Babycall

Babycall-plakat-640x904Eine Mutter und ihr Sohn – vereint durch eine übersteigerte Mutterliebe. Sozial isoliert leben Anna und ihr Sohn Anders ein Leben, bestimmt durch die Angst der Mutter, ihrem achtjährigen Sohn könne etwas zustoßen. Diese Sorge ist allerdings nicht unbegründet. Anders Vater hat den Jungen misshandelt und sogar versucht ihn umzubringen. Der Thriller des norwegischen Regisseurs Pål Sletaune zeigt, wie die angsterfüllte Fürsorge einer Mutter, die bereit ist alles für ihr Kind zu tun, ein normales Leben unmöglich macht.

Annas Sorge ist so groß, dass Anders nicht alleine das Haus verlassen darf. Am liebsten wäre es ihr, er würde nicht einmal zur Schule gehen. Um ihren Sohn auch im Schlaf beschützen zu können, besorgt sie Babyphone. Diese sollen es Anna erleichtern, getrennt von Anders schlafen zu können, was ihr bisher sehr schwer gefallen ist. Doch eines Nachts hört sie Schreie über das Babyphone, die nicht aus dem Zimmer des Jungen kommen. Diese empfängt sie scheinbar von einem anderen Gerät aus der tristen Plattenbausiedlung, in der sie seit kurzem leben. Sie beginnt, sich auf die Spur dieser Schreie zu machen.

An dieser Stelle tritt der Film von der Erzählung einer krankhaften Mutterliebe über in den Bereich des Mysteriösen. Diese Wendung der Erzählung erfolgt mit einer gesteigerten Ereignisdichte. Zu Beginn wird der Film von einer beklemmenden, angsterfüllten Stimmung dominiert, die sich größtenteils aus einer wortkargen und reduzierten Handlung ergibt. Doch mit der Zeit ereignen sich immer mehr Begebenheiten in Annas und Anders Leben, die mit einer neuen Erzählweis einhergehen.
Die von Angst bestimmte Lebensweise Annas verdeutlicht immer mehr die Labilität ihrer psychischen Verfassung, wodurch sich zunehmend die Frage aufdrängt, ob Annas Wahrnehmung auf realen Geschehnissen basiert, oder ob sie halluziniert. Schließlich traut sie selbst ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr. Die Grenze zu einer surrealistischen Ebene wird hierbei immer undeutlicher.
Die überproportionale Steigerung der Verdichtung der Filminhalte wirkt ein wenig verstörend angesichts des anfänglich langsamen Erzähltonus. Der Film zerfällt in einzelne Stücke, wodurch die Story nicht mehr als einheitliches Konstrukt zu fassen ist. Solch einem Bruch ist generell nichts vorzuwerfen, jedoch hat man bei Babycall eher das Gefühl, der Regisseur wolle hauptsächlich viele Erzählelemente und -stile miteinander vereinen, wobei er sich zu sehr von der anfänglichen Richtung entfernt. Die Wendung des Films von einem Psycho-Drama zu einem Pschoy-Thriller scheint hier nicht ganz gelungen. Der Kontrast und der Übergang wirken abrupt und nicht ganz glatt.

Zweifelsohne schafft es Babycall aber gekonnt Spannung zu erzeugen und zwar auf eine schleichende Weise, die an Stanley Kubricks Shining erinnern mag. Zudem stellt Noomi Rapace (bekannt aus Stieg Larssons „Millennium“ -Trilogie) ihr schauspielerisches Talent auch in diesem Film unter Beweis. Doch steht ihre schauspielerische Leistung so sehr im Vordergrund, dass sich die Frage stellt, ob sich Sletaune vielleicht ein bisschen zu sehr auf ihre Brillanz fokussiert hat.

Dem Film gelingt es aber ohne Zweifel, eine überaus bedrückende Atmosphäre zu erzeugen. Karge Wohnräume und einsame Spielstätten erzeugen eine Stimmung von Leere und Ausweglosigkeit, die die seelische Verfassung Annas widerspiegelt.

Neben der schauspielerischen Leistung Noomi Rapaces besteht das Besondere des Films darin zu zeigen, wie eine nicht mehr kontrollierbare Angst daran hindert, ein normales Leben zu führen. Auch verdeutlicht der Film, dass selbst mit der größten Anstrengung die größte Angst nie zu bändigen ist: die Angst, das Wichtigste und Liebste im Leben zu verlieren.
Trotzdem bleibt das Fazit: Weniger ist manchmal mehr. Sletaune hätte sich für eine Erzählweise entscheiden sollen – Entweder psychologisches Drama oder Psycho -Thriller, denn die Kombination aus beidem wirkt leider etwas erzwungen.

Babycall, Norwegen, 2012, ’96
Regie und Drehbuch: Pål Sletaune
Kamera: John Andreas Andersen
Schnitt: Jon Endre Mørk
Darsteller: Noomi Rapace, Kristoffer Joner, Vetle Qvenild Werring
Verleih: Filmwelt Verleihagentur
Kinostart: 12.07.2012

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