Beat Beat Heart

Am Anfang ist alles schön bei Kerstin und Thomas. True love forever, sie kommen aus der Knutscherei und Träumerei gar nicht mehr heraus. Aber dann geht Thomas, lässt Kerstin mit dem riesigen Gasthof, den sie zusammen renovieren wollten – und damit verbunden auch mit all ihren Zukunftsträumen – alleine zurück. Doch das Ende der Beziehung will sie nicht wahrhaben und so imaginiert sie ihre große Liebe immer wieder zurück in die Realität, kann sich in ihren Träumen nicht von ihm losreißen, wartet und wartet und wartet auf seine Rückkehr. Beat Beat Heart, gleichzeitig Abschlussfilm und Langfilmdebüt von Luise Brinkmann (Regie) und Mathis Hanspach (Kamera), erzählt dieses Ende einer viel zu perfekt sein wollenden Beziehung auf mehreren Ebenen. Unvermittelt setzt der Film bei der herumliegenden, wartenden Kerstin in der Gegenwart an, springt aber immer wieder in die Vergangenheit und in die imaginierte Welt. So erschließen sich nach und nach die Probleme, die beide miteinander hatten, und die Aussichtslosigkeit von Kerstins verblendeter Hoffnung auf Thomas’ Rückkehr wird schnell deutlich. Mit losgelöster Kamera und eingetaucht in sommerlich-helles Licht werden die feel-bad-Momente der Protagonistin in das Gerüst eines feel-good-Movie gesteckt und das durchweg improvisierte Schauspiel verleiht dem Film eine Spontaneität, die die Zuschauer immer wieder leichtfüßig in ihren Bann ziehen kann. Die Ansätze sind interessant, sowohl formal als auch narrativ – wäre da nicht das ganze Drumherum. Fast permanent mit Musik untermalt fühlt man sich zwischenzeitlich eher wie in einer Til Schweiger Romanze als in einem dem “German Mumblecore” zugewiesenen Film. Wobei der ja sowieso nicht viel mit dem namengebenden US-amerikanischen Genre gemeinsam hat, bis auf die Improvisation und das niedrige Budget. Aber für Genre-Zuordnungen dieser Art können die Regisseure natürlich in den meisten Fällen nichts und sie spielen bei der Auseinandersetzung mit diesem Film eigentlich auch keine große Rolle.

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Brinkmann konzentriert sich nicht auf eine Geschichte, sondern überlädt die Erzählung mit diversen Nebensträngen und plakativen Ideen. Mama Charlotte kommt zu Besuch und zieht nach eigener Trennung auf unbestimmte Zeit bei ihrer Tochter ein, deren Mitbewohnerin Maja sich durch das vielfältige Angebot einer Dating-App vögelt und das befreundete Pärchen muss natürlich auch in der Krise stecken – weil er zu romantisch ist und im Gegensatz zu seiner unerträglichen Freundin an die Liebe glaubt. Überhaupt werden permanent die Romantikerinnen gegen die Pragmatikerinnen ausgespielt, wobei beide Seiten ganz groß darin sind, über die jeweils andere Einstellung zu urteilen und sich dafür gegenseitig fertig zu machen. Frauen, die sich gehässige Blicke zuwerfen und passiv-aggressive Kommentare ablassen, gehen schließlich immer. Und dazwischen dann der Mann, der nur nach Liebe strebt. Stellenweise kommt man aus dem Augenrollen nicht mehr heraus, eine Figur wird nerviger als die andere. Zu allem Überfluss wird dann auch noch die Mutter zum online-Dating überredet und die Tinder-Welt wird buchstäblich als Wald voller Männer, die man nur antippen muss, dargestellt. Und weil die plumpe Visualisierung ein einziges Mal nicht ausreicht, finden sich gleich zwei dieser gewollt witzigen, aber letztendlich flachen Szenen im Film (fairerweise muss man sagen, dass ich mit dieser Ansicht wohl in der Minderheit bin und der Einfall beim Großteil des Publikums ganz fantastisch angekommen ist, dem hysterischen Gelächter und den Kommentaren beim anschließenden Q&A nach zu urteilen).

Die abschließende Sequenz kann den Film zwar nicht retten, mich aber doch ein bisschen versöhnen: Am Ende wird ein Dorffest besucht, das so unverfroren klischeehaft ist und von Regisseurin und Kameramann absolut ausgekostet wird, mit allem was dazu gehört. Eifersuchts-Eskalation mit Schlägerei, Disco Fox, Wurst und Bier, kotzen, tanzen, Dixie-Klo – eingetaucht in bunte Lichter und Schlagermusik geben sich alle der stumpfen Ekstase hin. Endlich verabschiedet sich der Film zumindest ein wenig von prätentiösen Hipster-Zwängen und lässt sich, mitsamt seiner Protagonistin, einfach gehen. Anstatt sich in der aufgedrängten Witzigkeit, den selbstverliebten Figuren und der Frage nach “Generation beziehungsunfähig” vs. “hoffnungslose Romantiker” zu verlieren, dürfen alle ein paar Momente vor sich hintreiben. Dabei vergisst man dann fast die unangenehme Erkenntnis, dass ein Film, der starke, eigensinnige, unabhängige Frauen und ihre vielfältigen Perspektiven zeigen möchte, diese doch immer wieder auf ein Thema fixiert: Liebe.

30. Filmfest Braunschweig, Sektion: Neue Deutsche Filme
Beat Beat Heart, Deutschland 2016, 86′
Regie & Buch: Luise Brinkmann
Kamera: Mathis Hanspach
Schnitt: Maren Unterburger
Darsteller: Lana Cooper, Saskia Vester, Till Wonka
Verleih: ifs internationale filmschule köln GmbH

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