Ästhetik deplatziert

Denis Villeneuve and the cast of Polytechnique have transformed the tragedy of the Montreal Massacre into a work of profound beauty”, schreibt die Journalistin Katherine Monk und bewertet den Film mit vier von fünf Sternen. Und in der Tat, schön ist der Film wirklich. So schön, dass aus einem College Shooting, in dessen Verlauf 14 Frauen ums Leben kamen, ein poetisches, schwarz-weißes Bildergedicht wird. Das klingt genauso problematisch, wie es ist. Denn die filmische Aufarbeitung der im Jahre 1989 an der École Polytechnique Montreal stattgefundenen Bluttat (Der Film greift diesen Vorfall auf, die Charaktere sind jedoch allesamt fiktional) verzettelt sich in einer äußerst fragwürdigen Ästhetisierung, die dem von tiefem Frauenhass getriebenen antifeministen Marc Lépine – im Film “The Killer” (Maxim Gaudette) genannt – erneut eine Bühne gibt. Zudem erinnert der Aufbau des Streifens viel zu sehr an den eines gewöhnlichen Spielfilms. So nimmt die Exposition schon das vorweg, was später geschehen wird: Es fallen Schüsse, getroffene Körper sacken zu Boden. Schnitt. Der Killer bereitet sich vor, aus dem Off deklamiert er einen Abschiedsbrief für seine Eltern. Auf diese Weise erfährt man auch von seinen Motiven. Den weiteren Verlaufen bestimmen Szenen an der Universität, die dem Betrachter einige der baldigen Opfer näher bringen, die langsame Annäherung des Killers an jene und schließlich der eigentliche Verlauf des Massakers. Der Film ist im weiteren Ablauf folglich klimaxisch struktuiert und wird lediglich durch ein paar weitere Zeitsprünge unterbrochen. Diese wirken fehl am Platz, weil sie zu nichts führen und höchstens für Verwirrung stiften; vor allem, weil es mir nicht einleuchten mag, inwieweit sie einem Film mit solch einer Hintergrundthematik in irgendeiner Weise dienlich sein sollten.

Ebenso stelle ich mir diese Frage in Hinblick auf den ständigen Perspektivwechsel. Erzählt wird nicht nur aus der Sicht des Killers, sondern aus der einer jungen Frau (Valérie, gespielt von Karine Vanasse) und eines jungen Mannes (Jean-François, gespielt von Sébastien Huberdeau). Letzterer begeht Selbstmord, weil er nach Androhung seitens des bewaffneten Mannes zusammen mit seinen Kommilitionen einen Seminarraum verlässt und dem Gefühl erliegt, die verbleibende Gruppe Frauen im Stich gelassen zu haben. Denn diese werden gezwungen zu bleiben und aus nächster Nähe beschossen; bis auf zwei, darunter Valérie, erliegen sie ihren Verletzungen. Diese Sichtwechsel zeugen zu sehr von einer Bemühung, dem Film Komplexität zu verleihen sowie durch einen gewissen Aufschub der Tat Momente des Suspense zu erzeugen, denen ich mich in diesem Falle einfach nicht hingeben möchte. Und wenn man dann gegen Ende des Films den Killer über Tischreihen schreiten sieht und durch das Auge einer schwebenden Kamera mit ansehen muss, wie er durch diese Holztische hindurch schießt und die darunter kauernden Personen unter den Treffern zusammen zucken, dann ist mir das inszenatorisch gesehen etwas zu sehr Actionkino, zumal sich Villeneuve mit einer musikalischen Untermalung an dieser und einigen anderen Stellen ebenso wenig zurückhalten konnte. Apropos zurückhalten: Zwar mag Gus van Sants Elephant im Grunde ein fast ebenso problematischer Film sein, jedoch ist das Massaker dort zumindest unspektakulärer inszeniert und mit zeitweise eingesetzen Tiefenunschärfen versehen, um einer Schauwertigkeit immerhin ein wenig entgegenzuwirken. Der Film scheitert jedoch an unüberlegt eingearbeiteten Klischees, wenn van Sant etwa zeigt, wie die beiden jungen Männer Ego-Shooter spielen und Nazivideos schauen, bevor sie ein Blutbad anrichten.

Bevor dann in Polytechnique letztendlich der „In Memoriam“-Schriftzug und einige Namen der getöteten Frauen eingeblendet werden, versucht sich Villeneuve in einem ambivalenten Ausklang. Der Killer erschießt sich und sein Blut vermengt sich mit dem Blut einer neben ihm liegenden Frau, die sein letztes Opfer war. Ein reduziertes Gitarrenspiel verleiht der Szene eine aufgesetzte Melancholik, die seinen Selbstmord zum theatralischen Akt verkommen lässt. War er selbst auch nur ein Opfer? Falls es die Absicht des Regisseurs war dies aufzuzeigen, warum dann auf solch eine überästhetisierte Weise? Und entgegen meiner Erwartungen endet der Film dann mit einem Quasi-Happy-End: Valérie ist schwanger, arbeitet in ihren Traumjob – nachdem sie im ersten Drittel des Films bei einem Vorstellungsgespräch aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wurde – und wird in einer letzten Einstellung von ihrem Freund umarmt, bevor die Kamera – auf den Kopf gedreht – durch die scheinbar endlosen Gänge der Universität schwebt. Die Musik von der Suizidszene ist immer noch die Selbe. An dieser Stelle hatte ich endgültig das Gefühl, im falschen Film zu sitzen. Die Phrase „He’s free – I’m not“, welche Valérie in einem Brief an die Mutter des Killers formuliert und als Voice-over verliest, wirkt dann obendrein noch mehr als abgedroschen.

Polytechnique, Kanada 2009, 77′
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Denis Villeneuve, Jacques Davidts
Kamera: Pierre Gill
Darsteller: Maxim Gaudette, Karine Vanasse, Sébastien Huberdeau, Evelyne Brochu

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