Blick-Inflation

www.indiewire.comOldboy-Schöpfer Park Chan-wook scheint mit seinem US-Debüt Stoker (USA 2013) in den ersten Minuten an die formale Kunstfertigkeit des zweiten Teils seiner Rache-Trilogie anzuknüpfen. Gewohnt stilsicher inszeniert er einen Verkehrsunfall, indem er ihn nicht zeigt, er lässt ihn lediglich als scheppernde Soundspur im Off geschehen und stellt ihn ans Ende einer schönen Kamerafahrt durch altmodisch-edel ausgestattete Räumlichkeiten. Umgehend hängt man Haken, jedoch nur um kurze Zeit später festzustellen, dass der Sinnesköder seiner Funktion als falsche Hoffnung alle Ehre macht. Denn ebenso wie der Kollisionslärm ein Kontrast zum Bilderreigen darstellt, folgt auf die gelungene Exposition ein wenig origineller Mystery-Thriller, der sich allzu sehr um zerkaute Fingernägel bemüht und trotz aller Versuche einer hohen narrativen Viskosität in erste Linie ein gepflegter Langweiler ist, den seine wenigen guten Momente nur teilweise retten können.

Zuviel Gesichter entziehen der zwielichtigen Geschichte ihren Reiz. Zuviel Gesichter, die finster, geheimnisvoll, verbittert oder erbost-verweint dreinblicken. Man fühlt sich gelenkt und instrumentalisiert, daran erinnert, dass man gerade im Kino sitzt und die da auf der Leinwand ihre baukastenartige Charakterzeichnung affektieren. Ein Stückweit soll das so, doch Chan-wook spielt Kopflenkrad mit cinephilen Detektiven, die auch mit einem weniger straffen Mienenspielstakkato ausgekommen wären. Ich-führe-was-im Schilde-Blicke nebst psychopathisch-starrem Gegrinse sind besonders Onkel Charlies Stärken, der zunächst als heimlicher Glotzer der Beerdigung des Vaters von Hauptprotagonistin India beiwohnt. Letzterer starb beim auditiv zelebrierten Crash, sein Bruder mischt sich dann nach und nach in das Leben von India und deren Mutter Evie. Die Folge sind mehr als nur unangenehme Tischsituationen.

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Denn der schöne Onkel verängstigt aber fasziniert India, feuchtfröhlich fantasiert sie von Liebeleien mit ihm und irgendwie scheinen die beiden auf einer paranormalen Ebene miteinander zu kommunizieren. Seine Anwesenheit weckt jedoch nicht nur Lindas Gelüste, sondern sie wird zusehends gewalttätiger und greift auch mal zur Waffe. Wie eine Anna Karina in Jean-Luc Godards Pierrot le Fou nimmt sie den geneigten Zuschauer ins Visier, als wolle sie ihm ein Zeichen geben: jetzt bin ich am Drücker und starre zurück, fühlt euch ruhig angesprochen – mit einem halben Lächeln im Gesicht, pastellgefärbt. Über Kimme und Korn gibt es diese Adressierung – wenn auch weniger frontal, sie zielt quasi auf den Sitznachbarn – in Bo Arne Vibenius’ Rape-Revenge-Exploitationreißer They Call her One Eye, zu verstehen als unmissverständliches Rachesignal und performative Umstrukturierung der Machtpyramide. Und sie meint es ernst. Ein Knall vor den Latz, den man spürt. Liebend gerne geht man da in Deckung.

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In Stoker verpufft dieser Blick durchs Zielfernrohr. Na und, dann zielt die halt auf uns. Der schwül-mysteriöse Touch raubt der Geschichte ihre zumindest anfängliche Kernigkeit, da will dann auch das auf Schockschwerenot gemachte Ende nicht so recht überzeugen. In dieser Mixtur spielt Nicole Kidman als unterkühle Aristokratendame eine ambivalente Rolle, vom Bruder ihres verstorbenen Ehemannes ist sie – was für eine Überraschung – dennoch ganz und gar nicht abgeneigt. Ihr vor traurigem Stolz vertränter Blick wird recht fix ihr repetitives Markenzeichen, anmutig arrangiert im auf den zweiten Blick etwas muffigem Innern der Villa, welches der Regisseur dann doch recht gelungen einfängt, auch wenn Haunted-Mansion-Anflüge nicht von der Hand zu weisen sind, die es wiederum keineswegs gebraucht hätte. Und auch die ein oder andere (Sinn)ebene weniger hätte dem Film sicher gutgetan.

Stoker, USA 2013, 99′
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Wentworth Miller, Erin Cressida Wilson
Kamera: Chung Chung-hoon
Darsteller: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode,
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH
Kinostart: 09.05.2013

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