Bal

Eigentlich hat BAL von SEMİH KAPLANOĞLU alle Zutaten, die einen dieser furchtbaren Arthouse-Filme erwarten lassen. Diese sind ebenso konservativ und marktorientiert wie ihr Pendant, der kalkulierte Blockbuster. Sie richten sich überwiegend an ein bildungsbürgerliches Publikum über vierzig, kulturinteressiert, das ins Kino geht, um sich gepflegt zu unterhalten, dabei das Multiplex aufgrund von Popcorn und den vielen Jugendlichen aber meidet. Die entsprechenden Filme haben gerne sozialkritische Probleme, häufig mit einem Schuss Humor und guten Menschen in der Hauptrolle. Aber nichts, was nicht am Ende des Films gelöst wäre und zur weiteren Beschäftigung anregt. Stammen diese Filme aus Frankreich, geht es meist um Eheprobleme und nackte Haut. BAL kommt aus der Türkei. Der Film wird mit der Schönheit der Bilder beworben, der Einfachheit der Geschichte und – untrügliches Zeichen, den Film getrost zu verpassen – er hat bei der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären bekommen. BAL scheint zu bieten, was der Feuilletonleser im Kino sucht: Exotismus (die Geschichte spielt in einer sehr ländlichen, bäuerlichen Gegend der Türkei) und Zivilisationskritik (Youssef, der Junge, der im Zentrum der Geschichte steht, kommt in der Schule nicht so gut mit und würde lieber mit seinem Vater, der Honigsammler ist, durch die Wälder gehen). Trotzdem ist BAL anders – und weshalb er der beste Berlinale-Preisträger der letzten Jahre ist, ist gar nicht so leicht zu begründen.

Kamera
Der gewöhnliche Exotismus der oben erwähnten Arthouse-Filme besteht in langsam abgeschwenkten Landschaftsbildern, gerne mit Musik und außergewöhnlichen Schauplätzen. Die Landschaften von BAL sind auch schön, es sind hier überwiegend Wälder, die gefilmt werden. Beeindruckender aber – und hier zeigt sich das Können des Kameramanns BARIŞ ÖZBİÇER, sind die Innenaufnahmen. Die Häuser sind einfach und nicht besonders groß, trotzdem hat man Schwierigkeiten, die Orientierung in den Räumen zu behalten. KAPLANOĞLU gibt den Raum nur zögerlich Preis, das Verhältnis der Personen zueinander wird genauso aufgebaut und variiert wie auch ihr Leben in den Räumen. Immer wieder sind große Teile im Schatten, das Licht kommt von außen und hebt immer nur einzelne Aspekte hervor. Die einfache Einrichtung schreit einem auch nicht entgegen, dass man selbst viel zu viel angehäuft habe und Verzicht der Weg zum Glücklichsein sei. Wie die Räume inszeniert werden, erinnert viel mehr an die amerikanischen Filme von Murnau. Instinktiv hat man das Gefühl, dass die Gegenstände genau richtig so sind, man sie sich anders gar nicht vorstellen könnte. Der Abgleich mit der eigenen Wirklichkeit steht dabei ebensowenig im Vordergrund wie beim Betrachten eines Gemäldes.

Schauspieler
Wahre Könnerschaft der Regie zeigt sich u.a. in der Inszenierung von Kindern. Unerreicht ist hierbei der japanische Regisseur Ozu. Oft sind die Kinder bei ihm, was das Drehbuch angeht, nur ein Sidekick, aber für das Verständnis des Films sind sie meist der Schlüssel. Ihre fordernde Neugier ist die Anleitung mit der die Filme Ozus gesehen werden müssen. Dabei geht es nicht um den viel beschworenen unschuldigen Blick der Kinder, sondern um die Freude am Ungewohnten. Es gibt nichts Schlimmeres als Kinder in Kinderfilmen. Diese werden nach der Logik von professionellen Erwachsenen inszeniert, die ihre Sicht auf Kinder über den Umweg der inszenierten Kinder widerspiegeln (deswegen sind die dann so “frech” – auch eine Art Eskapismus). Youssef, der Junge in BAL, macht meistens große Augen. Man muss schon versuchen, ihn zu verstehen, um dem Film folgen zu können. Das ist nicht leicht, den reden tut hier niemand viel. KAPLANOĞLU nutzt oft die Wells’sche Tiefenschärfe, um eine Staffelung von Objekten im Raum, um Begehren und Ziele zu inszenieren. Youssef ist dabei immer wieder Zentrum der Bilder, ein Blickfang.

Narration
Was die Faszination des Films letztendlich aber ausmacht, ist die spezielle Konstruktion der Geschichte. Anfang und Ende, das merkt man erst am Schluss, sind miteinander verwoben. Anders aber als bei zeitgenössischen Filmen, trägt BAL das nicht die ganze Zeit vor sich her. Der Film ruht sich weder auf seiner Geschichte noch auf seinen Bildern aus. Die einzelnen Szenen sind immer wieder leicht elliptisch aneinander genäht, so dass man die ganze Zeit aufpassen muss, den Faden nicht zu verlieren. Dabei wird das nie zu einem Ratespiel, es ist eher so, dass man sich auf eine angenehme Art nie unterfordert fühlt. Vielleicht ist es das, was letztendlich den Unterschied von BAL zu anderen Arthouse-Filmen macht: Er ist kein Film, bei dem man als Zuschauer auf der Überholspur ist.

BAL läuft gut einen Monat nach Bundesstart nun auch im Universum in Braunschweig und dort auch nur in der Nachmittagsschiene. Da er so kaum sein Publikum finden wird, ist anzuraten, sich diesen Film möglichst bald anzusehen!


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