Blickwinkel: Attenberg

Vom falsch-Leben und richtig-Sterben
Von Jennifer Ament

Schon nach wenigen Minuten von „Attenberg“ wird klar, dass hier zum einen eine Geschichte von Fremdsein und Befremdlichem erzählt wird. Marina übt mit ihrer Freundin Bella das Küssen auf ziemlich experimentelle Weise und kann daran wenig finden. Sie versteht nicht, wieso Menschen das gerne machen, sie findet es ekelhaft. Und dann fauchen sich die beiden plötzlich an und imitieren Katzen, die zum Kampf bereit sind. Marina passt nicht richtig in diese Welt, soviel ist klar. Sie fühlt sich der Tierwelt zugehöriger als der menschlichen, mit deren Gewohnheiten, Problemen und Regeln sie nicht zurecht kommt. Sie wird es den Film über immer mal wieder versuchen, aber eher halbherzig und unbeholfen, weil sie es eigentlich gar nicht will. Und das ist mitunter das Schönste an „Attenberg“: dass die Hauptfigur bis zum Ende nicht in diesem Leben, das das falsche für sie ist, ankommen wird. Sie bleibt fremd und findet die menschliche Welt bis zum Schluss befremdlich – so auch den Tod ihres Vaters Spyros.

Dass dieser schwerkrank ist, wird direkt in seiner ersten Szene deutlich, denn man lernt diesen Charakter in einem Krankenhaus kennen, beim Warten auf eine MRT. Über die Krankheit werden Marina und er den Film über im Prinzip gar nicht reden, erst wenn sich sein unvermeidbarer Tod nähert, müssen sie sich dem Thema stellen, dem nach wie vor ein gewisser Tabu-Charakter anhaftet. “Manche Dinge sollten tabu bleiben”, sagt Marina in einem Gespräch mit ihrem Vater darüber, ob sich Vater und Tochter gegenseitig nackt vorstellen sollten. Und genau diese Einstellung hat sie vielleicht auch zum Sterben bzw. dem direkten Umgang damit, aber irgendwann kann man sich dem nicht mehr entziehen.

Während sich die erste Hälfte des Films eher mit Marinas nicht vorhandenen sexuellen Erfahrungen beschäftigt und wie sie diese sammeln könnte, geht es im zweiten Teil mehr und mehr um den Tod und um all das, was mit ihm kommt. Genauso wie zwischenmenschliche Beziehungen bereitet ihr auch dieser Teil des Lebens Unbehagen, sie will mit ihrem sterbenden Vater nicht darüber reden, dass Leichen von Würmern gefressen werden, sie sagt es verärgere sie. Sie ist nicht bereit, ihn gehen zu lassen, genauso wenig wie sie bereit dazu ist, sich mit dem Wunsch des Vaters nach einer Feuerbestattung auseinanderzusetzen. Sie sieht sich konfrontiert mit all dem Profanen, der Bürokratie und den Absurditäten, die zwangsläufig zum Teil des Sterbens werden.
Am deutlichsten wird dies in der Szene, die Marina im vorbereitenden Gespräch mit dem Bestatter zeigt. Er empfiehlt, die Prozedur in Hamburg vornehmen zu lassen (in Griechenland sind Feuerbestattungen zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht legalisiert), auf keinen Fall in Bulgarien, das seien ja Atheisten. Dass Spyros sich selbst in einer kurz darauf folgenden Szene als alten Atheisten bezeichnen wird, verleiht diesem Moment nachträglich noch mehr wunderbare und zugleich unpassende Komik. Die ganze Situation an sich hat etwas Unangenehmes, in der sich aber wahrscheinlich jeder wiederfinden kann. Es wäre nicht unbedingt richtig von einer Überforderung Marinas zu sprechen, eher von Unverständnis für diese ganzen Nichtigkeiten, denen plötzlich eine unsagbare Bedeutung zugeschrieben wird. Und dieses Unverständnis ist wiederum derart verständlich und nachvollziehbar für uns als Zuschauer, dass diese befremdliche junge Frau plötzlich nicht mehr befremdlich sondern ganz normal wirkt.

Der Bestatter schlägt ihr dann auch noch ein Streichquartett für die “Zeremonie” der Verbrennung vor, woraufhin sie als Musikwunsch des Vaters eher Bebop erwähnt. Aber nein, das geht natürlich nicht. “Pop-pop” sei keine Option, sie müsse schon aus einem festen Bestand wählen. Wenn die Wahlmöglichkeiten vorher festgelegt werden, wie viel Wahl bleibt einem dann? Anhand der Musikwünsche zu Beerdigungen scheinen sich derartige Absurditäten besonders gut darstellen zu lassen, denn auch in “Halt auf freier Strecke” (R: Andreas Dresen, D 2011) gibt es eine wunderbare Szene, in der der Hauptcharakter seine eigene bevorstehende Beerdigung bespricht und gerne den kompletten Soundtrack zu “Dead Man” von Neil Young laufen lassen würde – oder “Nevermind” von Nirvana oder ein anderes großes Album der Musikgeschichte. Die Gedanken werden schnell gebremst, denn er müsse sich schon auf ein Lied beschränken, was ihm allerdings undenkbar erscheint. Ein gewisser vordergründiger Humor verbirgt in all solchen Darstellungen etwas eigentlich sehr Trauriges: auch beim Sterben gibt es Regeln oder nicht nur beim Sterben, sondern sogar, wenn man schon tot ist. Richtig Sterben will gelernt sein, da geht es auch nicht, dass man sich über Grenzen hinwegsetzen will und sich die eigene Musik uneingeschränkt aussucht!

Der kleine Trost: in Spyros offensichtlich letzter Nacht vorm Tod (den genauen Moment sieht man nicht) spielt Marina im Krankenzimmer eines seiner Lieblingslieder, “Be Bop Kid” der Band Suicide und führt dazu einen mehr als merkwürdigen Tanz auf. So erfüllt sie ihm wenigstens auf gewisse Weise den Musikwunsch, bevor sie ihm einige Zeit später dann auch den letzten Wunsch erfüllt und seine Asche im Meer verstreut. Und wenn seine Asche sich dann endlich über dem Wasser verteilt, meint man zum ersten Mal “normale” Anzeichen von Trauer in Marinas Gesicht erkennen zu können. Wenn sich Marina im Laufe des Films in irgendeiner Weise entwickelt und einen Schritt in Richtung der menschlichen Welt macht, dann hat das weniger mit der Erkundung ihrer Sexualität als vielmehr mit dem Umgang mit dem Tod ihres Vaters, ihrer einzigen Bezugsperson neben Bella, zu tun. Hier kann sie sich nicht entziehen, sie muss die Organisation übernehmen, sich in dieser Welt, in diesen Situationen zurecht finden und kann nicht einfach sagen, “das gefällt mir nicht, das will ich nicht”. Sie muss mit etwas umgehen, das sie aus ihrer eigenen Welt in diesem Ausmaß bisher verdrängen konnte.

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Von Vätern, Töchtern und Penisbäumen
Von Veronika Mayer

Athina Rachel Tsangaris Film Attenberg dreht sich um eine besonders enge Vater-Tochter-Beziehung. Während uns im Film freundschaftliche Beziehungen von Müttern zu ihrem weiblichen Nachwuchs sowie der väterliche Stolz auf die eigenen Söhne bekannt sind, ist uns die intime Beziehung zwischen Marina (Ariane Labed) und ihrem Vater Spyros (Vangelis Mourikis) doch ein wenig suspekt. Ein idealer Moment, um für weitere Spekulationen die Psychoanalyse-Brille aufzusetzen…

Marina lebt in einer kleinen griechischen Küstenstadt und pflegt ihren krebskranken Vater bis zu seinem Tod. Sie begleitet ihn ins Krankenhaus, verbringt mit ihm Abende vor dem Fernseher und führt intime Gespräche mit ihm. Diese Gespräche finden oft im Warteraum des Krankenhauses statt.

Marina und Spyros sitzen nebeneinander auf Plastikstühlen, er ganz klein und schlapp neben ihr. Die Fußstützen an den Stühlen erinnern entfernt an einen Untersuchungsstuhl beim Gynäkologen und man beginnt sich zu fragen, wer von beiden nun wohl einer ärztlichen Behandlung bedarf. Schnitt. Im nächsten Bild sehen wir Spyros mit angewinkelten Beinen auf einem Krankenhausbett sitzen, die Gynäkologie-Assoziation springt uns hier förmlich ins Gesicht. Marina sitzt gebeugt vor ihrem Vater, scheint ihm zwischen die Beine zu spähen, während man im Hintergrund das monotone Rattern der Dialyse-Maschine hört.

Passenderweise unterhalten sich die beiden bei einem der Besuche über Sexualität. Marina kann und will sich nicht vorstellen, dass ihr Vater, ein Mann, auch so ein „Ding“ besitzt, so einen Penis. Dieser erwidert ihr nur: „Ich habe auch gar keinen.“ Marinas Mutter sei seine große Liebe gewesen, Spyros habe nie mit einer anderen Frau geschlafen. Die Mutter weg; der kranke Vater als potenz- und penisloser Mann.

Dennoch sehen wir Marina mit ihrem Vater auf dem Bett vor dem Fernseher sitzen, das Bett als gebündelter Ort der Sexualität, wie sie Balzrituale von Gorillas und Vögeln nachahmen. Irgendetwas stößt uns hier auf, scheint inzestuös.

Die Beziehung zwischen Marina und ihrem Vater beschwört Begriffe wie Jungs widerlegten Elektra-Komplex (1913) oder Freuds – in der Filmanalyse immer wieder durchexerzierten – Ödipus-Komplex herauf. Der Elektra-Komplex beschreibt eine starke Bindung der Tochter an den Vater bei einer gleichzeitigen Feindseligkeit gegenüber der Mutter. Eine Mutter finden wir nicht bei Tsangari. Aber da ist auch noch die sexuell aktive, männerverschlingende Bella, Marinas Freundin. Sie bringt Marina nicht nur das Küssen bei, sondern dringt auf eine erotische Art und Weise in die Beziehung zwischen Marina und ihrem Vater ein. Am Steinstrand massiert sie den auf dem Bauch liegenden Spyros mit ihren nackten Füßen – eine sogar leicht gewalttätige Geste, die Marina missmutig beäugt.
Marina ist nicht begeistert von Bellas Männerverschleiß und erst recht nicht von ihrer Attraktion zu ihrem Vater. Findet sich er sich hier, der Hass gegenüber anderen Frauen?

Als Bella Marina von ihrem Traum erzählt, in dem sie sich in einem Wald aus Penisbäumen wiederfindet, erwidert ihr Marina, dass sie selbst wohl eher von Bäumen träumen würde, die mit weiblichen Brüsten behangen sind. Brüste, die sie bewundert, aber nicht begehrt. Genau dieses fehlt Marina: Begehren. Sie begehrt weder den Ingenieur, den sie auf der Insel herumfährt und mit dem sie sexuell experimentiert, noch Bella, mit der sie das Küssen übt. Erinnert an den Ausgang des Mädchens aus dem Ödipus-Komplex bei Freud, indem es sich ganz von der Sexualität abwendet.

Aber Tsangari löst diese ganze sexuelle Spannung mit Referenzpunkten zur Psychoanalyse auf, indem sie Marina ihren Vater als Mann mit Sexualität erkennen lässt. Kurz vor seinem Tod bittet sie Bella, Spyros im Krankenhaus zu besuchen, um mit ihm zu schlafen. Kurz vor seinem Tod wird dem kastrierten Mann also seine Potenz zurückgegeben.
Und mit dieser Anti-Kastration kann sich nun auch Marina von ihrem Vater lösen. Freuds Ödipus-Komplex irgendwie umgekehrt. (Bei Jungen werde der Ödipus-Komplex durch den Kastrations-Komplex zerstört, wohingegen er bei Mädchen durch den Kastrationskomplex gerade erst geschaffen werde) Klingt queer. Und mit dieser Trennung vom Vater schließt sich auch die Coming-of-Age-Geschichte, in der die Mittzwanzigerin endlich „erwachsen“ wird – und auch frei von erwarteten Sexualitätsvorstellungen und -zwängen (denn nicht nur Bella, sondern auch der Vater wünscht sich, dass Marina „irgendjemanden findet“). Irgendwie interessant. Aber Zeit genug, endlich die psychoanalytische Brille wieder abzunehmen.

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Selten war Erotik so unerotisch wie in Attenberg
Von Kristina Scholz

…Und das, obwohl Marina, gespielt von Ariane Labed, eine junge, attraktive Frau ist. Doch dem Zuschauer werden in Athina Rachel Tsangari „Attenberg“ nicht die für gewöhnlich zu erwartenden Szenen geboten, wenn eine gutaussehende Frau und Sexualität in einem Film vereint sind. Marina hat nämlich nicht viel übrig für Erotik, sie ekelt sich regelrecht davor. Sie geht mit diesem Thema rein sachlich um und wundert sich, wie anderen sowas gefallen kann. So findet auch ihre Bewunderung für Brüste auf einer distanzierten Ebene statt – sie findet sie schön, aber sie begehrt sie nicht. Genauso schlicht, wie sie das Thema Sexualität empfindet, spricht sie auch mit Menschen aus ihrem Umfeld darüber, hauptsächlich mit ihrem Vater und ihrer sexuell erfahrenen Freundin Bella.

Die unerfahrene Marina lässt sich schließlich doch auf erste sexuelle Erlebnisse ein, diese wirken dann aber ebenso absurd wie ihr sonstiger Umgang mit dem Liebesleben. Ihre Unbeholfenheit, mit intimen Momenten umzugehen, zeigt sich bereits in der Eröffnungsszene, in der sie mit ihrer besten Freundin das Küssen übt. So angewidert wie Marina vom Küssen ist, wird auch der Zuschauer schnell abgeneigt von diesen „Handlungen“ sein. Bellas Zunge mit einer Nacktschnecke zu vergleichen, verdirbt nun endgültig jedem die Lust an dieser „sinnlichen“ Szene.

Marinas Affinität zur Tierwelt, die sich besonders in der Nachahmung von Balzritualen zeigt, entfernt sie zusätzlich von sinnlichen Erfahrungsmomenten der „menschlichen Spezies“. Ähnlich wie im Tierreich ist der Paarungsakt ein schlicht durchzuführendes Unterfangen – und so ist dann auch ihr erster intimer Moment mit einem Mann eine pragmatische Angelegenheit. Ohne Umschweife zieht sie sich aus und will direkt zur Sache kommen. Völlig überrumpelt, blockt ihr Partner sie aber ab. Die Szenerie verdeutlicht die Unterschiede zwischen der „normalen“ Intimität und Marinas ganz eigener Vorstellung von Sex. Auch wenn ihre gemeinsamen Momente mit der Zeit etwas auflockern, bleibt Marinas Verhalten speziell und auf eine gewisse Art und Weise verkrampft.

Das Besondere der sexuellen Momente in „Attenberg“ besteht darin, dass der Körper hier weniger in seiner Sinnlichkeit zu erfahren ist, sondern durch die Augen Marinas wie ein Objekt, dass nicht dafür gedacht ist begehrt zu werden – er funktioniert einfach und erfüllt die wichtigsten Aufgaben zum Überleben. Damit entfernt sich der Film von einer Körperlichkeit, die rein auf die erotische Wirkung abzielt und in anderen Spielfilmen oft präsent ist.

Und was ziehen wir aus diesem Umgang mit Nacktheit, Körperlichkeit, Sexualität in „Attenberg“? Vor allem führt er uns vor Augen, wie sehr eine gewisse Erwartungshaltung an erotische Szenen in Spielfilmen vorhanden ist. Eine junge und hübsche Frau, die mit einem Mann intim wird – das ergibt doch normalerweise sinnliche Bilder, in denen die Filmhandlung auf die einfachsten Triebe reduziert wird. Doch in diesem Film läuft es dann doch ganz anders. Die „Erotik“ in „Attenberg“ ist nicht so gedacht, dass der Zuschauer sie genießen kann. Sie ist viel mehr Ausdruck für Marinas Fremdsein in dieser Welt und das wird sogar oder vielleicht auch besonders in diesen Szenen deutlich.

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Slapstickartige Einlagen in einem mühsamen Alltag
Von Florian Reupke

Dass Marina (Ariane Labed) mit Menschen nichts anfangen kann, wird schnell deutlich. Dass sie mit Hilfe der Tierwelt die menschliche Sexualität – diese seltsamen unästhetischen Regungen, welche in eigenartiger körperlicher Vereinigung münden – zu ergründen versucht, scheint daher halbwegs plausibel. Dass sich Marina und Bella plötzlich in Hund-Menschen verwandeln, die sich gegenseitig anknurren, wirkt schon sonderbarer. Dass die Beiden auf der Straße aber wiederholt in bizarre Tänze verfallen, die stark an Monty Pythons „Ministry of Silly Walks“ erinnern, wirft durchaus die ein oder andere Frage auf; eine direkte Erklärung für dieses Verhalten wird dem Zuschauer allerdings vorenthalten.

Die angesprochenen Szenen orientieren sich dabei tatsächlich an der britischen Komikergruppe Monty Phyton (1969 gegründet, 1983 aufgelöst), die zu den absoluten Favoriten der Regisseurin gehören. Die Gruppe feierte in den 1970er Jahren ihre größten Erfolge, unter anderem mit der Fernsehserie „Monty Phyton´s Flying Circus“, die sich durch hintersinnigen und schwarzen Humor auszeichnete und dem Kinofilm „Das Leben des Brian“, der sich satirisch mit sozialen und vor allem religiösen Themen befasst. Das Ensemble setzte sich aus Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin zusammen.
Als direktes Vorbild für die sonderbaren Tanzeinlagen diente der Sketsch „The Ministry of Silly Walks“, welcher 1970 Uraufgeführt wurde und in Großbritannien auf Platz 15 der besten Sketche aller Zeiten gewählt wurde.

Mit sonderbaren Ausfallschritten paradieren die beiden Freundinnen überaus synchron kreuz und quer durch ein Fabrikgelände, mal zum Publikum hin, mal von ihm weg, bis sie schließlich vor eine Wand laufen. Man könnte fast in Versuchung kommen, dies als Bild für die gegenwärtige Situation in Griechenland zu deuten, zumal das Drehbuch während der ersten Demonstrationen im Dezember 2008 geschrieben wurde, an denen die Regisseurin mit ihren Freuden aktiv teilnahm. Für diesen Vergleich scheint aber die Figur des Vaters besser geeignet, der eine gehörige Portion Zynismus gepaart mit Bitterkeit an den Tag legt.

Die Silly Walks-Zitate wirken – eingebettet im narrativen Verlauf des Filmes – vielmehr als eine Art chorischer Kommentar. Die Animalität der Figuren wird in diesem speziellen Fall also auf eine nonverbale Art und Weise ausgedrückt. Betrachtet man die Lebensläufe der Regisseurin Athina Rahel Tsangari und den beiden Hauptdarstellerinnen, werden schnell die Gemeinsamkeiten deutlich: auf der einen Seite die Regisseurin, eine ausgebildete Performance Künstlerin, auf der anderen Seite Ariane Labed und Evangelina Radou, ihrerseits hauptberufliche Tänzerinnen. Körperlichkeit und Bewegung haben somit eine zentrale Bedeutung in ihrem Wirken – dass vermeintlich naive Kinderspiel ist also vielmehr eine raffinierte Performance, die auch auf Miranda July und Pina Bausch verweist; so decken sich die gebotenen Bildkompositionen zum Beispiel mit der 60er Jahre Architektur der griechischen Stadt.

Der mühsame Alltag, der sich dem Zuschauer bietet, wird durch diese Slapstickeinlagen deutlich aufgelockert; Lacher sind dabei garantiert…

The Ministry of Silly Walks (Monty Phyton)

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Mensch/Tier/Etc.
Von Philipp Fust

Wieviel Attenborough steckt in Attenberg? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, zumal ich den Vergleich zwischen menschlichem und tierischem Balzverhalten im Sinne von „wir sind ja auch bloß Säugetiere“ als wenig fruchtbar für die Interpretation von Athina Rachel Tsangaris Film empfinde. Weiterhin gehe ich davon aus, dass der Aspekt der quasiexperimentellen Beziehung zweier Freundinnen nicht das herausragendste Element des Films darstellt. Gleich in den ersten Minuten lernt die eine von der anderen zwar auf amüsant-merkwürdige Weise das Küssen, was nach und nach in ein raubtierhaftes Gefauche übergeht, jedoch verliert dieser experimentelle Charakter im Laufe des Films an Bedeutung und aus einem Spiel um Liebe und Sexualität wird immer mehr eine Erzählung vom Tod, vom Umgang mit jenem und rückwirkend gesehen ein Film über Regeln, die es vielleicht gar nicht gibt.

Regeln sind es jedoch, die zu einem großen Maß die Tierwelt bestimmen. Und das Paarungsverhalten der meisten Tierarten ist ein wichtiger Teil der Charakterisierung einer Spezies, unter der Rubrik „Fortpflanzung“ in Schrift gefasst und in Dokumentationen in Bild und Ton verewigt. Man lernt daraus, dass das Verhalten der meisten Spezies sich vom Paarungsverhalten der Menschen dahingehend unterscheiden, dass bei Menschen der Instinkt nicht als der zentrale Erklärungsansatz für das Fortbestehen der Menschheit angesehen wird und sich aus diesem Grund Sexualität nicht nur als einen Ablauf von angeborenen Handlungen erklären lässt. Wissenschaftler sind sich übrigens in vielen Fällen nicht einig, woher bestimmte Verhaltensweisen im Tierreiche rühren und ob es einen genetischen Artenerhaltungsmechanismus gibt, der das Fortbestehen einer bestimmten Art sichert. Anders gefragt: Woher wissen Tiere, was sie zu tun haben?

Und woher weiß das der Mensch? Hoimar v. Ditfurth schreibt in seinem Buch „Im Anfang war der Wasserstoff“ von einer universellen Intelligenz, die während des Urknalls entstand und ein Teil von allem ist, was uns umgibt. Das Universum weiß also, was es zu tun hat, um am Leben zu bleiben. So gesehen war die Ursuppe Teil dieser präcodierten Intelligenz, die sich im Laufe der Evolution in den Zellen der Lebewesen manifestierte. Neben dem häufigsten Element im Universum, dem Wasserstoff, soll angeblich – auf welcher Basis auch immer – die Intelligenz vorkommen. Diese Überlegung spielt hier eine Rolle, weil in Attenberg mit den Regeln des Lebens gespielt wird. Angefangen beim irritierenden Silly Walk, der mitunter befremdlich wirkt und als eine Art Antinorm funkioniert, bis hin zu der Überlegung „Wie stirbt man richtig?“, wird versucht, ein Konstrukt an Regeln aufzulösen. Wenn also David Attenborough mit seiner angenehm autoritären Stimme den Paarungsakt zweiter Tiere unterlegt, dann ist das Ergebnis ein Modell, das gleichzeitig für alle anderen Angehörigen dieser Gattung gilt. Man glaubt es ihm, weil es Attenborough ist, weil er gut reden kann und weil er für BBC arbeitet.

Die Frage ist nun, ob in Attenberg dieser Akt der Dokumentation zynisch auf die Menschen übertragen wird und damit die auferlegten Regeln kritisiert werden, die es zu geben scheint (Man blättere nur durch eines der zahlreichen Frauen- und Männermagazine, die scheinbar – und das in regelmäßigen Abständen – die Geheimnisse hinter dem perfekten Flirt entschlüsselt haben…) oder ob versucht wird, Mensch und Tier aneinander anzugleichen, zumal Tiere ja prima imitiert werden können, was an vielen Stellen des Films auch geschieht, wenn beispielsweise Vater Spyros und Tochter Marina wie zwei Vögel auf dem Bett herumhüpfen.

Ich glaube, dass der Film eine Mischung aus beidem ist und die Unmöglichkeit der Definition der Spezies Mensch reflektiert. Nicht zufällig stehen die Aspekte Liebe und Tod im Zentrum im Film. Die Frage ist schlussendlich folgende: Was ist Liebe? Ein vorinstalliertes Programm, ein Trick der Natur, um die Spezies Mensch vor dem Aussterben zu bewahren? Sind Hormone eine körpereigene Droge, die uns benebelt und unser sexuelles Verhalten romantisiert? Der Film endet mit der Rückkehr in das Element, aus dem das Leben auf der Erde entstanden ist, wenn Marina die Asche ihre Vaters über dem Meer verstreut. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem klar wird, dass im Anbetracht des sicheren Todes Regeln ihre Bedeutung verlieren. Denn wie sagt man so schön: Nichts bleibt für die Ewigkeit.

Attenberg, Griechenland 2010, 95′
Regie & Drehbuch: Athina Rachel Tsangari
Kamera: Thimios Bakatakis
Darsteller: Ariane Labed, Vangelis Mourikis, Evangelia Randou, Yorgos Lanthimos
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 10.05.2012

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