Ausgetrickst von Verhoeven.

„Tricked“ a.k.a. „Steekspel“ oder „Entertainment Experience“

Seit 2012 werden in den Niederlanden Informationen über das sogenannte „Entertainment Experience“ ausgestrahlt, die Premiere des Hauptfilms von Paul Verhoeven wurde am 24. September 2012 in Amsterdam mit einer 30 minütigen Dokumentation eingeleitet. Das Ergebnis nennt sich „Steekspel“ auf holländisch, international bekommt es den Titel „Tricked“. Eine mehrteilige Co-Produktion im satirischen, sozialdramatischen Stil. Die Dokumentation des Produktions-Projekts wird aus der Sicht von Verhoeven geschildert und reiht es in sein Lebenswerk als Filmemacher ein.

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Der kurze von Verhoeven gestaltete Spielfilm kann als Pilot verstanden werden. Gut zu wissen, für das Verstehen seines Films jedoch irrelevant ist, dass acht weitere Teile folgen sollen. Diese wurden von Co-Regisseuren geschrieben, um an diesen Piloten anzuschließen oder um diesen mit seinen acht festgeschriebenen Charakteren zu verändern. Die Co-Regisseure wurden durch einen Drehbuch-Wettbewerb ermittelt. Der Schwerpunkt der Doku beschäftigt sich allerdings mit Verhoevens früheren Filmerfolgen (u.a. RoboCop, Basic Instinct, Starship Troopers) und versucht mit zeitgemäßen Catch-Phrases über Schwarm-Intelligenz und Mitbestimmungsprozessen dem zu entsprechen, was Verhoeven als demokratisches Filmprojekt der Social-Media Generation anpreisen möchte. Er selbst gibt an, begeistert über 10.000 Seiten Script gelesen zu haben und dass leider nur die besten der insgesamt überwältigenden Ideen ausgewählt werden konnten. Dankbar gibt er zu, dass er zu einigen Ideen nur durch die Mithilfe von Studenten während gemeinsamer Seminare gelangt ist. Wie zum Beispiel die Tampon-Szene, bei der es für die Handlung passender war, den Tampon in der Toilette, anstatt im Mülleimer daneben zu platzieren. Wer hätte das gedacht?! Verhoeven weist darauf hin, dass er bei diesem Projekt versucht hat, den Gesamtüberblick zu wahren und über filmbestimmende Aspekte selbst zu entscheiden. Wichtig schien ihm, allzu spektakuläre Einzelszenen, wie das in-die-Luft-sprengen eines Hauses durch die russische Mafia zu vermeiden und lieber den jungen Drehbuchautoren Tipps zur technischen Realisation zu geben. Die Doku gibt einen interessanten Einblick über die Durchführung des Projekts und das Durcheinander wie viele Personen irgendwie beteiligt sind. Dafür zeigt sie auch diverse Mankos bei Prozessen mit vielen Entscheidungsträgern. So bleiben einige Fragen offen über den tatsächlichen Ablauf des Prozesses und den Rahmen für die Aufführungen der Co-Regisseure. Der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Teilen bleibt unübersichtlich. Die Versionen der Co-Regisseure sind vorerst auf der offiziellen Webseite in niederländischem Stream zu sehen. Ein Abstimmungsprozess der Web-2.0-User wird erst in eineinhalb Jahren den Sieger küren. Zumindest können wir uns dank der aufpolierten Medienpräsenz schon jetzt ein Bild über Verhoevens Version machen:

03Tricked ist ein unterhaltsames 50 minütiges Sozial-Drama. Die Familie Albrecht um den circa 50 jährigen Familienvater und Architekten Remco ist in ein Intrigenspiel verwickelt. Die Arbeitskollegen versuchen die Anteile der Firma zu erpressen, wofür eine Liebschaft vorgibt von Remco schwanger zu sein. Die Mutter Ineke, Sohn Tobias und Tochter Lieke halten es, wie viele andere anwesende Partygäste der Albrechts, mit Remcos Liebschaften und der löcherigen Familiensituation wie mit einem offenen Geheimnis. Tobias steht auf Pornos und auf Merle, die hübsche Freundin von Lieke, die es allerdings auf Remco abgesehen hat – worüber die Mädchen im Nebenzimmer bei Alkohol und Koks spekulieren.

04Die Erzählstränge der Story sind interessant verwoben. Leicht folgt man den Interessen der Charaktere, die in einzelnen Szenen vorgestellt werden. Alle Beteiligten scheinen in einem Soap-ähnlichen Mikrokosmos zu leben. Jeder denkt, cool und abgeklärt inszeniert, nur an sein eigenes Glück. In zügigem Tempo werden die Bauteile des Plots offengelegt, bis sich ein stimmiges Puzzle ergibt. Die Mutter Ineke behält bei den ganzen Intrigen den Überblick und lässt Remco schließlich als Trottel auffliegen, da sie ihn und ihre Familie aus der durch ihn verursachten ausweglosen Situation befreit. Der Plot bietet kleine Überraschungsmomente in der beliebigen was-wäre-wenn-Atmosphäre und am Ende ist eine etwas andere Variante der Ausgangssituation wiederhergestellt: Die Ehe ist trotz der Krise gerettet, die Firma irgendwie auch, die jungen Erwachsenen fahren zum Rammstein-Konzert nach Deutschland. Der Film ist gelungen, solange man sich auf die Bewertungsebene eines Vorabendprogramms im TV begibt. Ein Kinoerlebnis ist diese glatte Produktion nicht. Bild, Schnitt und Plot mal eben gut zu gestalten, führt zu einem Naja-Gefühl beim Rezipienten, obwohl Verhoeven meint er hätte mit Tricked ein spannendes und neuartiges Experiment riskiert.

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Tricked 2012, Niederlande, 89′
Drehbuch: Kim van Kooten, Paul Verhoeven, Robert A. Thijm
Darsteller: Peter Blok, Ricky Koole, Gaite Jansen u.a.
Kamera: Lennert Hillege
Musik: Fons Merkies
Verleih: FCCE, Ziggo
DVD Release: 30. August 2013

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