Blancanieves

Carmen (Macarena García) ist die Tochter des berühmten Stierkämpfers Torero Antonio Villalta (Daniel Giménez Cacho). Weil die Mutter bei ihrer Geburt stirbt, wird sie zunächst vom Vater verstoßen und von der Großmutter aufgezogen. Als auch diese verstirbt, muss sie zu der angeheirateten Stiefmutter und machthungrigen Sadistin Encarna (Maribel Verdú) ziehen, wo sie vom Vater ferngehalten und als Arbeitskraft ausgebeutet wird. Der Film Blancanieves ist nach dem oscarprämierten The Artist nun ein weiterer Schwarzweißfilm, der im klassischen 4:3-Bildformat gedreht wurde und ganz ohne gesprochene Dialoge auskommt. foto-blancanieves-16-771Er ist, wie der Titel übersetzt schon andeutet, die spanische Antwort auf Schneewittchen, dem wohl bekanntesten grimmschen Märchen. Der zentrale Aspekt in der ursprünglichen Version ist der Gegensatz von guter und böser Weiblichkeit. Auf der einen Seite ein zerstörerischer weiblicher Schönheitswahn, dargestellt durch die böse Königin, auf der anderen Seite steht Schneewittchen als die personifizierte Unschuld. Im Original ist Schneewittchen ein gutherziges aber einfältiges Mädchen, das abhängig von männlichen Rettern ist und so beschränkt, dass sie dreimal hintereinander vergiftete Dinge von einer fremden Person annimmt (Gürtel, Kamm, Apfel), ohne auch nur einmal dazuzulernen. Blancanieves schließt sich leider zu einem Teil diesem altbackenen Märchenideal an. „Wer ist die Schönste im ganzen Land“, wird zunächst einfach gegen „Wer ist die Mächtigste“ ausgetauscht. Die Stiefmutter will Carmen tot sehen, um an ihr Erbe zu kommen und später gönnt sie ihr den Ruhm in der Stierkampfarena nicht. Jede Einstellung im Film mit ihr strahlt diese bösartige Machtgier aus. Zum Beispiel zeigt sich Encarna in der Öffentlichkeit gerne mit mehreren großen Hunden an der Leine, oder lässt sich als Königin verkleidet für ein als Portrait malen. Grafische Spielereien wie Flammen im Hintergrund der Stiefmutter sollen diesen Effekt noch verstärken, wirken aber ungewollt komisch. Eines schafft der Film aber allemal: Man hasst die Figur von der ersten Sekunde an. Da keine Worte ihre dunkle Seele widerspiegeln, erdrückt sie den Zuschauer geradezu mit ihrer wütenden und hämischen Gestik. Wenn sie lacht, quellen ihre hasserfüllten Augen fast aus den Höhlen. blancanieves_maribel_verduAber warum ist sie denn eigentlich so böse? Die Motivation oder das Schicksaal des Bösewichts wird wie im typischen Märchen nicht thematisiert, obwohl dies doch viel spannender wäre als die der langweilig moralisch einwandfreien, selbstlosen und demütigen guten Helden. Die Stiefmutter kann „natürlich“ keine wahre mütterliche Liebe empfinden und muss daher einfach schlecht sein. Der berühmte vergiftete Apfel als Symbol für eine spezifisch weibliche Bösartigkeit darf auch nicht fehlen. Denn Giftmord gilt als die feige und daher als weibliche Art zu töten. Des Weiteren fällt die Darstellung der Sexualität unangenehm auf. Durch ein Schlüsselloch beobachtet Carmen ihre Stiefmutter in Lederdessous und mit Peitsche, mit der sie ihren engsten Diener zum Reittier degradiert. Ihre Dominanz über den Mann und ihre ausschweifende Sexualität erscheint hier obszön und bedrohlich. Die böse Frau ist sexuell aktiv, dominant und experimentierfreudig, während die Sympathieträgerin Carmen als Jungfrau idealisiert wird. Carmen ist aber immerhin nicht ganz die typische Märchenprinzessin. Denn im Gegensatz zu den ursprünglich wehrlosen und schwachen Märchen-Mädchen, erbt sie das Talent für den Stierkampf von ihrem Vater und wird durch ihr hartes Training und Fleiß ein großer Star in der Arena. Weibliche Märchenfiguren in einer moderneren Neuinterpretation nicht mehr als völlig hilflos dazustellen, ist längst üblich. Auch in dem Blockbuster Snow White and the Huntsman durfte die Prinzessin schon in Ritterrüstung eine Schlacht anführen. Märchen aber weniger sexistisch dazustellen, sollte heute wohl eher selbstverständlich sein und macht noch keinen interessanten Film aus. Spannend wäre zum Beispiel mal ein Schneewittchen als Antiheldin gewesen. Man sieht sie den ganzen Film über leiden und fragt sich, warum sie den größten und gefährlichsten Stier besiegen kann, aber ihre böse Stiefmutter nicht endlich mal die Treppe runterstößt.11130 Leider wurde sich insgesamt trotz ganz spannender Stierkampfeinlagen zu sehr am Original langgehangelt. Einzig der Einbezug von spanischer Kultur stellt etwas Neues dar. Beispielsweise werden die sieben Zwerge durch sieben kleinwüchsige Toreros eingetauscht. Aufregend ist das nicht. Daher überrascht das wirkliche gut gemachte Ende des Films. Unerwartet grotesk und grausam, endlich mal ein Märchen ohne Happy End. Da ist Blancanieves endlich auch mal innovativ. Es bleiben zudem noch die schönen Bilder, eine nette Musikunterlegung und tolle Kostüme. Der Film ist letztendlich eine Hommage an eine vergangene Zeit, in der die Filme eben noch schwarzweiß-, und Märchen noch realitätsfern, sexistisch und voller stereotyper Figuren waren.

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Blancanieves
Spanien 2012
Kinostart Deutschland: 28. November 2013
Regie und Drehbuch: Pablo Berger
Produktion: Arcadia Motion Pictures
Ausführender Produzent: Pablo Berger
Verleiher: AV Visionen
Komponist: Alfonso de Vilallonga
Kamera: Kiko de la Rica
Besetzung: Maribel Verdú, Macarena García, Daniel Giménez-Cacho, Sofia Oria
Genre: Drama

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