Bestiaire

Vic und Flo haben im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zumindest dem Titel nach einen Bären gesehen (und ihr Regisseur Denis Côté den Alfred-Bauer-Preis). Im letzten Jahr hat er im Forum aber viel mehr Tiere gezeigt. Sein Film Bestiaire kommt jetzt ins Kino.

Kann man noch einen Film über Zoos drehen? Aufgrund der zahlreichen größeren und kleineren Formate im Fernsehen über Tiere, braucht es schon ein starkes Konzept, um aus dem Gegenstand noch ein lohnenswertes Kinoereignis zu machen. Karl Kels schaffte das, in Flusspferde hatte er die Kamera wochenlang am selben Ort aufgestellt, um anschließend den Ort intakt zu lassen und die Zeit dahinter auszutauschen. Oder vor zwei Jahren Nicolas Philibert, der den Orang-Utan Nénette eine Stunde lang durch die Glasscheibe des Geheges beobachtete – und in der Reflexion der Scheibe eine über das Kino anstellte.

Côtés Dokumentarfilm ist zwar nicht weniger streng, letztendlich aber weniger überzeugend. In Bestiaire geht es um den Blick des Menschen auf das Tier, was in jeder guten Tierdokumentation auch Thema sein sollte, allerdings erschöpft sich der Film darin auch. Die Aufnahmen stammen aus einem Zeichenkurs, wo Studenten ein ausgestopftes Reh abzumalen versuchen, aus der Werkstatt eines Tierpräparators und aus einem Wildgehege in Québec. Die Bilder des letzten Teils sind dabei die interessantesten. Die Einstellungen sind meist sehr ungewöhnlich, sehr lang und oft nicht so kadriert, wie man es erwarten würde: selten sind die Tiere ganz zu sehen, oft sind die Köpfe oder andere Körperteile “abgeschnitten”. Und immer wieder blicken sie in die Kamera. Da Côté im Winter gefilmt hat, sind die Tiere häufig in ihren Gehegen, wo sie von den Pflegern versorgt werden, wobei Côtés Einstellungen oft suggerieren, dass hier beide, Tiere wie Menschen, eingesperrt sind. Auf der Tonebene ist der Film ähnlich artifiziell. Kaum ein Ton stammt wirklich vom zu sehenden Bild, häufig schafft Côté auf der Tonspur ein hors champ, das sehr bedrohlich ist: man hört das Rütteln an Gittern, Tierlaute, Bestien eben.

Dass man Tiere lange beobachtet und der Blick der Tiere damit thematisiert wird, ist nun aber auch keinen abendfüllenden Film mehr wert. Man hat den Eindruck, dass Côté seine Bestien nicht in den Griff bekommt, dass ihm die entscheidende Idee für den Film gefehlt hat. Die Floskel vom auf sich selbst zurückgeworfenen Zuschauer ist auch für den Zoofilm endgültig verbraucht.

Bestiaire, Kanada/Frankreich 2012, 72’
Buch&Regie: Denis Côté
Verleih: Arsenal distribution
Kinostart: 25.4.2013

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