinander, indem er zunächst mit der Vorstellung des exzentrischen Künstlers, dem individualistischen Genie im Meer von Durchschnittsgeistern, aufräumt. Wer zu abgedreht ist, wird vom Film über kurz oder lang abgeführt und schließlich jedes Mal durch die gemäßigtere Chiho ersetzt.

Zu integriert sollte man jedoch auch nicht sein: Die anpassungs- und eingliederungswilligen Protagonisten des Films lernen im Laufe der Handlung, dass das „Unangepasste“ nichts ist, vor dem sich zwangsläufig gefürchtet werden muss. Dies zeigt sich besonders deutlich in der lustigsten Schlüsselszene, in der die zwei extremen Perspektiven des Kollektivismus und des Individualismus beide ihre Anstrebenswürdigkeit vollends verlieren: Chiho, die Fukuda wegen seiner übergewichtigen Abweichung von der gesellschaftlichen Norm in der Schulzeit so sehr zugesetzt hat, dass er Jahrzehnte danach immer noch versucht, unter keinen Umständen aufzufallen, versucht nun, auch als Teil einer Wiedergutmachung, eine Fotoreihe mit Fukuda aufzunehmen – zunächst vergeblich. Erst als beide einem mordlüsternen Exzentriker-Meisterkoch entkommen, welcher ihnen zuvor ein Glas Wasser zum höllisch scharfen Curry verweigert hat, um „die Flamme nicht zu löschen“, finden beide in der Absurdität der Situation zusammen. Durch die Ablehnung des Genialistischen, aber Akzeptanz des „Unnormalen“, gewinnen beide endlich wieder ihre Lebensfreude zurück.

So gelingt es dem Film erfolgreich, dem Individuum sowohl seine Andersheit zuzugestehen als auch die Möglichkeit der Eingliederung in eine Mehrheit. In Zeiten der kontemporären Superheldenfilme mit ihren herausgehobenen andersartigen Protagonisten, die – wenn auch gebrochen – weit über den Normalos thronen, lässt sich Fuku-Chan of Fukufuku Flats gar ein Mut zum Alltäglichen einräumen. Er endet schließlich mit einer klaren Antwort auf die exaltierten Fotokünstler, die so lange Erbrochenes auf der Straße anstarren, bis sie das Antlitz Gottes darin sehen, auf die religiösen Heilsbringer, welche mit ihren Gebeten alle Sünden reinwaschen und die Meisterköche, die ein Gericht so sehr überschärfen, dass das Feuer die Schmerzen der Welt vertilgt: Die unscheinbare Künstlerin. Der normwidrige Normalo. Das Feuer, das auch mal gelöscht werden darf.

“Fuku-Chan of Fukufuku Flats” (OT: Fukufukusō no Fuku-chan), JP 2014, 110′
Regie & Drehbuch: Yosuke Fujita
Kamera: Yoshihiro Ikeuchi
Darsteller: Miyuki Oshima, Asami Mizukawa, Yoshiyoshi Arakawa
Verleih: third window films (UK)
DVD-Release: 13.Juli 2015 (UK)

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