Barbarians

Wenn die eigene Mutter die Nominierungen bei Big Brother ihren Kindern vorzieht und wenn der Verkauf von Schusswaffen zur Alltäglichkeit wird, dann befindet man sich, so zeigt es zumindest Ivan Ikic, in den postindustriellen und perspektivlosen Einöden Serbiens. In seinem Langfilmdebüt zeichnet Ikic das altbekannte und trotzdem noch wirkungsvolle Portrait einer Jugend, die sich selbst überlassen schon längst die Schulbank gegen die Stadiontribüne und den Liebesbrief gegen das Sex-Video eingetauscht hat.

Barbarians

Teil dieser Jugendkultur ist auch Luka (Željko Marković), der mit seinem Bruder und seiner permanent aggressiven Mutter in einem Sozialbau in der Nähe Belgrads aufwächst. Sein gesamtes Interesse gilt hierbei nur dem lokalen Fußballverein und Stefanie (Marija Rakić), einer Klassenkameradin, welche jedoch ein höchst arbiträres Verhältnis zu Luka führt. Gemeinsam mit seinem besten Freund Flash (Nenad Petrović) eifert er zwischen Sportstudio, Fußballstadion und Internetcafé, wo die neusten sexuellen Errungenschaften stolz präsentiert werden, einer stereotypischen Männlichkeit nach, während sein eigener Vater die Familie für eine andere Frau verlassen hatte. Und als ob dieses Netz aus sozialen Problematiken nicht schon eindringlich genug wäre, webt Ikic im Laufe der Narration noch immer weitere Fäden ein: Sei es nun der Rassismus im Fußball oder die Unabhängigkeitsproteste im Kosovo. Dabei ist die für Luka verordnete Sozialarbeiterin, als einzige Instanz, die noch Hilfe versprechen vermag, jedoch schnell mit einer Drohung und einer an die eigene Kehle angelegten Schere außer Kraft gesetzt.

Barbarians Luka

Nur mit Laiendarstellern und ohne festes Drehbuch gelingt Ikic mit Barbarians ein Jugenddrama, dessen wesentliche Dramatik in einer Abwesenheit jeglicher Emotionalität liegt. Luka hält die komplette Laufzeit über, selbst in Momenten expliziter Gewalt, sein sehr reduziertes Mienenspiel aufrecht. Nie kommt es zu einem Ausbruch von Wut oder Verzweiflung. Barbarians inszeniert sich als ein Fragment sozialer Wirklichkeit, nicht zuletzt aufgrund des erschöpfenden Einsatzes der shaky cam. Der Film ist ein Sammelsurium aus Problemen und Konflikten inmitten einer Atmosphäre des Zerfalls, ohne jegliche Bemühungen diese auch nur ansatzweise zu beheben. Man hat sich an sie gewöhnt. Es gibt keine Alternative. Und so verzichtet Ikic auch auf eine didaktisches Aufbereitung samt moralischer Quintessenz, sondern endet seinen Film mit einer Einsicht der Trostlosigkeit.

Sektion: Wettbewerb
weiterer Termin auf dem Filmfest Braunschweig: 15.11

Varvari (OT) / Barbarians, Serbien & Slowenien 2014, 87′
Regie & Drehbuch: Ivan Ikic
Kamera: Miloš Jacimović
Darsteller: Željko Marković, Nenad Petrović, Jasna Djuričić
Verleih & Bildrechte: Wide Management

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