Anthropocene: The Human Epoch

Filigran geschnitzte Statuen aus Elfenbein, Kilometerlange Bohrtunnel, gewaltige Marmorquader… die Menschheit formt und verändert die Erde seit sie die Chance dazu hat. Ein Vorschlag aus der Wissenschaft für einen Terminus der Epoche, ab welcher der Einfluss menschlicher Handlungen unseren Heimatplaneten nachhaltig verändert, lautet „Anthropozän“. Den Veränderungen, Einflüssen und Folgen dieser Epoche widmet sich der Dokumentarfilm Anthropocene: The Human Epoch. Er ist der dritte Teil aus einer Reihe von Naturdokus und ist auch Teil eines größeren Projekts, unter welchem bereits Essays, Bücher und Museumsausstellungen entstanden sind.

Trotz der Thematik der menschlichen Ausbeutung der Natur, lässt der Film die Ästhetik archetypischer Naturdokus dabei überraschenderweise nicht hinter sich. Es wäre schließlich einfach, erschreckende Bilder von brennenden und gerodeten Wäldern, unnatürlich verfärbtem Wasser und ausgehölte Bergtunneln als Schreckensbilder auf der Leinwand zu manifestieren. Stattdessen wird in Anthropocene statt der bekannten dokumentarischen Aufbereitung der Schönheit von Flora und Fauna durch die Bilder eine Ästhetik des Verderbens propagiert. Schnitt und Montage sowie die Narration von Hollywoodschauspielerin Alicia Vikander übernehmen hier die aus Naturdokus bekannte Rolle des erhobenen Zeigefingers. Besonders die Narration von Vikander scheint dabei überflüssig zu sein und geht unter den starken Bildern unter. Denn der Narration und dem Schnitt stehen eben jene Bilder gegenüber, welche eine Schere öffnen: So wie die gewaltigen, abgetragenen Marmor-Quader als Skulpturen der Kunst zugeführt werden, wird auch der Marmor-Steinbruch durch die bildliche Darstellung des Filmes zu einem abgefilmten Kunstwerk. Auch die Furchen, welche ein gigantischer Bohrer in einen Tunnel gefressen hat, entfesseln in Großaufnahme künstlerische Bildgewalt. Erst mit dem Blick aus der Distanz, welcher durch das Rauszoomen der Kamera ermöglicht wird, wird das ganze Ausmaß der Zerstörung eingefangen.

Und so bleibt trotz schönen Bildern richtigerweise die Darstellung von der Hybris der Mensscheit nicht aus. Denn die kanadischen Filmemacher waren unter anderem zur rechten Zeit am rechten Ort, als sie den Abriss einer 125 Jahre alten Kirche im ehemaligen Dorf Immerath
im Ruhrgebiet filmten. Immerath wurde für ein Braunkohlebergwerk umgesiedelt. Hier musste nicht nur die Natur, sondern auch menschliche Kultur für weitere Industrialisierung weichen.
Anthropocene: The Human Epoch bohrt nicht mit dem Zeigefinger auf der Brust, sondern lässt eigene Schlüsse zu. Die Narration stört dabei und die Filmemacher*innen sollten eher ihren starken Bildern und dem Publikum mehr zutrauen.

Regie: Edward Burtynsky, Jennifer Baichwal, Nick de Pencier

Kanasa, 2018

87 min

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