Beautiful Boy

Bevor Beautiful Boy in Deutschland überhaupt gestartet ist, wurde der Film in den USA bereits mit diversen Golden Globe-Nominierungen bedacht – auch wenn er letztendlich keinen gewann, und bei den Oscar-Nominierungen gar nicht erst berücksichtigt wurde, war bereits für mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Aber ist diese im Falle von Beautiful Boy gerechtfertigt? Oder entsteht hier ein Hype um ein künstlich konstruiertes Phänomen?

Vieles an Beautiful Boy scheint pure, kalte Berechnung. Die Hauptrollen wurden mit momentan sehr bekannten Namen besetzt (Steve Carell und Timothée Chalamet), als wollte man somit garantieren, die Zuschauer scharenweise in die Kinos zu locken. Vor allem der geschickt gesetzte visuelle Fokus auf den namensgebenden Beautiful Boy scheint diese Theorie zu bestätigen – dass sich der Titel auf den gleichnamigen Song von John Lennon und nicht auf die physischen Attribute des Jüngeren der beiden Protagonisten bezieht, wird zwar in einem Nebensatz im Film angedeutet, dürfte aber an vielen vorbeigehen. Überhaupt geizt der Film nicht mit Namedropping und – zugegeben sehr guter – Musik. „Territorial Pissings“ von dem Album der 1990iger, „Nevermind“ von Nirvana, ist der Grund, warum vor allem eine bestimmte Szene im Gedächtnis bleibt. Viele Namen, noch mehr Musik, Großaufnahmen eines hübschen Jungen, den nichts zu entstellen vermag – es scheint, als müsste irgendetwas gefunden werden, was die Existenz dieses Filmes rechtfertigt. Ist dem so? Hat Beautiful Boy es nötig?

Leider – ja, irgendwie. Der Blick auf den Inhalt des Films verspricht bewährte Kost. Verfilmte Biografien, Chronologien von Sucht, Zerstörung durch Drogen, das alles ist nicht neu. Man denkt an Klassiker wie Requiem For A Dream (2000, Darren Aronofsky) oder auch Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981, Uli Edel). Und Beautiful Boy kann diesen altbekannten Themen weder einen neuen Anstrich verpassen, noch eine interessante Facette entlocken. Christiane F. erbricht Blut quer über ihr Bett, der Beautiful Boy hat eine spröde Unterlippe, Christiane F. geht auf den Babystrich, Beautiful Boy sackt von der öffentlichen Toilette, weil er sich nicht von seinem Vater nach Hause bringen lassen möchte. Natürlich ist es richtig und wichtig zu zeigen, dass ein gutes Elternhaus nicht vor Drogensucht und deren Ursachen schützen kann, doch Beautiful Boy bleibt trotz der schwermütigen Thematik stets bequem harmlos – zwangsläufig stellt sich die Frage, ob im Jahre 2019 wirklich noch die Notwendigkeit eines Filmes besteht, der erklärt, dass Drogen nicht gut sind. Zwar scheint hinter dem Projekt echtes Herzblut zu stecken, schließlich werden hier die Autobiografien des wirklich existierenden Vater-Sohn-Gespanns David und Nic Sheff verfilmt. Nur was, wenn die Charaktere, die auf echten Menschen basieren, einem recht egal sind? Und der Film dadurch umso mehr an Wirkkraft verliert?

Fragmentarisch und kaum linear wird Nic Sheffs Sucht dokumentiert – gleichzeitig stellt der Film auch eine Chronologie des Kampfes seines Vaters David dar, der sich weigert, seinen Sohn aufzugeben. So wechseln sich Sucht, Entzug, Angst und Hoffnung ab und mit jedem neuen Durchspielen dieses Kreislaufs scheint Nic nur noch tiefer hinab zu sinken. Schlimmer noch, im Gegensatz zu seinem Vater, der ihn clean und glücklich am Leben wissen möchte, scheint Nic die Drogen als Teil seines Lebens akzeptiert zu haben, ja, sogar willkommen zu heißen. Tatsächlich argumentiert Nic so einleuchtend, dass etwa Crystal Meth wirklich ein akzeptabler Weg zu sein scheint, die innere Leere zu füllen und nicht mit unangenehmen Aspekten des Lebens konfrontiert werden zu müssen.

Genau dort macht Beautiful Boy einen gravierenden Fehler – die Fatalität des Konsums harter Drogen wird zwar angesprochen und Nic setzt sich in verschiedenster Weise großen Gefahren aus, aber trotzdem bleibt der Film zahm. Ihm fehlt an Schlagkraft. Die Bedeutungsschwere von Nics Tun kommt nicht zum Tragen und die Auswirkungen von Drogenkonsum werden zwar immer wieder angesprochen, scheinen aber von nicht allzu großer Bedeutung zu sein. Nics Sucht wird sich in Gehirnschäden niederschlagen, klärt der Arzt David und seine Frau auf. Doch alles, was mit Nic geschieht, scheint mit einer kalten Dusche wieder schnell behoben zu sein. Alles, was ihn zu entstellen droht, ist nicht von Dauer. Es geht nicht ums Aufklären, ums Aufrütteln. Es geht um das Happy End, um die Gewissheit, dass alles gut werden wird.

Beautiful Boy bleibt ein beautiful boy. Aber das ist nicht das wahre Leben, das ist Hollywood. Und selbst in Hollywood dürfen auch die schwersten Schicksale nicht hässlich werden, der Silberstreif am Horizont muss stets greifbar sein. Wer würde sich das auch sonst anschauen?

 

Beautiful Boy, USA 2018, 112 Min.

Regie: Felix van Groeningen

Buch: Luke Davies, Felix van Groeningen, basierend auf den Autobiografien von David und Nic Sheff

Kamera: Ruben Impens

Schauspieler: Steve Carell, Timothée Chalamet, Maura Tierney, Amy Ryan

Verleih & Bildrechte: NFP marketing & distribution

Kinostart: 24. 01. 2019

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