Bilder vom Niedergang

Der Untergang der Welt ist ein bedeutendes Thema in unserer Kultur. Fragen über das „was wäre wenn“ und „was wäre danach“ dienen als Aufhänger vieler Bücher, Comics, Videospiele und Spielfilme. In Michael Bays Armageddon rettet Bruce Willis in letzter Sekunde die Welt und ein kollektiver Blick schweift in Richtung einer Zukunft, die von Neubeginn und Aufbau geprägt ist. Noch einmal Glück gehabt. Dass Steve Buscemi gegen Ende des Films den Major Kong macht stellt angesichts des stellenweise unerträglichen Patriotismus’ eines der deplatziertesten Versatzstücke aller Zeiten dar. Aber das nur mal am Rande.

Im Grunde ist Bays (im wahrsten Sinne des Wortes) Blockbuster ein Film über Kontrolle im Angesicht des universellen Chaos’. Die zentrale Frage des Films lautet also, ob wir Menschen eine globale Bedrohung abzuwehren imstande wären oder nicht. Wie weit reicht also die Kontrolle der Menschen? Und wo beginnt Machtlosigkeit? So wird das Wechselspiel aus Macht und Ohnmacht und damit einhergehend die Demonstration von Macht bzw. Entlarvung der Ohnmacht für Filme dieser Art zum Spiegel einer menschlichen Urangst: Dem Kontrollverlust. Auf der anderen Seite stehen die Bemühungen um die Rückgewinnung der Kontrolle; Strategien zur Abwehr gefährlicher Himmelsköper dürften so einige Schubladen füllen. Aus dem „was wäre wenn“ strahlen demnach schon einige Optionen, wie man im Ernstfall handeln könnte.

Dies ist ebenso wenig Science-Fiction wie die Tatsache, dass 150 Millionen Kilometer von uns entfernt ein gleißender Feuerball schwebt, der auch mal schlechte Laune haben kann. Roland Emmerich ließ sie gar wüten und inszenierte in 2012 den gewaltigsten koronalen Massenauswurf der Filmgeschichte. Eine angeschmolzene Erdkruste und Tsunamis auslösende Erdbeben sind die Folge dieses desaströsen Sonnensturms. Zwar ändert sich das Erscheinungsbild der Welt dadurch drastisch, gänzlich unter geht sie aber nicht. Afrika bleibt verschont, ist nach der Katastrophe der höchste Punkt der Erde und dient als Kontinent des Neubeginns. Bezeichnend ist die Rettung vieler Menschen durch hochmoderne Archen. Das biblische Ausmaß der Zerstörung wird durch ein ikonisches Symbol für das Ende und den Neuanfang sowie einer ethischen Abhandlung über die zentrale Grundfrage, was den Menschen zum Menschen macht, verknüpft. Das ist dann doch zuviel des Guten, auch weil sich das Ganze zu einer Suche nach der versteckten Metaebene entwickelt, die – wenn man sie denn mal gefunden hat – so sehr aufgesetzt wirkt, dass man sich lieber noch einmal die erste Hälfte des Films und damit den tiefen Griff in die Trickkiste zu Gemüte führt.

In eben genannten Genrevertretern sitzen die Zuschauer vergnügt im Kino und lassen sich munter berieseln, während auf der Leinwand fast die Welt vor die Hunde geht. Die Faszination der ultimativen Dekonstruktion versprüht ohne Zweifel eine Faszination, der man sich nur schwer entziehen kann; unabhängig vom Gemütszustand. Doch es geht auch ohne viel Getöse, überkandidelte Familiendramen und überstrapaziertem Last-Second-Suspense im kollabierenden CGI-Wunderland. Lars von Triers titelgebender Planet Melancholia „erlöst“ die Erde in einem finalen Rumms und im Gegensatz zum Blockbuster-Apokalypse-Kino wird der Film stets weniger denn mehr. Am Ende fehlt gar die Luft zum Atmen und der einzige Aspekt der Kontrolle ist jener über die letzten Gedanken, mit denen die drei Übriggebliebenen über den Jordan wandern.

Eine weitere Besonderheit des Films ist der kleine Rahmen bzw. das stark begrenzte Areal, das teilweise fast schon eine Bühnenhaftigkeit annimmt und zur Intensität der Dekonstruktion beiträgt. Der nahende Weltuntergang überspielt sich quasi auf die Psyche der dort agierenden Charaktere, die unterschiedlich auf das unabwendbare Ende reagieren. So empfängt die depressive Justine Melancholia hingebungsvoll wie einen Liebhaber in Form einer sexuellen Kommunikation, sozusagen ein Flirt mit dem Exitus, der schlussendlich zu einer finalen Vereinigung – dem ultimativen Klimax – führt; und das nicht nur im metaphorischen Sinne. Denn obwohl der Film immer weniger wird, ist die anstehende Kollision trotz eines langsamen Erzählrhythmus’ die Zuspitzung auf einen Höhepunkt. Und mal ehrlich: Wenn zu Wagners “Tristan und Isolde” zwei Planeten zusammenstoßen, dann kann von Minimalismus nicht mehr die Rede sein.

Interessant wird es, wenn ein Film mit wenig beginnt und im Nichts endet. So ist Béla Tarrs The Turin Horse ein Film über den Tod, ohne ihn unmittelbar zu inszenieren. Jedoch ist er überall. Das kleine Häuschen, das da mitten im apokalyptischen Vortex zu stehen scheint, eingebettet in ein unwirkliches, zeitweise surrealistisch anmutendes Szenario, erweckt ebenso das Gefühl von Niedergang und Einsamkeit, wie es Vater und Tochter tun, die im Innern auf ihren Tod warten. Im Gegensatz zu eben genannten Filmen, bei denen es einen bestimmten Zeitpunkt gibt, ab dem man von der nahenden Katastrophe erfährt, ist man hier gleich mittendrin. Die Apokalypse ist sozusagen im Gange. Und obwohl Tarr durch die langen Einstellungen und die klare und einfache Erzählstruktur kaum Spielraum für allegorische Interpretationsräume eröffnet, lässt sich ein gewisser mystischer Touch nur schwer abstreiten. Denn der Sturm umhüllt scheinbar alles in sichtbarer Nähe und wütet ohne Unterlass während der sechs Tage, die dem Film seine Struktur geben. Ein Besucher berichtet in wirren Worten vom Ende, bevor er schneller als er gekommen ist, auch wieder verschwindet; ein kurzer metadiegetischer Moment, der sich nicht wiederholt. Die anhaltende Intensität des Windes und die vielen kleinen Hinweise auf das nahende Ende stehen zumindest ein wenig der Klarheit und Eindeutigkeit des Rests gegenüber, machen aus dem Werk aber keineswegs einen Fantasy-Film oder dergleichen; erzählt wird keine Geschichte von einer höheren Macht. Zudem ist der Film überaus klar konzipiert, jeder Tageswechsel wird sogar durch einen Schriftzug angekündigt.

Jene Tage sind in The Turin Horse stark ritualisiert, was besonders das Kartoffelessen, das Ankleiden und den regelmäßigen Blick aus dem Fenster betrifft. Letzterer ist das Sinnbild der Konfrontation mit dem eigenen Schicksal, gepaart mit der Hoffnung, der Sturm würde irgendwann nachlassen. Doch die Frage an dieser Stelle lautet: Wäre ohne den Sturm die Situation eine bessere? Letzterer als zentrales Element findet sich auch in Jeff Nichols’ Take Shelter wieder. Der Sturm findet hier im Kopf der Hauptfigur Curtis statt, in seinen Albträumen, als ein unliebsamer Begleiter, der sich schlussendlich doch noch zu manifestieren scheint. Der Bruch in der Trauminszenierung könnte dies zumindest vermuten lassen. Ist bei Take Shelter der Sturm in erster Linie eine Metapher für Angst, die sich bewahrheitet und zur echten Bedrohung wird – oder auch nicht – ist er bei The Turin Horse real und verwandelt die Außenwelt in eine diffuse Landschaft, die im Nirgendwo endet.

Nicht etwa ein Anfang und dann ein Ende, sondern ausschließlich letzteres, das sich über 146 Minuten erstreckt, bildet das Grundgerüst des Films. Das Wasser geht zur Neige, das Pferd verweigert Nahrung und am Schluss geht einfach das Licht aus. Ist 2012 ein Sternwerfer, dann ist The Turin Horse eine Kerze, kurz bevor sie erlischt. Die ganze Zeit über wird wenig gesprochen und im Grunde passiert eigentlich nichts. So gesehen ist The Turin Horse auch ein Film über das Nichts, denn nicht umsonst wählt das Pferd den Hungertod: Es gibt keinen Grund weiterzuleben. Die letzte Einstellung zeigt Vater und Tochter am Tisch mit rohen Kartoffeln auf den Tellern. Sie sind umhüllt von Dunkelheit. Nach einem Bissen legt der Vater die Kartoffel zurück in den Teller. Ende. Man sagt so schön die Hoffnung sterbe zuletzt. In The Turin Horse stirbt sie gleich zu Beginn. Zuletzt schwindet der Wille weiterzuleben.

Béla Tarrs Werk ist ein kompromissloser Film über den Niedergang, der eine intensivere Wirkung entfaltet als praktisch alle Blockbuster-Zerstörungsorgien zusammen. Die, ich möchte sagen, zelluloide Verwesung, das Gefühl der Ohnmacht und die Tatsache, dass man sich beinahe gezwungen fühlt, seine eigene Sterblichkeit zu reflektieren, machen The Turin Horse zu einem ebenso unangenehmen wie großartigen Film, dessen eindringliche Wirkung noch lange Zeit anhält. In der Riege der apokalyptischen Filme ist der Untergang von schleichender Weise, ganz ohne Effekte und ausführliche Explikationen, sondern schlicht und einfach da, von der ersten bis zur letzten Minute, ohne Hoffnung und Kontrolle über die Situation und das definitiv und unumstößlich.

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