BACURAU

BACURAU

Bacurau ist der Name eines kleinen abgelegenen (fiktiven) Dorfes in Brasilien. Die Bewohner dort haben Probleme mit dem Lokalpolitiker Tony Jr., der ihnen durch die Schließung des nahegelegenen Dammes nicht nur das Wasser abgedreht hat, sondern ihnen auch den vernünftigen Zugang zu Medikamenten erschwert. Die Dorfgemeinschaft hält zusammen und lässt sich davon nicht einschüchtern. Doch dann passieren merkwürdige Dinge: Bacarau verschwindet spurlos von allen Online-Karten und die Handynetzte fallen aus. Als dann die ersten Leichen auftauchen, wird auch den sonst friedlichen Bewohnern klar, dass ihnen ein Angriff bevor steht und sie sich verteidigen müssen. Sie wehren sich mehr als von den Angreifern erwartet…

Der Film spielt ein paar Jahre in der Zukunft, aber der Fokus liegt nicht auf futuristischer Technik oder neuen Erfindungen. Viel mehr zeigt der Film eine Art Utopie einer toleranten Gesellschaft, in der alle gleichwertig in ihrer Vielfalt zusammenleben können. Die Sexarbeiterin ist genauso geschätzt und respektiert wie der Feldarbeiter, oder die Ärztin des Dorfes. Die Menschen dort werden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Hautfarbe nicht separiert oder anders behandelt und es gibt keine sichtbaren Hierarchien zwischen den Geschlechtern. Selbst Kapitalismus hat dort keine Bedeutung mehr, da alles fair und selbstverständlich miteinander geteilt wird. Egal ob Nahrung, ein Motorrad oder sogar das Bett. Dinge von finanziellem Wert, hat dort sowieso niemand. Das Leben ist eher einfach gehalten und erinnert an indigene Traditionen. Einzig die auffällig oft vorkommende Markenkleidung von Adidas, erinnert noch an die Welt des Konsums. Der Film thematisiert dies nicht direkt, es wird zu keinem Zeitpunkt darüber gesprochen oder die Welt erklärt, in der die Zukunft sich abspielt. Das Gesellschaftskonzept wird stattdessen mithilfe der dargestellten Figuren präsentiert. Zum Beispiel dadurch, wie sie miteinander umgehen, wie sie sprechen und wie sie handeln. Dies gelingt den Regisseuren, in dem sie ihre Figuren nicht auf äußere Merkmale oder Stereotype reduziert, sondern ihnen eine vielfältige und interessante Charakterzeichnung geben. Dadurch wachsen einem die Dorfbewohner auch sehr schnell ans Herz. Wenn sie später im Film um ihr Überleben kämpfen müssen, fiebert man dementsprechend mit.

Der Film kann als politische Reaktion auf die derzeitige Situation in Brasilien gedeutet werden. Besonders der korrupte Lokalpolitiker steht symbolisch dafür, wie Politik ganz und gar nicht nahe am Menschen gemacht wird. Damit die Bewohner ihm wohlgesonnen sind schenkt er dem Dorf alte Bücher ohne zu wissen, dass Bacarau mit seinen cleveren Einwohnern schon eine sehr gute Bibliothek besitzt. Viel wichtiger wäre der Zugang zu Wasser und Medizin. Stattdessen werden Drogen verteilt, welche die Menschen gefügig machen sollen. Bacarau ist ein Gegenentwurf zu bitteren Realität Brasiliens und auch der restlichen Welt, wo Menschen eingeteilt werden in wertvoll und weniger wertvoll, um die eigene Herrschaft zu sichern und Diskriminierung Anderer zu ermöglichen und zu rechtfertigen.

Auch eine Kritik an dem politischen Rechtsruck und an der Ausbeutung Brasiliens durch die westliche Welt ist in dem Film zu finden. Die Menschenjäger die das Dorf überfallen sind allesamt weiß, reich und kommen nicht zufällig aus Ländern wie Deutschland, England und den USA. Sie stehen zum einen stellvertretend für Neo-Kolonialismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit und zum anderen auch für einen tödlichen Kapitalismus. Beides zeigt dich darin, dass sie sich eine Lizenz dafür kaufen können, dass sie die Menschen aus Bacurau kaltblütig und ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen abschlachten dürfen. Dabei stehen ihnen Drohnen und allerhand Hightech-Kram zur Verfügung, also die neueste Technik zum Töten. Hier wird Fortschritt in seinen zwei Versionen gezeigt und gegenüber gestellt: Neueste Technik, die für böse Taten verwendet werden versus eine weiterentwickelte Gesellschaft, in der ein gutes Leben für alle Menschen möglich wäre.

Handwerklich haben sich die Regisseure von alten Italowestern-Klassikern inspirieren lassen. Zum Beispiel lässt das Dorf zum Showdown zeitlich perfekt abgepasst Särge ankarren, ähnlich wie in dem Film „Für eine Handvoll Dollar“, wo ebenfalls noch vor dem großen Finale Särge für die Gegner angefertigt werden. Außerdem erinnern auch die Schießereien und die Belagerung des Dorfes an klassische Westernfilme. Dazu wirken einige Momente fast wie aus einer schwarzen Komödie, allerdings eine sehr blutige. Da wird dem mit Hightech ausgestatteten weißen Sadisten dann auch mal von einem nackten schwarzen älteren Mann die „first-world“-Birne weggeballert und das aus seinem nur mit Stroh bedeckten Haus heraus. Mit dem Thema Selbstjustiz geht der Film dann auch recht unkritisch um. Insgesamt  überzeugen die Brasilianische Perspektive, die Ideen einer zukünftigen Gesellschaft, die tollen Charaktere und die gelungenen Spannungsmomente.

 

Brasilien, Frankreich 2019
Regie: Juliano Dornelles, Kleber Mendonça Filho
Buch: Juliano Dornelles, Kleber Mendonça Filho
Kamera: Pedro Sotero
Schnitt: Eduardo Serrano
Musik: Mateus Alves, Tomaz Alves Souza
Sound: Nicolas Hallet, Ricardo Cutz
Mit: Sonia Braga , Udo Kier, Barbara Colen, Thomas AquinoProduktion:Saïd Ben Saïd, Michel Merkt, Emilie Lesclaux
Produktionsfirma:Arte France Cinéma, CinemaScópio Produções, SBS Films
Verleih: SBS Distribution130 Min, Farbe, DCP

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