Autobahn

Eine Kritik von Rebecca Gustke

„Fahrbahn ist ein graues Band
Weiße Streifen, grüner Rand
Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn
Wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn“
Kraftwerk – Autobahn, 1974

Eintönig. Monoton. Grau in Grau. Die Assoziationen und Bilder, die der Titel Autobahn in den Köpfen hervorruft, sind alles andere als rosig. Viele erinnern sich an stundenlange Staus, langweilige geradlinige Strecken und nicht enden wollende Fahrten. Das Bedürfnis sich weitere 85 Minuten Autobahn im Kino anzuschauen, scheint daher eher gering. Und doch stehen sie im Mittelpunkt von Daniel Abmas‘ Film, der erstmals bei dem 2019er Animations- und Dokumentarfilmfestival in Leipzig gezeigt wurde. Genauer gesagt geht es um den Übergang von A2 zu A30, der lange Zeit eine Lücke im Autobahnnetz darstellte. Stattdessen führte eine breite Straße den Verkehr direkt durch den Kurort Bad Oeynhausen. Trotz seiner wenig versprechenden Prämisse füllt der Film das Leipziger Kino bis zum Rand. Viele kennen diese Stelle ganz genau, haben Stunden ihres Lebens in dem zähen Verkehr verbracht. Die meisten jedoch kennen ansonsten nichts von Bad Oeynhausen. Da weiß Abmas‘ Film Abhilfe zu schaffen.

Über 8 Jahre lang haben er und sein Team den Bau der Nordumgehung beobachtet und sich mit den Bewohner*innen der Stadt unterhalten. Es gibt das Ehepaar, das seinen Frieden mit der Aussicht auf die neue Autobahn direkt an ihrem Grundstück machen muss. Dann ist da die Ladenbesitzerin, die erst spät begreift, dass durch die neue Umgehung zukünftig viel weniger Kundschaft an ihrem Geschäft vorbeifährt. Außerdem der Lokalpolitiker, der verantwortlich für die Entscheidung zum Bau ist und die lokalen „Berühmtheiten“. Statt nur grauen Betonlandschaften werden die grünen Seiten der Stadt und das bunte Leben in ihnen gezeigt. Der Witz und Charme von Abmas‘ Protagonist*innen ermöglicht das eigentlich Unmögliche: eine lebendige Dokumentation über toten Beton. Ohne die Ereignisse wirklich zu kommentieren, gelingt es Absurdes und Kritisches zum Ausdruck zu bringen – seien es die wiederholten Verzögerungen, die typisch für deutsche Bauprojekte zu sein scheinen, oder die Entwicklungen in der Lokalpolitik. Durch die Nähe zu den Bewohner*innen wird ein liebevoller Blick auf die Stadt geworfen. Als Zuschauer*in beginnt man fast sich selbst Zuhause zu fühlen in dem kuriosen Kurort Bad Oeynhausen. So wird schnell glasklar, dass diese Autobahn mehr ist als nur „ein graues Band“ mit „weiße[n] Streifen“ und „grüne[m] Rand“.

Eine Kritik von Oliver Schmidt

Autobahn ist ein Dokumentarfilm von Daniel Abma, welcher im Jahre 2019 seine Weltpremiere auf dem 62. Internationalen Dokumentar- und Animationsfilmfestival in Leipzig feierte. Er wurde in der Kategorie Internationales Programm/ Deutschsprachiges Angebot projiziert. Während einer Spielzeit von 85 Minuten wird der Zuschauer auf eine etwa acht Jahre dauernde Betrachtung der Stadt Bad Oeynhausen mitgenommen. Wie der Titel bereits verrät, portraitiert der Film eine Autobahn, genauer den Ausbau eines lang geplanten aber nie umgesetzten Umgehungsabschnitts, welcher die Autobahnen A 2 und A 30 miteinander verbindet. Zuvor wurde der gesamte Verkehr durch die Stadt gelenkt. Der Film zeigt die Zustände seit 2011 an der vierspurigen Stadtstraße. Aus einer damaligen Allee mit Baumbestand wurde über die Jahre hinweg eine mit Tankstellen, Erotikgeschäften und Fast-Food-Ketten umrahmte, Industriecharme versprühende Dauerstaumeile, welche den Besuchern der Stadt alles andere als deren Kurort Charakter nahebringt. Nationale Bekanntheit hat die Stadt neben ihres vorprogrammierten Staus vor allem für ihre Herzklinik und Kurangebote.

Daniel Abma etabliert neben dem Protagonisten „Straße“ einige mehr oder weniger betroffene Anwohner, welche er nah und lustig in sein Dokument mit aufnimmt. Zum einen wird ein älteres Ehepaar betrachtet, welches seit Generationen an der zukünftigen Umgehungsautobahn wohnt. Des weiteren taucht ein Mann auf, welcher sich selbst als bekannter Stadtbewohner outet, und mit seinem leicht dümmlich wirkenden Auftreten für einige lustige Momente sorgt. Ebenfalls wird eine ältere Dame betrachtet, welche ein Handarbeitsgeschäft direkt an der aktuellen Strasse betreibt. Zum anderen bekommt der amtierende Bürgermeisten (bis 2018) einen Raum für seine Mitteilungen.

Daniel Abma katalogisiert seinen Dokumentarfilm in unterschiedliche Jahresteile. Er Beginnt im Jahr 2011 und arbeitet sich kontinuierlich weiter bis 2019. Es werden die jährlichen Fortschritte der Strasse betrachten und durch die Nebencharaktere weiter erläutert. Es werden die möglichen Folgen der zukünftigen Verkehrsumleitung aufgearbeitet, und was diese mit den jeweiligen Personen machen wird. Durch Zufall hat er „echte“ Charaktere gefunden, welche mit ihren stumpfen Aussagen für einige Lacher sorgen.

Die Aufnahmen enden, mit der Eröffnung des neuen Autobahnabschnitts. Der film macht Lust auf einen baldigen zweiten Teil, da man wissen möchte, wie es nach der Eröffnung weiter geht.

Als häufiger Passierer der dortigen Strassen, war ich sofort mitgenommen von der gezeigten Szenerie. Ich fand mich in vielen Aussagen wieder und war emotional mitgenommen. Der restlos gefüllte Kinosaal und die Emotionen aus dem Zuschauerraum lassen auf selbiges in der übrigen Zuschauerschaft schliessen.

Autobahn, D 2019, 85 Min.
Regie & Drehbuch: Daniel Abma
Kamera: David Schittek
Verleih & Bildrechte: Cristina Marx, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

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