Blickwinkel “Erinnerungen an Marnie”

f9x8dm5cIm vorerst letzten Film aus dem Hause Ghibli erzählt Hiromasa Yonebayashi eine bewegend-schöne Geschichte über Freundschaft und die unerträgliche Schwierigkeit des Seins. Als Vorlage diente Joan G. Robinsons Kinderbuch “When Marnie was There”.

 

Eine einzigartige Beziehung durch Raum und Zeit
Von Beatris Bögel

Die asthmakranke Anna führt ein Einzelgängerleben in einer Welt, in der sie das Gefühl hat, allein auf sich gestellt zu sein und keinen wahren Anschluss zu finden. Umgeben von vielen Menschen, besitzt sie dennoch keine enge Bezugsperson und isoliert sich immer weiter in ihre eigene kleine trostlose Welt, fernab der Realität. Ihre Pflegemutter Yoriko schickt sie daraufhin, mit der Hoffnung auf eine Besserung ihres Zustandes, zu Verwandten, damit sie sich dort erholen und auf andere Gedanken kommen kann. Doch an jenem besagten Ort fühlt sich Anna trotz allem weiterhin unglücklich, ist unsicher, sehr nachdenklich und zurückhaltend. Das über Jahre aufgebaute Schutzschild Annas ist dermaßen schwer zu durchbrechen, dass es anfänglich so scheint, dass nichts und niemand in der Lage sein könne, an diesem Zustand etwas zu verändern. Doch eines Tages, als sich Anna dazu entschließt, die neue Umgebung zu erforschen, kommt alles anders. Die Entdeckung eines alten leerstehenden Marsh-Hauses, lässt den Zuschauer bereits zu Beginn ahnen, dass die auf Anhieb entstehende starke Verbindung und Anziehung zwischen Anna und dem Gebäude mehr zu bedeuten hat. In derselben Nacht träumt Anna zum ersten Mal von diesem Haus und von einem jungen blonden Mädchen, welches ihre Haare von einer alten Dame gekämmt bekommt. Daraufhin folgt bald die erste Begegnung zwischen Anna und Marnie vor dem Marsh-Haus. Kurz bevor Annas kleines Boot mit den Steinen kollidiert, rettet Marnie sie. In diesem, wie auch dem kurz darauffolgenden Moment, in dem Anna das Gleichgewicht beim Treppensteigen verliert und um ein Haar stürzt, fängt Marnie sie glücklicherweise auf. Beide Gesten sind hier als symbolisch kraftvoll und viel aussagend für den weiteren Verlauf der Erzählung zu betrachten.

Innerhalb des Films erhält der Zuschauer einen unmittelbaren Einblick in das Innenleben beider Hauptprotagonistinnen. Sowohl Anna als auch Marnie durchleben durch ihre Begegnungen einen starken Wandel ihrer Person. Die anfangs lebensfroh und selbstsicher wirkende Marnie zerbricht innerhalb der Erzählung und dem Zuschauer wird bewusst, dass hinter der Fassade des doch so glücklichen Mädchens in Wirklichkeit eine überaus traurige und verletzte Person steckt. Im Film wird dieser Wandel auch in der Architektur graphisch inszeniert, indem das zu Beginn farbenfrohe Marsh-Haus im Laufe des Films zu einer grau wirkenden und leerstehenden Ruine verfällt, welches dem verlassenen und unheimlichen Silo-Gebäude, welches in der Erzählung ein weiterer zentraler Ort darstellt, plötzlich sehr ähnelt. Es macht den Anschein, dass die von Marnie ausgehende positive Energie Anna in gewisser Weise auflädt, wodurch sie sich Stück für Stück immer weiter in ein ausgeglichenes Leben zurückkämpft. Die verschlossene und traurige Fassade fängt an zu brechen und Anna beginnt sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern, neue Freundschaften zu knüpfen und die Welt wieder in Farbe zu sehen.

Das zu Beginn leicht klischeehaft-kitschig aufgeladene Verhältnis zwischen Anna und Marnie entwickelt sich im Laufe der Erzählung etappenweise immer weiter zu einer unvorhersehbaren und brillant inszenierten Beziehung, in die man immer weiter hineinsinkt und von ihr unausweichlich ergriffen wird. Erst zum Ende des Films wird die Handlung mit Hilfe von Rückblenden aufgeklärt und der Effekt der Verblüffung und Faszination auf Seiten der Zuschauer ist dadurch umso überwältigender. Unterstützt wird das magisch wirkende Verhältnis zwischen Marnie und Anna durch die bewusst eingesetzte und durchaus passende Filmmusik, die einzelnen Momenten eine besondere Atmosphäre schenkt und den Betrachter für eine Weile in die für das Studio Ghibli typische Fantasy-Welt entführt, wobei wie auch in anderen Filmen insbesondere die irdischen Konflikte zum Mittelpunkt der Erzählung werden.

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Von Träumen, Erinnerungen und Geistern
Von Lena von Heydebreck

In dem vorerst letzten Studio Ghibli Animationsfilm Erinnerungen an Marnie inszeniert Regisseur Hiromasa Yonebayashi mit geschickter Hand und bezaubernder Animation die Geschichte der zwölfjährigen Anna. Wie von Ghibli zu erwarten, erhält der Zuschauer mit Anna eine sehr authentische Protagonistin, die sich in ihrer eigenen, einsamen Welt verloren sieht. Sie hat Asthma und wird von ihren Adoptiveltern über die Ferien zu Verwandten an der Küste Hokkaidos geschickt, um weiteren Anfällen vorzu-beugen und sich zu erholen. Auch dort fühlt sie sich allein und findet keinen Anschluss. Der einzige Zeitvertreib scheint eine tagsüber verlassene Villa zu sein, die eine geradezu magische Anziehungskraft auf sie ausübt. Von Zeit zu Zeit sieht Anna jedoch abends Licht in der Villa und sogar ein Mädchen in einem der Zimmer sitzen. Eines Abends begegnet sieeinem Mädchen namens Marnie vor der Villa. Es entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft zwischen den beiden, die Anna endlich eine ersehnte Bezugsperson gibt. Doch ihre Begegnungen mit Marnie wirken eigenartig, geradezu unwirklich.

Unterschiedliche Elemente, wie die Tatsache, dass sie Marnie oft abends oder nachts trifft sowie diverse Szenen, in denen eine Begegnung mit Marnie von einem abrupten Auswachen Annas gefolgt wird, lassen einen daran zweifeln, ob es sich bei Marnie um eine reale Person oder eine träumerische Einbildung Annas handelt. Yonebayashi spielt mit einer mystischen, faszinierenden Atmosphäre, wenn Marnie und Anna aufeinandertreffen, in der die Grenze zwischen Realität und Traum verschwimmt. Fast bis zur letzten Sekunde wird dieses Verhältnis sorgfältig ausbalanciert, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Die äußerst gelungene Konstruktion der Charaktere wird auch darin deutlich, dass man von dieser Freundschaft mitgerissen und begeistert wird und sich unweigerlich für Anna wünscht, Marnie sei real. Das Konzept des Traums ist innerhalb der Geschichte eng verwoben mit Annas Erinnerungen. So fällt es ihr manchmal schwer, sich an Marnie zu erinnern, was darauf hinweist, dass ihre Träume aus unterdrückten Erinnerungen entstehen, die sich ihr und dem Zuschauer vorerst nicht erschließen wollen.

Erinnerungen an Marnie ist ein sehr gut konstruierter und wunderschön animierter Film geworden, der die Themen Freundschaft, Identität und Familie in einer realistischen und doch träumerischen Geschichte vereint. Durch die Ambivalenz von Realität und Traum und einem Hauch geisterhafter Stimmung wird Spannung erzeugt und eine für Ghibli typische Atmosphäre erschaffen mit der ein angemessener Abschied zur derzeitigen Pause des Studios gelungen ist.

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Auf der Suche nach der eigenen Identität
Von Lewis Edwien Möller

„In this world, there’s an invisible magic circle. The circle has an inside and outside. These people are on the inside. And I’m on the outside. But I don’t really care.“ Das sind die ersten Worte die Anna, die Protagonistin des neuesten Werkes von Studio Ghibli von sich gibt, während sie alleine auf einer Parkbank sitzt und ihre tratschenden Klassenkameradinnen und die spielenden Kinder auf den Spielplatz beobachtet und zeichnet.

Weil Anna wiederholt unter Asthmaanfällen leidet, schickt ihre Adoptivmutter sie über die Ferien zu ihren Verwandten nach Hokkaido, um in den Kontakt mit frische Meeres- und Landluft zu kommen. Dort angekommen, nehmen sie ihr Onkel und ihre Tante liebevoll auf und versuchen ihr das Land und die Leute schmackhaft zu machen. Dabei wird Anna immer wieder wie magisch von einem Haus mit europäischer Architektur angezogen, das verlassen und renovierungsbedürftig an der Küste steht.

Trotz Widerwillen lässt sich Anna eines Tages von ihrer Tante und ihrem Onkel dazu überreden, mit der Nachbarstochter zu einem Dorffest am örtlichen Tempel zu gehen. Als die Nachbarstochter den Wunsch liest, den Anna auf einem Zettel geschrieben hat, der an einem Baum vor dem Tempel angebracht werden soll, eskaliert die Situation. „I wish for a normal life everyday“, wird laut vorgelesen. Gleichzeitig werden Annas für Japaner ungewöhnlich blauen Augen bemerkt und lautstark kommentiert. Anna beleidigt das aufdringliche Mädchen und rennt davon.

Sie wurde ertappt. Ertappt dabei, dass sie selber nicht weiß wer ihre Vorfahren sind. Ertappt dabei, dass sie eigentlich doch dem „magic circle“ angehören möchte. Auch sie möchte Freunde haben, mit gleichgesinnten sprechen und Dinge erleben. Doch wer sind ihre Gleichgesinnten? Wer ist sie überhaupt? Ist sie das stille, nachdenkliche, zeichnende Mädchen? Oder ist sie vielleicht sogar jemand mit adliger europäischer Abstammung?

Anna flüchtet vom Fest zu dem Haus an der Küste, wo sie bemerkt, dass es doch nicht leer zu stehen scheint. Sie lernt vor dem Haus Marnie kennen, die dort mit ihrer europäischen reichen Familie wohnt. Die beiden freunden sich an und Anna ist überglücklich. Mit Marnie hat sie ihre erste richtige Freundin. Das Mädchen scheint jedoch von einem Geheimnis umgeben zu sein: Ihr Haus steht von Zeit zu Zeit leer und es zieht dort sogar eine andere Familie ein, dazu kommt, dass Anna immer wieder Schwierigkeiten hat, sich an sie zu erinnern. Im Verlauf ihrer Suche nach sich selbst und der Wahrheit um Marnie, lernt Anna Personen kennen, die sie unterstützen, wie etwa Hisako, eine alte Dame, die ebenfalls gerne malt und zeichnet, und Sayaka, ein Mädchen, das in Marnies Haus gezogen ist und fasziniert ist von der Geschichte, die Marnie umgibt.

Erinnerungen an Marnie wirkt ein bisschen so, als wäre Chihiros Reise ins Zauberland mit dem Tagebuch eines jugendlichen Mädchens gemischt worden, das versucht herauszufinden, wohin sie gehört. Die traumähnlich schönen Szenen, in denen Anna mit Marnie unterwegs sind, wirken sehr surreal und lassen vermuten, dass Marnie ein Geheimnis umgibt, das viele Jahre in die Vergangenheit zurück reicht. Die Szenen, in denen Anna bei ihrer Familie ist oder andere Leute kennenlernt, muten dagegen realistisch an und zeigen Annas normales Leben, das sich mehr und mehr verändert. Das Ergebnis ist ein schöner Film mit Ghibli-Typischen, liebevollen, authentischen Charakteren, die Anna auf ihren Weg zur Findung ihrer eigenen Identität begleiten.

“Erinnerungen an Marnie” (OT: “Omoide no Mānī”), JP 2015, 104′
Regie: Hiromasa Yonebayashi
Produktion: Toshio Suzuki, Yoshiaki Nishimura
Künstlerische Leitung: Masashi Ando
Drehbuch: Hiromasa Yonebayashi, Keiko Niwa, Masashi Ando
Synchronsprecher: Kasumi Arimura (Marnie), Sara Takatsuki (Anna Sasaki), Nanako Matsushima (Yoriko Sasaki ), Susumu Terajima (Kiyomasa Oiwa)
Verleih: Universum Film GmbH
Kinostart: 12.11.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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