Back Home (DOK Leipzig)

Von Johann Trupp

Heimat ist als Begriff im Allgemeinen schwer zu fassen. Er deutet auf eine im Raum definierte soziale Einheit, suggeriert Sicherheit und Vertrauen in einen Ort, in eine Landschaft, die fest mit dem inneren Rahmen zu einem Gefüge tiefster Zuversicht und klar strukturierten Konturen verwachsen zu sein scheint. Eine stabilisierende Eintracht, die das eigene Ich herauf beschwor. Ebenso ist das Konstrukt Heimat fragil. In seiner topografischen Form, als inneres Gefüge, als Identitätsanker kann es unter äußerer Einwirkung verformt, diffamiert und aufgelöst werden. So geschehen auf der Halbinsel Krim vor einem Jahr.
Diesem Prozess einer Transformation der eigenen Heimat nähert sich die Regisseurin Inna Denisova in ihrem No-Budget Dokumentarfilm Back Home aus einer intrinsischen Motivation heraus. Auf der Krim geboren, ist sie vor Jahren nach Moskau gezogen. Jetzt kehrt sie zurück, um das Vakuum, das die Annexion aufriss, mit Fragen zu füllen, die leeren Strände einer auf Tourismus ausgelegten Infrastruktur zu konstatieren, ihre Erinnerungsbilder an der Realität zerschellen zu sehen.

Es ist eine Bestandsaufnahme der Diversität, die nicht erst mit der Krim-Krise aufkam, doch jetzt an Substanz und Schärfe gewonnen hat, die die Regisseurin zu zeichnen versucht. Die Vielfalt äußert sich in den unterschiedlichsten Handlungsabläufen der Krimbewohner. Um die Stabilität des eigenen Ich´s im Angesicht des geopolitischen Wandels zu behalten oder wieder zu erlangen. Den einen fällt es leicht, vielleicht viel zu leicht, die eigene Identität in eine neue Staatsbürgerschaft zu überführen. Sie bleiben. Den anderen ist es zuwider, in einem neuen Staat aufgewacht zu sein, mit neuen, (alten) Freunden. Sie gehen. Wie der Protagonist Kolja mitsamt seinem Garten, Papageien und Fischen.

Back Home ist nicht nur der Titel des Filmes, sondern auch die offizielle Bezeichnung der Aktion, die für Russland keine Annexion, sondern eine Heimholung der Krim und ihrer Bewohner ist. Inna Denisova versucht nicht, das Dickicht hinter der Intervention Russlands aufzulösen, sie sucht nicht nach Antworten im politischen System, vielmehr entlarvt sie Widersprüchlichkeiten in den Aussagen ihrer Gesprächspartner und verweist auf einen Keil der mit voller Härte zwischen Familien und Freundschaften gestoßen wurde, welcher mit jedem Tag mehr zu einem unüberwindbaren Graben anwächst. Bei all dem verschmelzen ihre Bilder, die heitere Hintergrundmusik und einige animierte Einschübe zu einem ironischen Statement, welches trotzig der Resignation entgegen wirken will.

Sektion: Internationales Programm
OT: Vozvrashchenie domoj, Russland 2015, 74’
R: Inna Denisova

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