Blickwinkel: Django Unchained

django-unchained-poster__spanSeit kurzem ballert sich Quentin Tarantinos neuer Film Django Unchained durch die deutschen Kinos. Natürlich ist das auch an uns nicht vorbei gegangen, deshalb widmet sich dieser Blickwinkel Tarantinos Versuch am Western-Genre.
Der Film erzählt die Geschichte des Sklaven Django, der von Dr. King Schultz – früher Zahnarzt, mittlerweile auf Kopfgeldjäger umgestiegen – freigekauft wird und sich anschließend gemeinsam mit ihm auf Rachefeldzug begibt. Das Ziel: Djangos Frau Broomhilda aus den Fängen des Plantagenbesitzers Calvin Candie zu befreien.

Der erste Beitrag beschäftigt sich mit dem für den Regisseur typischen, immer weiter steigernden Aufbau anfangs ruhiger Szenen bis hin zur unvermeidlichen Eskalation. Demgegenüber steht die zweite Kritik, die sich mit der musikalischen Überpräsenz und der damit verbundenen Durchinszenierung des Films auseinandersetzt.


Tarantino und die Eskalation
von Philipp Fust

django-unchained-2Django Unchained entpuppt sich erwartungsgemäß als ein weiteres Versatzstückwerk von Quentin Tarantino, welcher Elemente des Italowesterns, Blaxploitationfilms, Revenge-Flicks und Buddy-Movies munter verquickt. Klingt nach einem Fanboyfilm – ist es auch. Tarantinos unverkennbare Handschrift lenkt diesen Mischmasch aber in ungeahnte Bahnen und am Ende des Films hat man doch das Gefühl, etwas Neues gesehen zu haben. Sich abermals Christoph Waltz unter den Nagel zu reißen, der im Grunde einen auf „Landa, nur etwas sympathischer“ macht, ist mit Sicherheit wenig überraschend. Doch ist es gerade das Duo Waltz/Foxx alias Kopfgeldjäger Dr. King Schultz/(Ex-)Sklave Django, denen man liebend gerne dabei zusieht, wie ihre anfangs differierenden Beweggründe nach und nach miteinander verschmelzen. Deren blutüberströmte Odyssee durch die Südstaaten mausert sich in gekonnter Exploitation-Fasson zu einem wüst-amüsanten Rachetrip, der im prunkvollen Anwesen „Candyland“ von Hobbysadist und Kopf aller Sklavenhändler Calvin Candie (Leonardo Di Caprio) ein bleihaltiges Ende findet.

Django-Unchained-29Mit der beste Akt vollzieht sich auf besagtem Terrain, wo Djangos Frau Broomhilda (Kerry Washington) unter Qualen dahinlebt. Den für Tarantino typischen Aufbau von Sequenzen, die zwar relativ seicht beginnen, sich dann aber stufenweise bis zur Eskalation steigern, kennt man besonders aus Inglorious Basterds, man erinnere sich an die brillant montierte Szene in der Bar. In Django Unchained verläuft es ganz ähnlich: Zu Tisch wird in unvertrauter Runde diniert und diskutiert, besonders über den Preis eines Sklaven, an dem Schultz und Django Interesse heucheln, wobei sie in Wirklichkeit Broomhilda freikaufen wollen. Recht schnell wird es offensichtlich, dass sie und Django sich kennen, worauf die Stimmung ins Drastische kippt. Tarantino lässt nun DiCaprio das machen, was er am besten kann: Ausrasten! Jedoch nicht etwa plötzlich und gänzlich unverhofft, Candies Gemüt kentert langsam aber sicher. Handgreiflich wird er obendrein und seine rassistischen Rundumschläge treiben den Stresspegel bis unter die Decke. Noch bevor er dann zu allem Übel einen Hammer schwingt, spannt Django unterm Tisch langsam den Abzugshahn seiner Waffe, Schultz’ Blick hingegen schweift erschrocken ins Leere. Sie beide spüren, dass etwas gewaltig im Argen ist.

Man wartet die ganze Zeit nur darauf, dass es gleich knallt. Die Frage ist nämlich nicht ob, sondern wann. Den Marsch zum Höhepunkt inszeniert Tarantino als aufreibendes Kammerspiel, in dem jeder scharfe Blick und jedes raue Wort das Geschehen intensiviert. Einmal mehr gelingt es dem Regisseur, das sukzessive Anschwellen von Emotionen in geballter Dichte glaubwürdig umzusetzen, vor allem durch pointierte Schnitte und überlegte Einstellungen, die jede Konfliktzelle ins rechte Licht rücken. Und das macht ihm so schnell keiner nach.

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Spiel mir das Lied von Django
von Jennifer Ament

djangoDjango Unchained beginnt mit einem Vorspann, der zu den Klängen von Luis Bacalovs Hymne „Django“, Auftaktsong des gleichnamigen Italo-Western von Sergio Corbucci von 1966, läuft. Als der Name Jamie Foxx die Leinwand füllt, wird passenderweise zum ersten Mal die von ihm gespielten Hauptfigur angesungen. Es wird deutlich: das ist Djangos Lied, das ist Djangos Geschichte, das ist Djangos Film (und eben eigentlich auch Jamie Foxx’ Film, was ihm zugegebenermaßen durch die Überpräsenz von Christoph Waltz und Leonardo DiCaprio teils schwer gemacht wird). Mit einem Kameraschwenk bewegt sich das Bild zu einer Gruppe von Sklaven, die durch die Landschaft getrieben werden. Wir sehen sie zunächst nur von hinten, mit besonderem Fokus auf den von Narben gezeichneten Rücken eines Einzelnen. Der Titel des Films legt sich über ihn, das Lied ruft wieder seinen Namen und als der Zusatz „Unchained“ erscheint, wird auch noch der Sound eines Peitschenhiebs hinzugefügt, der im Lied eigentlich nicht zu hören ist. Die erste Minute des Films beschreibt einerseits einen Blick auf den geschändeten Körper, der immer wieder aufgegriffen wird, und andererseits einen Fokus auf die Musik und ihr Verhältnis zum Bild. Indem sich die Figuren scheinbar im Rhythmus des Lieds bewegen, findet zudem eine Verbindung von Körper und Musik statt. Ein von Erschöpfung gezeichnetes Wanken der gesamten Gruppe wechselt sich mit dem im Profil gefilmten aufrechten Gang Djangos ab. Wechselt das Bild in die Nacht, müssen die Sklaven barfuß durch die Kälte ziehen und können nur noch gebückt und unter Schmerzen gehen. In direktem Gegensatz dazu werden sie von ihren Besitzern auf zwei Pferden eingerahmt, die vorneweg und hinterher laufen und dabei ihren kontrollierten, stolzierenden Schritt im Takt der Musik beibehalten. Das Titellied wird bis zum Ende ausgenutzt und Ton und Bild in jeder Sekunde aufeinander abgestimmt.

Django_Unchained_Jamie_Foxx-pistol-Quentin_TarantinoSchon mit diesem Auftakt legt der Film seinen stark bühnenartigen und durchinszenierten Charakter selbst offen. Der schwere Weg Djangos und seiner Leidensgenossen wirkt wie eine Vorführung und auch die überzogenen, gekünstelten Figuren von Waltz und DiCaprio reihen sich später besonders durch den vortragenden Charakter ihrer Sprache nahtlos in die kontrollierte Inszenierung ein. Tarantino weiß genau, was er tut. Komplettiert wird die bis ins Detail durchdachte Darstellung durch die Musik. Bei den meisten Regisseuren wäre man vom exzessiven Musikeinsatz und der zweifellos überdeutlichen Verbindung zum Bild schnell genervt. Zu viel, zu plakativ, zu plump. Bei Tarantino hingegen erwartet man genau das und diese Übertreibung macht die Filme erst rund. Da darf unter die Hip Hop Beats auch einfach mal ein Zitat aus dem ersten Teil des Films gemischt werden („I like the way you die, boy“), sodass man den Eindruck hat, in der Musik Djangos Gedanken zu hören, während er auf alle ballert, die sich ihm in den Weg stellen. Subtil ist natürlich anders, aber wer erwartet das schon?

Django Unchained, USA 2012, 164′
Regie & Drehbuch: Quentin Tarantino
Kamera: Robert Richardson
Darsteller: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Kerry Washington
Verleih: Sony
Kinostart: 17.01.2013

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