Blickwinkel “7 Göttinnen”

7 Göttinnen7 Göttinnen von Pan Nalin erzählt von sieben Freundinnen, die in Goa für Hochzeitsbereitungen zusammentreffen und dabei mit sich, indischen Traditionen und dem Patriarchat in Konflikt geraten. Dass es viel über den Film zu sagen gibt, beweist der Blickwinkel.

Recht & Rache
Von Monia Meier

Anfang der 1980er Jahre erregt eine Frau mit dem Namen Phoolan Devi Aufsehen in Indien. Die jahrelange Suche nach der Bandenanführerin durch die indische Polizei erfolgt nach dem Prinzip “dead or alive”. Devi war bereits mit elf Jahren an einen deutlich älteren Mann verheiratet worden, der sie erst vergewaltigt und dann verstößt. Sie wird zur Geschmähten in ihrem Dorf, es folgen Vergewaltigungen durch Dorfbewohner und Polizisten. Mit achtzehn Jahren wird Devi gemeinsam mit ihrem neuen Mann zur Anführerin einer „Banditenbande“. Im Zuge dessen rächt sich Phoolan an ihrem ersten Mann, den sie verprügelt. Dann wird ihr Mann durch Mitglieder einer verfeindeten Bande erschossen, sie selbst wird verschleppt und wochenlang immer wieder durch die Männergruppe vergewaltigt. Als sie entkommt, gründet sie eine eigene Bande und erwirbt sich den Ruf als Inkarnation von Durga, einer der zentralsten hinduistischen Göttinnen, oder als eine feministische Verkörperung von Robin Hood: Die Erträge aus ihren Raubzügen, denen vor allem Mitgliedern höherer Kasten zum Opfer fallen, verteilt sie an mittellose Menschen unterer Kasten. 1981 überfällt sie mit ihrer Bande das Dorf Behmai, wo sich die Gruppenvergewaltigungen an ihr ereignet hatten. 22 Männer werden erschossen. Die Polizei versucht nun umso verzweifelter, die inzwischen als Banditenkönigin glorifizierte Devi ausfindig zu machen. Man erzählt sich, sie habe auf ihren Rachezügen Vergewaltiger und Verbrecher um Nase, Augen oder Penis erleichtert. Phoolan Devi ergibt sich schließlich 1983 öffentlich auf einer Bühne, nachdem ihr vorher vertraglich eine Haftstrafe von lediglich acht Jahren zugesichert wurde. Dennoch legt sie die Waffen nicht vor der anwesenden Polizei, dem Ministerpräsidenten Madhya Pradeshs oder den 10.000 Schaulustigen, sondern vor Bildnissen Mahatma Gandhis und Durgas nieder. Schließlich verbringt Devi elf Jahre in Haft, bevor sie begnadigt wird und eine neue Karriere als Menschenrechtlerin und Mitglied im indischen Parlament startet. 2001 wird sie von Unbekannten erschossen. Dreizehn Jahre vergehen, bis Sher Singh Rana schließlich als alleiniger Täter zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wird. Unklar bleibt, ob sein Motiv in der Klassen- und Parteizugehörigkeit Devis zu finden ist oder inwiefern dabei auch die Blutrache für einen Cousin, der beim Massaker von Behmai starb, eine Rolle spielt.

Selbstjustiz und (das Recht auf) Rache auf der einen Seite sowie fehlende Gleichberechtigung und eine tief von Sexismus durchzogene Exekutive auf der anderen Seite sind auch im Film Angry Indian Goddesses, der im Indien von heute spielt, zentrale Motive. Die sieben weiblichen Hauptfiguren verdanken ihre Betitelung als Göttinnen der hinduistischen, Zunge bleckenden Göttin Kali, die für Tod, Zerstörung sowie Erneuerung steht. Aus ihr ziehen sie Kraft und Antrieb – und auch ihren Zorn. Die indische Regierung warf den Filmemachern für den Vergleich der Filmfiguren mit einer Gottheit Blasphemie vor. Die vielen Bilder Kalis, die im Intro auftauchen, mussten in der indischen Fassung des Films unkenntlich gemacht werden – neben allerlei anderen zensierten Szenen, Bildern und Worten.

Zunächst aber spüren die ZuschauerInnen noch nichts von Rachedurst oder einem Ruf nach Vergeltung. Die Figuren werden als starke, emanzipierte Frauen vorgestellt – gemeinsam mit ihren alltäglichen Problemen, auf die sie, bedingt durch ihre Lebensweise und ihr Frau-Sein, stoßen. Die sieben Freundinnen kommen im Hause Freidas (Sarah-Jane Dias) in Goa zusammen, die zu ihrer Hochzeit geladen hat. Von nun an vergehen viele Filmminuten, die oft wie ein seichtes feel good movie daherkommen. Die Filmemacher selbst beschreiben den Film als female buddy movie. In Dauerschleife wird getanzt, gelacht, geredet und im Sonnenuntergang am Strand umhergesprungen. Die Frauen haben eine super Zeit – nur die ZuschauerInnen nicht, die das schon unzählige Male gesehen haben. Doch gerade, wenn man anfangen könnte, sich zu langweilen, schieben sich fast wie unterschwellig kleine Episoden in die Geschichte, die mehr sind, als die Reproduktion klischeehafter Motive und Konflikte.

Etwa nachdem die Frauen von einer Gruppe Männer belästigt wurden, und unter ihnen eine Diskussion über die Vergewaltigungsrate in Indien entbricht. Sie klicken sich durch YouTube-Videos von gefilmten Verbrechen, in denen die Täter eindeutig zu identifizieren sind, ohne dass dies jemals zu einer Verfolgung der Verbrecher geführt hätte. Das gravierende Problem sei, dass die Polizei schlichtweg nicht handle, selbst wenn derart eindeutige Beweise vorlägen. An einer anderen Stelle erfahren die Frauen und der Zuschauer, dass Freida keineswegs einen geheimnisvollen Unbekannten, sondern Nargis (Tannishtha Chatterjee), eine der Sieben, heiraten wird. Nach einem kurzen Schockmoment sieht nur noch Pam darin ein Problem – sie verweist auf den Artikel 377 im indischen Strafgesetzbuch, der „Geschlechtsverkehr gegen die Regeln der Natur“ und damit, der gängigen Auslegung nach, auch homosexuellen Sex verbietet. Der Artikel, der 1860 eingeführt wurde und somit als obsoletes Überbleibsel der englischen Kolonialherrschaft aufgefasst werden könnte, wurde 2009 relativiert, als ihn das Delhi High Court als verfassungswidrig einstufte. Doch 2013 entschied der Oberste Gerichtshof anders: Die Gültigkeit des Paragraphen wurde neu bestätigt und somit bleibt Homosexualität in Indien dem Recht nach strafbar. Die Angry Indian Goddesses kommen gemeinsam zu der Überzeugung, dass an gleichgeschlechtlicher Liebe nichts Unnatürliches sein kann.

Der Film kippt endgültig, als plötzlich eine der Frauen verschwunden ist und schließlich nachts von ihren Freundinnen, offensichtlich vergewaltigt und tot, am Strand gefunden wird. Hier sind es nicht nur die Verzweiflung und der Unglaube der Freundinnen über das Geschehene, sondern vor allem das beklemmende Gefühl der Ohnmacht, das auch das Kinopublikum fesselt, wenn die gerufene Polizei mit ihrer Befragung beginnt. Der Polizist interessiert sich mehr dafür, warum die Frauen denn so aufreizende kurze Shorts tragen würden und wer hier wen heirate, als für die geschändete Joanna. Es ist klar, dass die Polizei nicht an der Aufklärung des Verbrechens interessiert ist. In derselben Nacht taucht ein Video auf, ein Video, das die Täter zeigt. Das Makabre daran ist, dass dies nichts an der Situation ändern wird. Wem solle man es schon zeigen?

Unvermittelt wird aus der Ohnmacht Kraft geboren: Schüsse, rennende Männerkörper am Strand, mehr Schüsse, Blut, das aus dem Brustkorb schießt, wieder Schüsse, blutverschmierter Sand, Splatteroptik. Die Angry Indian Goddesses haben sich aus ihrer Passivität befreit. Dem Film wurde teils vorgeworfen, an dieser Stelle wenig zu überzeugen und Selbstjustiz zu rechtfertigen. Ich denke nicht, dass Regisseur Pan Nalin hier, wie es in der Rezeption und Verbreitung von Phoolan Devis faszinierender Geschichte zum Teil der Fall gewesen sein mag, eine Glorifizierung der Rache-Göttinnen anstrebt. Gesellschaftskritische Filme zeigen Vergewaltigung und Missbrauch häufig in ihrer ganzen schrecklichen Grausamkeit und die Opfer nur als das, was sie sind, nämlich als Opfer (und sicher nicht als Göttinnen). Gegen realistische Darstellungen ist nichts einzuwenden, sie sind notwendig. Aber es ist gerade das spritzende Blut in Angry Indian Goddesses, das wie eine Katharsis wirkt und die ZuschauerInnen weniger schockiert als erleichtert. Eine Entscheidung der Regie und ein filmisches Stilmittel, die nicht Selbstjustiz zu rechtfertigen versuchen, sondern das Ungleichgewicht, die Ungerechtigkeit und die Machtlosigkeit, die davor herrschten, umso deutlicher und bedrohlicher erscheinen lassen.

Das scheinbare Happy End des Films ist, versteht man die Szene wörtlich, ein unnötiges süßes, beschönigendes Ende. Liest man die Szene aber lediglich als Idee für eine mögliche Zukunft der indischen Gesellschaft, dann wird umso deutlicher, dass es nicht Rache und Selbstjustiz sind, die der Film feiert, sondern die Hoffnung auf Veränderungen in Indien, die sehr viel tiefer in die Rechtsordnung und die Gesellschaft des Landes eindringen müssten, als es eine Kugel jemals könnte.

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Stimmungseinbrüche und Kontraste
Von Vera Zellmer

Sieben Frauen verbringen ein paar wunderbaren Tage, gehen gemeinsam aus, feiern ausgelassen die Verlobung einer ihrer Freundinnen, sitzen gemütlich am Ende eines Abends beieinander, trinken, lachen und erzählen. Nichts scheint die Laune der sieben jungen Frauen trüben zu können, als plötzlich ein Mann zur Tür hereinplatzt. Überraschung zeichnet sich in den Gesichtern der Frauen ab, einige sagen „Hallo“, während er sich als Freund von Mad (Anushka Manchanda) vorstellt und sich zu ihr durchdrängelt, ohne die anderen so recht zu beachten. Seine Freundin begrüßt ihn jedoch mit einem trockenen „Go away!“. Kurz ist es still, das bedrückende Gefühl macht sich breit, der Störenfried sei zur Überwachung seiner Freundin herbeigeeilt, die sich nun vor ihm rechtfertigen muss, warum sie seit Tagen nicht an ihr Handy gegangen sei. Den Raum durchkreuzen fragende und überrascht-erschrockene Blicke, während Mad versucht zu erklären, dass sie nur Spaß gehabt habe und schließlich aus dem Raum läuft. Innerhalb von einem Moment ist die gesamte Stimmung in der Frauenrunde eingebrochen. Der nächste Umschwung ins Entsetzen folgt, als Mads Freund den sechs zurückgebliebenen Frauen versucht zu erklären, dass ihre Freundin bereits einmal versucht habe, sich umzubringen und er sich deshalb Sorgen gemacht habe. Die Szene ist nicht nur beispielhaft für eine Reihe von Momenten im Film, in denen die Stimmung urplötzlich umschlägt und die Frauen wie auch den Zuschauer auf den Boden der Realität schlagen lässt. Gleichzeitig repräsentieren diese Momente das Kippen des gesamten Films – in ein Drama.

Eigentlich beginnt der Film als sommerliche Frauen-Komödie: die Inderin Freida (Sarah-Jane Dias) lädt ihre Freundinnen zu sich nach Goa ein, um mit ihnen ihre Hochzeit zu feiern. Dass sie Freundin Nargis (Tannishta Chatterjee) heiratet, verrät Freida den anderen jedoch zunächst nicht – die versuchen stattdessen aus ihr herauszukitzeln, wer denn der Bräutigam ist. Taff, selbstsicher und emanzipiert lernt der Zuschauer die sieben Damen kennen. Und genau das ist die perfekte Vorlage, um den Frieden immer wieder brutal zu stören und ins Bewusstsein zu rufen, dass das Leben für die Frauen nicht so leicht und locker ist, wie es durch die ästhetischen Filmbilder und die muntere Stimmung scheint. Nach und nach kommen die Probleme in kleinen Wendepunkten ans Licht: Pam (Pavleen Gujral), die einstige Vorzeigestudentin, ist unglücklich in ihrer traditionellen Ehe, Mads Gesangskarriere ist seit längerem ins Stocken geraten, Lakshmi (Rajshri Deshpande) ringt nach Jahren noch mit dem Prozess um den Mord an ihrem Bruder und Suranjana (Sandhya Mridul), die selbstbewusste Geschäftsfrau, muss begreifen, dass ihre kleine Tochter bei diesem Leben oft auf der Strecke bleibt und sich alleine fühlt. Die anfänglich wahrnehmbare Normalität wird schnell porös, sobald man an der Oberfläche kratzt.

Ein weiterer Moment, in dem die Stimmung der Frauen schlagartig einreißt, leitet gleichzeitig das endgültige Umschlagen des gesamten Films in ein Drama ein: bei einem Picknick in einer Strandhütte machen sich die Freundinnen scherzhaft über den Akzent von Freidas halbbritischer Cousine Joanna (Amrit Maghera) lustig, die eine Karriere als Schauspielerin anstrebt und auf ihren Durchbruch wartet. Beleidigt und traurig steht sie auf und bricht zu einem Spaziergang auf, bei dem sie schließlich durch eine Vergwaltigung ums Leben kommt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird klar: der Film ist kein Feel-good-movie über sieben starke Frauen, vielmehr zeigt er, welcher Realität indische Frauen auch heutzutage noch gegenüberstehen: Traditionen, Religion und Männer bestimmen das Leben. Wer Hotpants trägt, muss sich nicht wundern, vergewaltigt zu werden, so in etwa beschreibt es ein Polizist (Adil Hussain), als er die brutal vergewaltigte Joanna am Strand betrachtet. Die Freundinnen konnten sie nur noch leblos in einer panischen Suchaktion bei Nacht finden.

Pan Nalin demonstriert den Zuschauern behutsam und brutal zugleich, dass Belästigung und Vergewaltigung von Frauen auch heute noch große Probleme in Indien sind. Und auch Homosexualität ist in der Gesellschaft, in der Religion und Traditionen einen hohen Rang haben, immer noch verrufen. Der Film lebt von den überraschenden Wendepunkten und Kontrasten, die zu den richtigen Zeitpunkten gesetzt sind: als Freida ihre Liebe zu Nargis offenbart, bleibt trotz Überraschung und kurzem Innehalten ein Stimmungsumschwung nämlich aus, und die Freundinnen freuen sich für die beiden – auch das ist eine wichtige Botschaft. Denn der Bruch zur „traditionellen“ Ehe zwischen Mann und Frau wird schon durch Freidas Vater bestraft, der nicht zur Hochzeit kommen möchte. Der gewaltsame Tod Joannas hingegen trifft den Zuschauer wie eine Faust in die Magenkule, und auch die kleinen Probleme und Ängste der Frauen lassen den Zuschauer schlucken.

Auch wenn der Film noch voller Klischees steckt, überrascht er auf eine erschreckende Art und Weise – und das, gerade weil er erfrischenderweise nicht als Bollywood-Tanz-und-Sing-Schmonzette daherkommt. Umso schlimmer ist die Tatsache, dass er in Indien in großen Teilen verpixelt oder stumm gezeigt werden muss – denn scheinbar schlägt auch hier noch Tradition und Religion in Form von Zensierungsgesetzen zu. Auch deshalb ist der Mut, einen solchen Film in Indien zu drehen, dem Produzenten hoch anzurechnen. Ob Nalin inhaltlich mit der Selbstjustiz der sechs übrigen wütenden „Göttinnen“ eine gute Lösung der Story findet, ist allerdings fraglich. Aus Wut die Tat mit Mord zu vergelten, ist sowohl für den Zuschauer als auch für die Protagonistinnen nur kurzzeitig befriedigend. Schließlich kann das nicht die Lösung sein, um etwas in der Gesellschaft in Indien zu verändern. Doch vermutlich wären alternative Auflösungen des Films zu fern von der Realität gewesen – etwa eine Verurteilung der Täter zu gerechten Strafen.

Am Ende jedenfalls zeigt Nalin mit der Solidarisierung der Gemeinde mit den Frauen, wie groß die Verzweiflung ist und auch der Wille vieler, eine Lösung für diese Probleme zu finden. So lässt er den Kinobesucher erschrocken mit dem Thema zurück – und mit der Frage, warum es bis heute keine Lösung gibt.

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Mehr als nur ein Bollywood-Film
Von Monika Stanislawski

Eine junge Frau in einem roten Sari windet sich und ruft um Hilfe. Die Szene wirft den Zuschauer rasant in eine Bollywood-Atmosphäre. Aber genauso schnell wie diese Atmosphäre aufgebaut wird, wird sie auch wieder abgerissen, als die junge Frau ihre Entführer in Jacky-Chan-Manier selbst umhaut. Das war leider nicht nach den Erwartungen des Regisseurs. Er möchte, dass es ein typischer Bollywood-Film wird und sie sich in völliger Hilflosigkeit sinnlich windet.

Genau wie der Filmanfang, spielt auch der ganze Film Angry Indian Goddesses (Deutscher Titel 7 Göttinnen) von Pan Nalin (Samsara) mit verschiedenen Genres. Während der Film am Anfang noch lustig ist und die Zuschauer mit seinen starken Protagonistinnen zum Lachen bringt, wechselt er rasch zu einem bewegenden Drama, bei dem die ein oder andere Träne weggewischt werden muss. Mit ihren forschen Mundwerken brechen die sieben Inderinnen gleich am Anfang mit dem allbekannten Bollywood Klischees.

Die Handlung des Film beginnt damit, dass Fotografin Frieda (Sarah-Jane Dias) ihre Freundinnen zu sich nach Goa einlädt und ihnen ihre Heiratspläne offenbart. Es beginnt eine Zeit des Feierns und der Freude, wie in fast allen Bollywood Filmen. Zwischen der Schauspielerin Joanna (Amrit Maghera) und dem Nachbarn wird sogar eine sanfte Liebesgeschichte angedeutet. Doch so sehr der Film am Anfang noch an Bollywood erinnert, so schnell wird er zu einem Drama, wie man es aus Hollywood gewohnt ist.

Die meisten Protagonistinnen orientieren sich mehr an westlichen Werten als am indischen. Deutlich wird es beim Kleidungsstil der jungen Frauen. Gerade einmal zwei Darstellerinnen tragen einen klassischen indischen Sari, während die Sängerin Mad (Anushka Manchanda) mit zerrissenen Jeans der westlichen Mode folgt. Das kommentiert Laxmis Großmutter verständnislos mit den Worten: „Wer kaputte Kleidung trägt, hat auch ein kaputtes Leben!“

Die Abneigung gegen Bollywood wird auch besonders deutlich an Friedas Cousine Pam (Pavleen Gujral). Reist sie am Anfang noch als die perfekte indische Ehefrau in wunderschönem Sari an, tauscht sie diesen kurz darauf gegen Hotpants und Top. Diese äußere Wandlung zeigt zugleich ihre Innere. Sie entscheidet sich gegen ihre Ehe und für eine Karriere. Dafür nimmt sie sogar Obdachlosigkeit in Kauf. Alle Frauen versuchen ihre Leben in ihre eigenen Hände zu bekommen. Ihre kämpferische Art zeigen sie ebenfalls in einer Szene, in der sie sich mit der indischen Göttin Kali vergleichen und sich sogar selbst als Göttinnen inszenieren und Fotos davon schießen. Dieser Vergleich musste in Indien sogar zensiert werden.

Der zynische Umgang mit dem Bollywood-Gerne, aber auch mit den indischen Werten, hat seinen Höhepunkt, als eine der Frauen, Joanna (Amrit Maghera), vergewaltigt wird. Als die Freundinnen einen Rachefeldzug gegen die Vergewaltiger antreten, wandelt sich der Film auf einmal in einer Quentin-Tarantino-Manier fast schon zu einem Splatterfilm und erinnert nun mehr an Kill Bill. Der Zuschauer wird mit brutaler Rache und spritzendem Blut konfrontiert.

Absolut gelungen demonstriert Regisseur Pan Nalin, dass sein Film eigentlich von Anfang kein Bollywood-Schmachtfilm ist, sondern er nur mit dem Stil gespielt, ihn hinterfragt und letztlich zynisch abgelehnt hat. Jede Verbindung zum Bollywood-Genre ist zu einem harten Ende gekommen. Zurück bleiben die Freundinnen, die sich im Angesicht der Ungerechtigkeit gegenüber Frauen in Indien ihre Ermächtigung hart erkämpfen.

“7 Göttinnen” (OT: “Angry Indian Goddesses”), IND/D 2015, 103′
Regie & Drehbuch: Pan Nalin
Kamera: Swapnil S. Sonawane
Darsteller: Amrit Maghera, Rajshri Deshpande, Pavleen Gujral, Anushka Manchanda, Sandhya Mridul, Sarah-Jane Dias, Tannishtha Chatterjee
Verleih: NFP
Kinostart: 16.06.2016 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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