Aus dem Leben eines Schrottsammlers

aus-dem-leben-eines-schrottsammlers-pl_423_600_80Nazif ist der Schrottsammler. Er und seine Frau Senada sind Roma, zusammen haben sie zwei Mädchen und leben unter ärmsten Verhältnissen in der Nähe von Sarajevo. Als es Senada eines Tages sehr schlecht geht, müssen sie ins Krankenhaus, wo sie erfahren, dass ihr noch ungeborener Sohn im Mutterleib gestorben ist und durch einen operativen Eingriff entfernt werden müsste. Doch dafür fehlt ihnen die Versicherung und das Geld – und das Krankenhaus hat strikte Anweisung, nicht ohne Bezahlung zu operieren.

Es ist eine leider alltägliche Geschichte, auf die Regisseur Danis Tanovic (No Man’s Land) gestoßen ist, eine zudem, die sich tatsächlich so ereignet hat und die er mit denen, die sie erlebt haben, für den Film reinszeniert. Mit einer kleinen Crew ist er nach Sarajevo gefahren und hat die Familie so wie ihre Freunde und Verwandten die Geschichte für die Kamera nachspielen lassen. Ein Film in der Art des Neorealismus hätte daraus werden sollen, eine kleine Geschichte von kleinen Leuten, mit Laien besetzt, die auf der Berlinale sogar mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurden. Aber der Film funktioniert nicht, er bleibt ohne Wirkung. Grund dafür ist nicht der dokumentarische Stil, sondern dass diese Form gewollt unbeholfen wirken soll, um sich ganz auf die Geschichte zu konzentrieren. Denn die Imitation der Dokumentation schafft Vorbereitung und Konstruktion von Szenen ab, die hätten mehr erzählen können, als die bloße Schilderung des Leids der Darsteller. So bleibt Der Schrottsammler eine Reportage, da er nicht auf den Mehrwert einer Reinszenierung zielt, sondern auf den Bericht. Es ist nicht Poesie oder geschliffene Dramaturgie, die fehlt, sondern der Blick für die Möglichkeit, im erneuten Durcharbeiten das zu erkennen, was im ersten Erleben aufgrund der Dramatik natürlich unbeachtet bleibt: die Frau als passiver Spielball der Ereignisse beispielsweise; das Mitschleifen der Kinder von einem Termin zum anderen; die bedingungslose Hilfe der Nachbarn. All das erfährt man zwar auch im Film, immer aber nur über die Narration, nicht über den Mehrwert einer klugen Inszenierung, über Blicke, Montage, Szenenaufbau.

Jean-François Lyotard hat in einem Text recht gut beschrieben, was den Neorealismus im Kino und seine Faszination für die Zuschauer eigentlich ausmacht:

Der »Neorealismus« ändert dieses Verhältnis. Durch die deskriptiven Fenster oder Löcher entdeckt er, daß die Realität, also dieses oder jenes Element, das zur erzählten Geschichte gehört, eine Art Autonomie gegenüber dieser Geschichte besitzt. In diesem Augenblick befreit sich die Realität von der Rolle, die die Narration sie spielen läßt. Der Wassertopf, den die Frau gleich auf den Gasherd stellt, um Kaffee zu kochen, gewinnt plötzlich eine eigentümliche Intensität. Als ob dieser einfache Topf, der seit Jahren allmorgendlich dazu dient, das Kaffeewasser heiß zu machen, mit der Kalkschicht, die sich am Boden abgelagert hat, den Gebrauchsspuren an seinem Griff und den Dellen am Rand, eine andere Geschichte erzählte.

Im Neorealismus, auch in seiner gegenwärtigen Erscheinung im sogenannten Weltkino, besitzen Menschen und Gegenstände eine Widerständigkeit gegen die Narration, so dass ihre Geschichte nicht von der des Films vereinnahmt wird. Doch für diese Realität hat Der Schrottsammler keine Zeit.

Aus dem Leben eines Schrottsammlers (Epizoda u zivotu beraca zeljeza) | Bosnien Herzegovina/F/Slovenien/I 2013, 75 Min.
Regie & Buch: Danis Tanovic
Kamera: Erol Zubcevic
Darsteller: Nazif Mujic, Senada Alimanovic
Kinostart: 10.10.2013, Verleih: Drei Freunde

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>